Dienstag , 29. November 2022
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PE56PZE5Z5EYTHYNNQEL7CVNAE Quelle: Shutter81 - stock.adobe.com

Wo sind all die Farben hin? Vom Siegeszug des Grau

Eine große Autowaschanlage in Norddeutschland. Zäh schieben sich die Fahrzeugschlangen durch drei parallele Waschstraßen. SUVs, Familienkutschen, Kleintransporter. Die visuelle Stichprobe ergibt: Von 28 Autos sind 26 grau, schwarz oder weiß. Kein einziges ist rot, grün, gelb oder lila. Es ist nur eine Momentaufnahme, aber sie deckt sich mit der Statistik: 76 Prozent aller neu zugelassenen Autos in Deutschland sind inzwischen grau (29,8 Prozent), schwarz (24,7 Prozent) oder weiß (21,5 Prozent). So meldet es das Kraftfahrtbundesamt.

Zum Vergleich ein Blick auf ein Foto des Volkswagen-Firmenparkplatzes in Wolfsburg aus den Siebzigerjahren. Es ist eine Explosion der Farben. Himmelblaue Käfer, orangefarbene Passats, quietschgrüne Golfs, Opel Kadetts C in „Kaschmirgelb“. Von mehr als 50 geparkten Autos sind nur vier weiß. Kein einziges ist grau oder schwarz. Was ist passiert? Wo sind all die Farben hin?

Es sind ja nicht nur die Autos. Die kreative Monotonie des deutschen Individualverkehrs ist nur das sichtbarste Symptom eines Trends, der sich seit Jahren in vielen Lebensbereichen zeigt. Wir erleben die schleichende Entfärbung der Welt. Fifty Shades of Grey, wohin das Auge blickt. Grau sind die Bahnhöfe, grau die Asphaltstraßen, grau, schwarz oder weiß die Gartentische, Zäune, Garagentore, Hausfassaden, Fahrräder, Smartphones, Computer, Büros und Anzüge. Machen Sie einmal den Test und blicken Sie jetzt aus dem nächsten Fenster. Wie hoch ist der Grau/Weiß/Schwarz-Anteil in dem Bild, das sie sehen? Wie viele echte, klare, bunte Farbtöne sehen Sie?

„Die Graukollektion“: Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau und Co.

„Farbe des Monats: Grau“, wirbt die Baumarktkette Obi zu Fotos anthrazitfarbener Terrassenmöbel. Der Siegeszug ödgrauer, aber pflegeleichter Schottervorgärten statt bunter Blumenbeete hält an. Junge Mangafans färben sich im „Granny Style“ die Haare grau. Im Reisechaos des Sommers baten Flugesellschaften ihre Kundschaft, weniger schwarze Koffer zu verwenden – um die Auffindbarkeit zu verbessern. Es ist, als habe das Ehepaar Melzer aus Loriots Film „Ödipussi“ das Kommando übernommen. Jenes graue Seniorenpaar („Wir waren mit Grau eigentlich sehr zufrieden“), dem Stoffexperte Paul Winkelmann alias Loriot so gern ein „ganz frisches Steingrau“ aufschwatzen würde („Ich habe hier eine Graukollektion, da haben Sie 28 Grautöne in jeder Qualität: Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau, Steingrau, Bleigrau, Zementgrau …“)

Nur 28, Herr Winkelmann? Allein der Autolackespezialist BASF Coatings hält inzwischen 110 Grautöne in seiner Palette bereit. Auf dem Markt finden sich: Flanellgrau, Kaltgrau, Monsungrau, Emerald Grey, Indiumgrau, Kadettengrau, Manhattangrau, Daytonagrau, Mineralgrau, Moonwalk Grey, Oxidgrau, Uranograu. Volkswagens elektrischen ID.4 gibt es in Mondsteingrau und Mangangrau, den Familienvan Touran in Delfingrau Metallic oder auch Limestone Grey.

