Sonntag , 20. September 2020
Mit neuem Album: Sängerin Alanis Morissette.

Alanis Morissette über Zeit nach Geburt: “Ich hatte vor allem Ängste und Panikattacken”

Vor 25 Jahren erschien ihr Sensationserfolg “Jagged Little Pill”. Jetzt kommt Alanis Morissettes neues Album heraus, in dem sie auch psychische Krisen verarbeitet. Mit Steffen Rüth sprach die dreifache Mutter über Wochenbettdepression, Frauen in der Musikbranche und die Kämpfe mit ihrem Mann.

Alanis, Ihre Single heißt “Reasons I Drink”. Hatten Sie heute schon Grund zu trinken?

Japp. Bis jetzt habe ich widerstanden, aber gut möglich, dass ich nachher mit meinem Mann eine Flasche Wein öffne. Es ist vor allem die Schlaflosigkeit, die mich in die Arme des Alkohols treibt. Ich habe das Gefühl, dass ich sechs Tage lang nicht geschlafen habe. Der Jetlag, die drei Kinder – mein Stresslevel ist kontinuierlich sehr hoch.

Ist die ganze Familie mit dabei auf Ihrer Europareise?

Ja. Mein Mann und alle drei Kinder. Unser Sohn Ever ist neun, unsere Tochter Onyx vier, und Winter, unser Kleinster, kam im vergangenen August zur Welt. Ich will sie nicht allein lassen, ich hänge so an ihnen. Aber es ist natürlich sehr herausfordernd. Bei den ersten beiden Kindern hatte ich richtige Wochenbettdepressionen, bei Winter litt ich nach der Geburt unter, ich nenne es, Aktivitäten. Es war nicht so heftig wie bei den älteren, aber es war doch auch nicht nichts. Ich hatte vor allem Ängste und Panikattacken.

Was tun Sie dagegen?

Nun ja, Medikamente helfen, sehr sogar. Ansonsten ist die Liste der alternativen Selbstmedikation lang: Essen, Alkohol, sich in Arbeit stürzen, Liebe.

“Die Liebe ist eine der gefährlichsten Süchte überhaupt.”

Liebe?

Die Liebe ist eine der gefährlichsten Süchte überhaupt. Sie kann dich zugrunde richten. Angenommen, du lebst in einer Beziehung, die nicht funktioniert, hängst aber schrecklich an deinem Partner oder deiner Partnerin, das ist grausam.

Liebessucht klingt erst mal nicht so schlimm.

Ist sie aber. Der Entzug und die Entwöhnung können der Horror sein. Mit Heroin und ähnlich harten Drogen habe ich allerdings keine Erfahrungen, daher fehlen mir die Vergleichsmöglichkeiten. Grundsätzlich macht es mich traurig, wenn Süchtige beurteilt und verurteilt werden. Ich begegne ihnen mit Empathie. Ich verstehe sie. Wir alle suchen nach Erleichterung von Stress und Schmerz und nach einem Weg, nicht komplett auseinanderzufallen.

Sie sind jetzt seit zehn Jahren mit dem Rapper und Musiker Mario “Soul­eye” Treadway verheiratet. Wie schlimm ist die Liebessucht denn?

(lacht) Ich habe glücklicherweise einen Mann geheiratet, mit dem es immer noch sehr gut funktioniert. Wir haben unsere Kämpfe, aber es läuft mit ihm eindeutig besser als mit allen anderen Kerlen zuvor. Wenn wir streiten, was wir oft genug tun, sehen wir das eher als Ansporn, noch mehr miteinander zu reden.

Alanis Morissette spricht offen über ihre Depressionen

Wer von Ihnen diskutiert ausdauernder?

Ich bin ein absoluter Wortmensch, aber mein Mann kann mithalten. Er schmollt nicht gern und kommt dann zu mir, um sich zu unterhalten. Von unseren Auseinandersetzungen und Versöhnungen handelt der neue Song “Missing the Miracle”. Ich sollte nicht so sehr über meinen Mann lästern. Er ist ein Guter, und er unterstützt mich. Wenn ich keinen Partner hätte, der mithilft und sich um die Kinder kümmert, könnte ich nicht gleichzeitig Mutter, Musikerin und Aktivistin sein. Mein Mann ist mit einer Mutter aufgewachsen, die zwei Vollzeitjobs hatte. In puncto Gleichberechtigung muss ich ihm nichts mehr beibringen. (lacht)

Sie sprechen sehr offen über Ihre Depressionen nach den Geburten der Kinder. Wie hat sich die Krankheit geäußert?

