Samstag , 3. Dezember 2022
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Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) Quelle: Die Verwendung ist nur bei redaktioneller Berichterstattung im Rahmen einer Programmankündigung ab 2 Monate vor der ersten Auss

Die Sünde lebt weiter! „Babylon Berlin“ geht in seine bisher stärkste Staffel

Gierige Chefs, Vetternwirtschaft, Machtmissbrauch, politischer Druck, ein unglücklich murrendes Arbeiterheer und massive Ängste um den Bestand des ganzen fragilen Systems: Das klingt nach „Babylon Berlin“. Das ist jedoch gleichzeitig auch der gegenwärtige Zustand der ARD. Es weht in diesen Wochen ein leiser Hauch der Weimarer Republik in Auflösung durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in der Sinnkrise. Umso froher ist man in den Chefetagen von „Babylon ARD“, dass es mitten in der schwärenden Schlesinger-Affäre und ihren multiplen Nachwehen endlich mal wieder Anlass zum Feiern gibt.

Der Delphi-Filmpalast am Zoo in Berlin. Blitzlicht. 750 Gäste feiern die Weltpremiere der vierten Runde für die erfolgreichste, meistverkaufte (und mit bisher 40 Millionen Euro teuerste) TV‑Serie aller Zeiten made in Germany, ausgezeichnet mit 14 Grimmepreisen, zu sehen in 130 Ländern der Erde. Berlins Regierende Bürger­meisterin Franziska Giffey lässt sich ausgiebig vor einem historischen Fahrzeug mit uraltem Verbrenner­motor fotografieren. Es sind Bilder, die durchaus schlecht altern könnten.

Doch an diesem Abend geht es ums Feiern. „Babylon Berlin“ habe „international alle Türen aufgemacht“, sagt ARD‑Programmdirektorin Christine Strobl stolz. „Es ist das größte fiktionale Projekt, das die ARD je ange­gangen ist.“ Der Lohn: bisher 50 Millionen Abrufe in der Mediathek – das ist Rekord. „Deutsche Serien haben einen Schub bekommen. Die Welt wartet darauf, dass wir unsere Geschichten erzählen“, freut sich Strobl. Endlich fragt mal keiner nach Massagesitzen und teurem Parkett.

ARD-Zuschauer müssen ein Jahr warten

Kleiner Schönheitsfehler: Zunächst mal darf nur der ARD‑Partner Sky ab Samstag „unsere Geschichten“ erzählen. „Es ist unser Leuchtturmprojekt“, wirbt Elke Walthelm, bei Sky verantwortlich für die Programm­strategie. Die ARD ist mit Staffel vier von „BB“ erst im Herbst 2023 an der Reihe. „Ich bin ein bisschen neidisch auf Sky“, sagt Strobl. Tatsächlich gibt es nur einen Grund, warum der Juniorpartner Sky gegenüber der ARD den Startvorteil heraushandeln konnte: weil Sky sonst nicht mitgemacht hätte. Und ein solches Projekt allein zu stemmen schafft auch nicht die finanziell noch immer fürstlich ausgestattete ARD. Gegen die Etats von Netflix und Amazon ist eben auch der Geldtopf der ARD für fiktionale Inhalte „nur ein Nasenwasser“, hat Strobl mal gesagt.

Mit den neuen Folgen findet „Babylon Berlin“ zum vertrauten Ton zurück. So ehrlich muss man sein: In Staffel drei dieses Panoptikums des Wahnsinns hatte sich der Wirbel der Erzählstränge etwas zu weit ausgefranst. Im brodelnden Moloch des Weimarer Berlins und der Flut von morbidem Personal ging etwas die Übersicht verloren. Ganz anders in Staffel vier. Sie beginnt direkt mit einem Paukenschlag und nimmt dann stabil Fahrt auf, ohne den Arbeitsspeicher des Publikums zu überfordern. Es ist – das darf man verraten – die bisher stärkste Runde von Achim von Borries’, Henk Handloegtens und Tom Tykwers wild leuchtenden Ungetüm von einer Serie.

Die Handlung der zwölf neuen Folgen springt von 1929 in die Silvesternacht 1930/1931: Kriminalassistentin Charlotte Ritter (unaufhörlich großartig: Liv Lisa Fries) soll den Tod eines jungen Mannes dokumentieren, der vom Dach eines Kaufhauses gestürzt (?) ist. Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) hingegen hat sich, so scheint es, der Nazimeute der SA angeschlossen und zieht mit anderen Braunhemden marodierend durch die Innenstadt, um die Läden jüdischer Geschäftsleute zu zerstören, was Charlotte massiv erschüttert.

Derweil lässt sich die Festgesellschaft des irrlichternden Industriellen Alfred Nyssen (niemand spielt depperte Muttersöhnchen so wie Lars Eidinger) elektrisiert eine futuristische Rakete präsentieren und träumt zukunfts­besoffen von der Mondfahrt. Der New Yorker Jude Abraham Goldstein (neu dabei: Mark Ivanir) reist nach Berlin, um den „Blauen Rothschild“ zu finden, den berühmten Diamanten seines Vaters, der jetzt im Besitz der Nyssens ist. Und Ritters kleine Schwester Toni (Irene Böhm) kämpft auf den Straßen ums nackte Überleben, während Max Raabe den eleganten Schlager „Ein Tag wie Gold“ anstimmt, der dem „BB“-Hit „Zu Asche, zu Staub“ in nichts nachsteht. Die Welt rast auf den Abgrund zu. Aber Berlin tanzt weiter im Moka Efti.