Auch in der Mode nimmt der Anteil an Grautönen seit Jahren zu – von Opalgrau über Achatgrau bis zum Farbton „Rauchperle“. „Die Looks strahlen Ruhe und Harmonie aus, meist einhergehend mit monochromer Farbigkeit von beige bis grau“, heißt es im „Trendbericht des Deutschen Modeinstituts“ aus dem Winter 2021/22. Und weiter: „Helle Neutrals werden für starke, monochrome Looks eingesetzt: von Elfenbein, Puder, Rosewood, Milky Camel und Grau-Melange über sämtliche Shades of White bis hin zu Off-White. Beliebt sind Graukombinationen wie Salt & Pepper.“ Designer sprechen von „Normcore“. Einer Art „radikaler Unauffälligkeit“ also. Der neue Individualismus heißt „extrem normal“.

40 Prozent der Deutschen bevorzugen Blau

Grau sei „die traurige Welt, in die alle Farben stürzen“, schrieb der Dichter Derek Jarman. Diese Unfarbe sei ein „Grab, eine Festung, aus der es kein Entkommen gibt“. Bonjour tristesse! Und das, obwohl 40 Prozent der Deutschen als ihre Lieblingsfarbe Blau nennen, gefolgt von Rot (19 Prozent), Grün (18 Prozent), Schwarz (16 Prozent), Gelb (11 Prozent) und Weiß (8 Prozent). Grau kommt erst auf Platz sieben (mit 7 Prozent). Bei Lieblingsfarben dominieren also die bunten Klassiker. Woher kommt dann der Boom zum grauen Einerlei bei Konsumartikeln und Bauten? Warum hat Grau unter Architekten und Designern so viele Freunde? Ist es die Vernunft? Statistiken von Gebrauchtwagenportalen zeigen, dass Fahrzeuge in dezenten, defensiven Farben bessere Wiederverkaufswerte erzielen. Anthrazit kann, in Maßen angewendet, auch für eine gewisse elegante Zeitlosigkeit stehen. Aber warum dominiert der Ton derart?

Die Autofarbwahl habe „wenig mit Selbstverwirklichung zu tun“, sagte Paolo Tumminelli, Professor an der Köln International School of Design, dem „Spiegel“. Den meisten Autokäufern gehe es vor allem darum, „keine Fehler zu machen“. Psychologen haben ermittelt, dass Fahrer und Fahrerinnen von grauen oder weißen Fahrzeugen überlegte bis überkorrekte Menschen seien, die viel Wert auf Sicherheit legten und sich „nur schwer mit den Fehlern anderer Autofahrer abfinden können“. Was die Studien da beschreiben, ist der Prototyp des deutschen Automobilisten. Und das führt zum Kern.

Es geht um Gefühle. Grau ist farbgewordene Unverbindlichkeit. Die perfekte „Farbe“ in einer multioptionalen Lifestylewelt, die sich nicht festlegen mag. Grau macht keine Fehler. Wer seinen Flur lila streicht, riskiert Verwunderung. Grau sorgt nicht für Aufsehen. Grau ist mehr als eine unbunte Nichtfarbe. Es ist der universale Zustand dieser unverbindlichen Zeit, die sich gern alles offenhält. Grau habe „schlechthin keine Aussage“, notierte der Maler Gerhard Richter, in dessen Werk sich mehr als 100 monochrome Bilder finden, schon 1975. „Es löst weder Gefühle noch Assoziationen aus, es ist eigentlich weder sichtbar noch unsichtbar.“ Grau ist für Richter „die ideale Farbe für Meinungslosigkeit, Aussageverweigerung, Schweigen“.

Ist Grautragen Selbstschutz?

Aussageverweigerung. Das ist die Quelle des Graubooms. Denn natürlich sind die Farben, die ich wähle, immer auch ein Statement. Wer gelbe Socken trägt oder goldene Autos fährt, fällt auf. Bei der grauen Welle geht es genau um das Gegenteil: sich in einer überkomplexen, lauten, grellen Welt nicht unnötig zu exponieren, sondern wenigstens optisch auf Nummer sicher zu gehen. Es geht um Unangreifbarkeit bis hin zum Selbstschutz. Nach den späthippieesken Farbräuschen der Siebziger mit ihrer Prilblumenästhetik, den grün gekachelten Bädern, orangefarbenen Gesamtschulen, braun-bunten Emaillekochtöpfen und Nina Hagens „Alles so schön bunt hier!“, nach den neonfarbenen Achtzigern und den technoglitzernd-partyschrillen Neunzigern ist Grau heute die Farbe der Indifferenz, des Unbestimmten und Ausgangsoffenen. Schon die Sprache verrät, dass Grau eine Zwischenwelt beschreibt – vom „grauen Markt“ bis zum „Graubrot“, vom „Morgengrauen“ bis zum „Grauimport“.