Bei Ever und Onyx, den älteren, durch schrecklich dunkle Gedanken und Bilder im Kopf von furchtbaren Verletzungen und dem Tod. Sehr, sehr ungesunde Gedanken, die einen zermürben und zersetzen. Und, ja, die Tabletten helfen tatsächlich. Auch Cannabis tut gut. Mittlerweile habe ich genug Erfahrungen mit der Krankheit gesammelt, dass ich merke, wenn es wieder losgeht.

Die postpartale Depression wurde als Krankheit lange Zeit unterschätzt, oder?

Das kann man wohl sagen. Die Annahme war ja immer: Mütter und Väter sind so voller Liebe und Glück, denen muss es einfach ganz wunderbar gehen. Und wenn man leidet, heißt es nur “Schlaf dich mal aus”. Aber so einfach ist es nicht.

Auch in Songs wie “Diagnosis” und “Losing the Plot” sprechen Sie über psychische Leiden.

Ja. Ich denke, je sensibler und aufnahmebereiter wir uns selbst gegenüber sind, desto besser können wir uns Therapien und anderen Angeboten gegenüber öffnen und diese für unser Wohlbefinden nutzen. Wenn Menschen wie Kurt Cobain oder Jimi Hendrix mehr Unterstützung gehabt hätten, wer weiß, was aus ihnen geworden wäre.

In “Losing the Plot” sagen Sie, dass das Licht am Ende des Tunnels der Zug sei, der mit 160 Stundenkilometern auf Sie zurase.

Und trotzdem steckt in dem Lied viel Zuversicht. Ich habe gelernt, dass meine Depressionen nach den Geburten zwei bis drei Jahre anhalten. Das ist kein Leiden für den Rest des Lebens. Am großartigsten ist es, langsam wieder rauszukrabbeln aus der dunklen Höhle, jedes Mal etwas weiser und widerstandsfähiger.

Also vielleicht noch ein viertes Kind?

Oh nein. (lacht) Mum is done. (“Mama ist fertig”, d. Red.) In einem Paralleluniversum hätte ich zehn leibliche und zehn adoptierte Kinder, aber ich bin mit dem Kinderkriegen durch. Ich arbeite bei drei Kindern ja praktisch Vollzeit. Mehr geht nicht.

Wird das Leben insgesamt weniger kompliziert mit dem Älterwerden?

Das ist zumindest meine Erfahrung. Meine Resilienz und meine innere Stärke sind größer geworden. Die Hochs sind nicht mehr ganz so verrückt hoch, und die Tiefen sind nicht mehr automatisch Abgründe. Ich lasse mich nicht mehr von jeder Panikattacke in Panik versetzen. (lacht)

Vor einem Jahr ist Alanis Morissette mit ihrer Familie umgezogen

Wie ging es Ihnen denn beim Schreiben der neuen Lieder?

Als ich “Diagnosis” schrieb, war ich mitten in einer destruktiven Spirale. Bei “Losing the Plot” auch. In dieser Phase fassten wir den Entschluss umzuziehen, unser Leben neu aufzustellen. Eine Veränderung tat not. Ich habe 25 Jahre in Hollywood gelebt, davon 22 Jahre im selben Haus. Doch jetzt sind wir vor gut einem Jahr in die Bay Area umgezogen, in die Nähe von San Francisco. Für mein Wertesystem und auch für das meiner Kids ist es gesünder dort.

Wie meinen Sie das?

Ich halte dieses “Hey, du musst dein Leben lang wie 19 aussehen”-Denken aus, aber für meine Kinder ist das auf Dauer schädlich. Als Frau über 26 bist du in Hollywood praktisch abgemeldet. Los Angeles ist mir nach wie vor zu männerdominiert und auch zu materialistisch. Früher war es okay, nur Millionärin zu sein. Heute brauchst du schon eine Milliarde, um zu genügen. Ich wollte mit der Familie irgendwo hin, wo andere Werte wichtiger sind: Beziehungen, Zusammenhalt, Gemeinschaft und Fairness.

Wegen der ganzen Tech-Unternehmen leben in und um San Francisco mittlerweile aber sicher mehr Milliardäre als in Hollywood.

Ja, da haben Sie vollkommen recht. Die Gegend ist auch deutlich konservativer, als ich es mir vorgestellt hatte. Von meiner romantischen Hippie-Fantasie ist nicht viel übrig geblieben. Trotzdem: Die meisten meiner besten Freunde leben dort, und mit irgendwem kann man sich immer schnell auf einen Smoothie treffen. So weit es geht, leben wir dort in einer heilen Welt.

Interessieren sich Ihre Kinder für Ihren Beruf?

Mäßig. Onyx und Ever haben beide richtig schöne Stimmen. Ever ist, glaube ich, ein bisschen stolz auf seine Mum, aber das würde er nie zugeben. Neulich morgens habe ich ihn in der Dusche singen gehört – er sang tatsächlich “Smiling” von meinem neuen Album. Süßer Junge.