Ist Gereon Rath Opfer von Hitlers Menschenfängerei geworden? Und wird es ihm gelingen, Charlottes Ver­trauen zurückzugewinnen? Wie eskaliert der brutale Flügelkampf zwischen SS und SA in der aufstreben­den Nazi-Partei? Wie organisiert sich der Widerstand? Staffel vier hetzt nicht mehr von Schauplatz zu Schau­platz, sondern lässt den Personen und ihren (Liebes-)Verhältnissen mehr Raum. So bekommt auch Fritzi Haberlandt als Pensionswirtin endlich mehr On-Air-Zeit, um ihre Figur auszubauen. Überhaupt steuern sämtliche Haupt­darsteller ihre Figuren inzwischen mit souveräner Sicherheit durch die Szenerie.

Was hätte Hitlers Aufstieg verhindern können?

Es ist ein wilder Ritt – aber einer, bei dem man als Zuschauer nicht unterwegs vom Pferd fällt. Wie in Volker Kutschers Buchvorlage „Goldstein“ brechen sich die Nazis nun mit voller Wucht Bahn. Doch das Team bemüht sich weiter erfolgreich, die Geschichten aus der Perspektive ihrer Helden zu erzählen, die von der nahenden Menschheitskatastrophe noch nichts wissen können. Es ist – neben der visuellen Opulenz – vor allem dieser Kniff, der die dramaturgische Originalität von „BB“ ausmacht: historisch zu erzählen, ohne das Ende zu „kennen“. In der Mitte der Staffel schließlich kulminiert die Spannung in einem erzählerischen Wende­manöver, das die verführerische Frage aufwirft, ob kleine Zufälle genügt hätten, Hitlers Triumph und Wahnsinn zu verhindern.

Es fällt nicht ganz leicht, beim Betrachten der ersten Folgen die Tatsache zu ignorieren, dass sich Rath-Dar­steller Volker Bruch in der Corona-Krise mit befremdlichen Einlassungen zu Maske und Impfung zu Wort gemeldet hatte. So meldete etwa das Portal Netzpolitik.org, dass Bruch im März 2021 einen Antrag auf Aufnahme in der Partei „Die Basis“ gestellt habe. Die Gruppierung steht der „Querdenken“-Bewegung nahe. Eine „schlechte Farce“ nannte es das Berliner Stadtmagazin „tip“, dass Bruch in der Rolle des Rath in Staffel vier nun ausgerechnet in die Fänge der SA zu geraten scheint – und sieht darin gar eine Analogie zu seinem „peinlichen“ Gebaren und seinen „verschwörungstheoretischen Positionen“ im echten Leben.

Gewiss ist seine politische Meinung Privatsache. Doch nicht nur seine „Babylon Berlin“-Kollegin Haberlandt hatte die Aktion #allesdichtmachen, die Bruch maßgeblich mitinitiierte, durchaus deutlich kritisiert: „Mir kam es so vor, als würden viele in der Gesellschaft verhöhnt mit der Aktion, das Pflegepersonal zum Beispiel“, sagte sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Es gehört sich nicht für uns, alle zu Idioten zu erklären, die Masken tragen.“ Sie finde „diese Denkrichtung, auch die Art, wie man sich als Künstlerin zu gesellschaftlichen Problemen äußert, einfach grundfalsch“. Denn: „Ich möchte mich in die Mitte der Demo­kratie begeben und nicht irgendwie am Rand versuchen, die Demokratie auszureizen unter dem Deck­mantel der Kunst.“

Auch „Babylon Berlin“-Kollegin Meret Becker hatte an #allesdichtmachen teilgenommen, sich direkt danach aber eiligst distanziert und entschuldigt. Doch natürlich ist weder in der fertigen Serie noch bei der Premieren­feier der privat-politische Riss, der durch Teile des Ensembles gegangen sein muss, spürbar. Corona selbst freilich hat die Dreharbeiten für die vierte Staffel erheblich erschwert: So erhöhten sich die Kosten durch den Mehraufwand wegen der Pandemie um 1,5 Millionen Euro. Insgesamt standen für die Dreharbeiten an 120 Drehtagen rund 5200 Komparsinnen und Komparsen vor der Kamera.

„Babylon Berlin“ ist und bleibt großes Fernsehen

Wieder spielt die Aktualität den drei Regisseuren in die Hände: Zu Drehbeginn von „Babylon Berlin“ 2015 erlebte das reale Europa einen massiven Rechtsruck, neue Ängste vor Faschismus flammten auf. Der nervöse Zeitgeist spiegelte sich damals auf fast unheimliche Weise im historischen TV‑Bilderbogen. Sieben Jahre später nun erschüttert eine echte Wirtschaftskrise das Land – während „Babylon Berlin“ die flirrende, politisch explosiv-aggressive Zeit der Weltwirtschaftskrise vor 90 Jahren ausleuchtet. Nicht nur deshalb: „Babylon Berlin“ ist und bleibt großes Fernsehen.

„Babylon Berlin“, Staffel 4, feiert seine TV-Premiere am Samstag, 8. Oktober 2022, um 20.15 Uhr auf Sky One. Die erste Folge der vierten Staffel ist bereits einen Tag früher, am 7. Oktober 2022, auf Abruf über Sky und Wow verfügbar. In der ARD-Mediathek werden die neuen Folgen erst im Herbst 2023 abrufbar sein. Dann ist auch die Ausstrahlung im Ersten geplant.

Von Imre Grimm/RND