Dabei befindet sich das Grau „in seiner Farb- und Gestaltlosigkeit zwischen Auslöschung und Vollendung, dem Nicht-mehr- und dem Noch-nicht-Sein“, sagt die Philosophin Myriam-Sonja Hantke in einem MDR-Feature. Das heißt: Die Nichtfarbe Grau – und mehr noch das Weiß, das sämtliche bunten Farben ja enthält – steht im Kern nicht für das Nichts, sondern im Gegenteil: für das Alles. Es ist die „farblose Allfarbe, das Absolute“ (Hantke).

Aber was ist überhaupt „grau“? Was ist „bunt“? Frage an das Deutsche Institut für Normung. Ergebnis: „Der Buntton beschreibt die Art der Buntheit einer Farbe. Die Buntheit beschreibt die Verschiedenheit einer Farbe vom gleichhellen Unbunt.“ Das hilft nicht wirklich weiter. Sicher ist: Menschen sind visuelle Wesen. 70 Prozent der Sinneseindrücke nehmen wir über Sehreize auf. Farbe freilich ist nur eine „Erfindung“, ein Vehikel des Gehirns. Was wir als Licht und Farbe empfinden, ist die Schwingung elektromagnetischer Wellen, die in der Netzhaut des Auges von Fotorezeptoren in elektrische Impulse verwandelt und an das Gehirn geschickt werden.

„Wir verlieren den Mut zur Farbe“

Dabei sind sechs Millionen Zapfen für das Farb- und Tageslichtsehen sowie 125 Millionen Stäbchen für das Dämmerungssehen zuständig. Zum Erkennen von Farben brauchen wir also Licht. Genau deshalb sind nachts „alle Katzen grau“. Ohne Farbe fühlt sich die Welt für den Menschen an, als herrsche auch tagsüber eine Art ästhetische Nacht. Man spricht auch von „sensorischer Deprivation“ – also dem Entzug von Sinnesreizen. Im US-Gefangenenlager Guantanamo und anderswo war die Extremform dieser Sinnesabkapselung durch Gehörschutz, Augenbinde, Atemmaske und Fesselung eine grausame Foltermethode.

„Wir verlieren den Mut zur Farbe“, befürchtet der Farbpsychologe, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller Harald Braem. Er hat die lila Milka-Kuh mitentwickelt und schrieb das Standardwerk „Die Macht der Farben“. In der „FAZ“ beschrieb er die Folgen der optischen Monotonie: „Wir entfernen uns immer mehr von der Natur und unseren natürlichen Emotionen. Das gesteht aber niemand ein. Stattdessen wird zweckrationalisiert: Man spricht von ‚neuer Sachlichkeit‘.“ Das Grau der Stadt, warnt Braem, erzeuge „ab einem gewissen Punkt Aggression“.

Die Farbe also – jener „Ort, wo unser Gehirn und das Weltall sich begegnen“ (Paul Cézanne) – fehlt dem Menschen, wenn sie nicht mehr da ist. An den grauesten, nebligsten Küsten in Irland oder Nordengland streichen die Menschen seit Jahrhunderten ihre Häuser knallbunt an, um den Sinnen Reize zu bieten (und nicht etwa, wie man sich gern erzählt, damit sie auch in betrunkenem Zustand ihre eigene Haustür wiederfinden).

„An Stelle des schmutziggrauen Hauses trete endlich wieder das blaue, rote, gelbe, grüne, schwarze, weiße Haus“, wünschte sich auch Bruno Taut, Magdeburger Stadtbaurat und Architekturpionier, kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einem leidenschaftlichen Appell für farbenfrohes Bauen. „Wir wollen keine farblosen Häuser mehr bauen und erbaut sehen“, schrieb er nach den kalten, dunklen, schwarzen Kriegsjahren. „Und wir wollen durch dieses Bekenntnis dem Bauherrn, dem Siedler, wieder Mut zur Farbenfreude am Innern und Äußern des Hauses geben.“ Gut 100 Jahre später klingt sein Aufruf aktueller denn je.

Von Imre Grimm/RND