Samstag , 19. September 2020
Attila Hildmann bei einer Demo in Berlin. Quelle: imago images/Mike Schmidt

Kritik an Thalia: Bücher von Attila Hildmann bleiben im Sortiment

Die rechtsextremen Aktivitäten des Kochbuchautors Attila Hildmann bringen nun auch Unternehmen in Bedrängnis. Die Buchhandlungskette Thalia vertreibt weiterhin die Bücher des 39-Jährigen – und will daran auch weiter festhalten. Im Netz sorgt das für massive Kritik.

Hagen. Der Berliner Attila Hildmann macht seit dem Corona-Lockdown mit rechtsextremen Verschwörungstheorien auf sich aufmerksam. Inzwischen hat ihn auch der Staatsschutz im Visier: Grund sind Vorwürfe des Antisemitismus und der Volksverhetzung. In einer Nachricht hatte Hildmann kürzlich Adolf Hitler glorifiziert, in einer anderen setzte er Kopfgelder auf Personen aus.

Vor seiner Karriere als ultrarechter Influencer war Hildmann Kochbuchautor für vegane Rezepte. Und genau dieser Umstand bringt nun auch einige Unternehmen in Bedrängnis. Denn seine Kochbücher sind trotz Hildmanns Abdriften noch immer erhältlich – zum Beispiel bei Thalia.

Das Unternehmen mit Filialen in ganz Deutschland erfährt gerade massive Kritik in den sozialen Netzwerken. Auf Twitter werden Screenshots vom Kundenservice des Unternehmens geteilt. Nutzer hatten offenbar versucht, die Buchhandlungskette auf den Umstand hinzuweisen – und bissen auf Granit.

Kopfgeld dank Kochbucheinnahmen

“Vielen Dank für Ihre Nachricht. (…) Wir sehen aktuell keinen Grund zum Anlass, die Bücher von Herrn Hildmann aus unserem Sortiment zu entfernen”, heißt es in einer Mail, die offenbar vom Kundenservice an einen Thalia-Kunden geschickt wurde. “Selbstverständlich steht es unseren Kunden frei zu entscheiden, welche Bücher sie bei uns bestellen und welche nicht. Sobald Sie bei Herrn Hildmann eine strafrechtlich relevante Tätigkeit beobachten, dürften Sie sich an die Polizei wenden. Vielen Dank für Ihr Verständnis.”

Ein anderer Screenshot zeigt eine Antwort an einen Nutzer auf Instagram. “Wir distanzieren uns mit Nachdruck von einer rechtsradikalen und antisemitischen Weltanschauung, so wie sie u.a. von Herrn Hildmann vertreten wird. Die Diskussion um A. Hildmann sollte jedoch nicht am Kochbuchregal, sondern gesamtgesellschaftlich geführt werden. Grundsätzlich wollen wir als Buchhändler weder zensieren noch Diskussionen vorwegnehmen, indem wir Titel, die keinen Anlass für inhaltliche Beanstandungen bieten, aus dem Sortiment nehmen.”

Für viele klingt das nicht überzeugend: “Doch, Thalia, die Diskussion um Attila Hildmann muss auch am Kochbuchregal geführt werden”, schreibt beispielsweise @retep_kire. “Vor allem dann, wenn der Autor seine Einnahmen dazu verwendet, Kopfgelder für die Jagd auf Personen auszusetzen.”

“Werden Diskussion beobachten”

@retep_kire spielt dabei auf einen Fall von voriger Woche an. Hildmann hatte 1000 Euro Belohnung ausgesetzt für Hinweise, die ihm Namen von Mitgliedern der Satire-Gruppe “Hooligans gegen Satzbau” liefern. Diese hatte unter anderem zum Melden von Hildmanns Instagram-Account aufgerufen, der daraufhin prompt gesperrt wurde.

“#Thalia findet die widerlichen Umtriebe von #AttilaHildmann also in Ordnung. Gut, ein Kunde weniger”, schreibt ein anderer Twitter-Nutzer. Ein weiterer meint: “Bis auf weiteres kein Buch mehr von euch. Sehr schade…”. Oder: “Prima! Bücher kaufe ich eben woanders!”