Sie waren in Kanada ein Kinderstar und nicht viel älter als Ihr Neunjähriger, als Ihre Karriere begann.

Das stimmt. Mal schauen. Wir forcieren nichts, aber wir würden die Kinder auch nicht daran hindern, wenn das ihr Wunsch wäre. Ich selbst wusste mit drei, dass ich Sängerin werden wollte. Aber bis heute denke ich, ich hätte auch gern studiert. Die heutige Zeit ist offener, die Gesellschaft lädt dich geradezu ein, alles sein zu können. Ich finde diese Ära toll für vielfältig interessierte Menschen.

Besucht Ihr Ältester eine normale Schule?

Nein, wir unterrichten ihn und auch Onyx zu Hause. Das Konzept nennt sich “Unschooling” und basiert auf einer Theorie der multiplen Intelligenzen. Es gibt keine klassischen Fächer, keine festgelegten Stunden und keine Noten. Mathe, Malen, Hindernislaufen, Philosophie – alles ist gleichberechtigt wichtig.

Kochen Sie selbst?

Ich koche gern, und ich liebe es sogar, das Haus zu putzen. Aber wir haben auch Menschen, die uns dabei helfen. Ich schaffe nicht alles alleine. Wir leben eher nach der Devise “Man braucht ein ganzes Dorf, um die Kinder großzuziehen”.

“Reasons I Drink” ist der wütendste Song auf Ihrem Album. Wie wichtig ist Wut?

Wut ist immens wichtig. Wut ist für mich ein positives Gefühl. Solange wir unsere Wut spüren und ihr Ausdruck verleihen können, sind wir nicht depressiv. Meine Wut hilft mir, als Mamabär die Kinder zu beschützen, und sie hilft mir auch, wenn ich bei Kongressen über Themen wie das Patriarchat und die Stellung von Frauen in der Musikbranche debattiere. Wut stößt Veränderungen an. Ich liebe junge Menschen wie Greta Thunberg. Sie hat sehr viele Gründe, um wütend zu sein.

Sie haben vor mehr als zehn Jahren offengelegt, als Teenager vergewaltigt worden zu sein, in Songs wie “Hands Clean” haben Sie über Ihre Erfahrungen, die auch die Erfahrungen vieler Frauen gerade in der Entertainmentbranche sind, gesungen. Was denken Sie über die #MeToo-Bewegung?

In einem Satz: Es ist großartig, was passiert. Ich werde immer sauer, wenn es heißt: Warum hat sie so lange gewartet, bis sie was gesagt hat? Die meisten Frauen haben nicht gewartet. Ich will nicht wissen, wie viele von uns in ihren Betrieben beim Chef oder in der Personalabteilung waren – und abgeblitzt sind. Oder gar gemobbt wurden. Jetzt endlich wird einem zugehört. Für mich ist #MeToo keine feministische Bewegung, sondern eine menschliche.

Ihr berühmtestes Album “Jagged Little Pill” wird in diesem Jahr 25 Jahre alt. Sind Sie stolz?

Ja. Ich kann diese Songs immer noch mit derselben Überzeugung singen wie mit Anfang 20. Das Album hat das Leben vieler Menschen ein bisschen beeinflusst, es hat ihnen eine ganze Palette von Gefühlen an die Hand gegeben: Wut, Freude, Trauer, Glück, das volle Programm. “Jagged Little Pill” war ein Erlaubniserteiler für Emotionen aller Art, und deshalb wurde es so ein Zeitgeistphänomen.

Inzwischen gibt es auch eine Musicalversion, die am Broadway gespielt wird.

Und ich habe jedes Mal geheult, wenn ich im Publikum gesessen habe. Es sind glückliche Tränen.

Sie sind Kanadierin, haben aber seit 2005 auch die US-Bürgerschaft. Warum?

Damit ich in dem Land, in dem ich seit Mitte der Neunziger lebe, zu den Wahlen gehen kann. Über dieses Recht bin ich heute glücklicher als je zuvor. Meine Favoritin wäre Elizabeth Warren gewesen, aber hey, ich bin erleichtert darüber, dass das Pendel wieder zurückschwingt. Auch wenn mich die Politik in diesem Land in den vergangenen vier Jahren manchmal zu Tode ängstigt, glaube ich grundsätzlich daran, dass wir Menschen lernen und uns unter Schwankungen zum Positiven entwickeln.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich arbeite an einem Buch. 1300 Seiten habe ich schon geschrieben. Aber ein paar Monate brauche ich noch. Ich liebe es einfach, viele Worte zu machen. (lacht)

Von Steffen Rüth/RND