Von seinem Kurs möchte sich das Unternehmen trotz Kritik nicht abbringen lassen – Hildmanns Bücher sollen bis auf Weiteres im Sortiment bleiben. Auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) antwortet eine Sprecherin, man rufe bewusst “zu einer kritischen Auseinandersetzung mit radikalen Stimmen und dem notwendigen gesellschaftlichen Diskurs auf.” Die Diskussion um Attila Hildmann wolle man beobachten.

Thalia will Gerichtsentscheidungen abwarten

“Wenn Gerichte entscheiden, dass die Äußerungen von Herrn Hildmann volksverhetzend sind, werden seine Kochbücher aus den Regalen verbannt und nur noch auf Kundenwunsch bestellt”, teilt die Sprecherin mit. “Wir bei Thalia sind der Auffassung, dass der freie Zugang zu Büchern Teil der individuellen und eigenverantwortlichen Meinungsbildung ist. Kund*innen können deshalb jedes lieferbare Buch bei Thalia kaufen. Wir wollen niemanden bevormunden und akzeptieren, dass es Meinungen gibt, die nicht im Einklang mit unseren eigenen Werten stehen.”

Doch Thalia ist bei Weitem nicht die einzige Buchhandlung, die die Kochbücher von Hildmann vertreibt. Bei Weltbild beispielsweise findet man ebenfalls noch das gesamte Repertoire des Verschwörungstheoretikers. Von “Vegan for Fit – Gipfelstürmer” bis zur “30-Tage-Challenge”. Auch buecher.de hat diverse Exemplare Hildmanns im Onlineshop.

Bei der Buchhandlung Hugendubel hingegen findet man kein einziges von Hildmanns Büchern. Ob das erst neuerdings so ist oder schon länger, ist unklar – die genannten Unternehmen haben sich auf RND-Anfrage bislang nicht zum Fall geäußert. (Update, 23. Juli: Hugendubel hat sich inzwischen zum Fall geäußert.)

Andere Unternehmen reagieren schneller

Ein Boykott von Hildmann-Produkten ist derweil nichts Außergewöhnliches. Schon im Frühjahr hatte die Supermarktkette Kaufland angekündigt, Hildmanns Energydrink “Daisho” aus dem Sortiment zu nehmen. Hildmanns Weltanschauung widerspreche dem Verhaltenskodex des Unternehmens.

Auch die Drogerie Vitalia reagierte umgehend: Hildmanns vegane Bolognesesauce und der Schokoaufstrich “Nutwave” sind seit Mai nicht mehr in den Regalen des Unternehmens zu finden. Das Unternehmen distanzierte sich deutlich von den Ideologien des Kochbuchautoren. Auch Reformhaus und Denn’s Biomarkt reagierten und nahmen Hildmanns Produkte aus dem Sortiment.

Interessant ist das vor allem auch deshalb, weil Hildmanns Aussagen im Mai bei Weitem noch nicht so radikal waren wie heute. Damals verbreitete der Vegan-Koch antisemitische Verschwörungstheorien, etwa die der “Neuen Weltordnung” – das war jedoch fernab vom dem, was Hildmann heute auf seinen Telegram-Kanal postet.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Hildmann

Im Juni schrieb Hildmann beispielsweise in seiner Chatgruppe: “Adolf Hilter war ein Segen für Deutschland im Vergleich zu Merkel dieser Kommunistin.” Die Polizei Brandenburg kündigte daraufhin an, dass der Staatsschutz die Ermittlungen übernommen habe. Laut Berliner “Tagesspiegel” gingen bei der Behörde über soziale Medien innerhalb einer Woche rund 1300 Hinweise auf Hildmanns Aktivitäten ein.

Anfang der Woche wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Cottbus wegen Volksverhetzung gegen den Kochbuchautor ermittelt. Hildmann hatte dem ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten Volker Beck gedroht, für ihn die Todesstrafe “durch Eier-Treten auf öffentlichem Platz” wieder einzuführen, sollte er einmal “Reichskanzler” werden. Beck zeigte Hildmann daraufhin nach eigenen Angaben an.

Bei der für Internetkriminalität zuständigen Schwerpunktstaatsanwaltschaft liege inzwischen eine Vielzahl von Anzeigen und Hinweisen vor, sagte ein Sprecher am Montag.

Von Matthias Schwarzer/RND