Montag , 19. Oktober 2020
Die Skyline von Bagdad beim Sonnenuntergang. Unbekannte haben in der irakischen Hauptstadt Bagdad nach Angaben von Aktivisten die deutsche Kuratorin und Kulturvermittlerin Hella Mewis entführt. Quelle: Zhang Miao/XinHua/dpa

Deutsche Kulturvermittlerin in Bagdad entführt

Zeitgenössische Künstler haben es unter dem sich ausbreitenden politischen Islam im Irak schwer. Die deutsche Kulturvermittlerin Hella Mewis setzt sich seit Jahren für junge irakische Künstler ein. Nun bestätigte das Innenministerium in Bagdad, sie sei von bewaffneten Männern unweit ihres Kulturinstituts entführt worden.

Bagdad/Berlin. Unbekannte haben in der irakischen Hauptstadt Bagdad die deutsche Kuratorin und Kulturvermittlerin Hella Mewis entführt. Bewaffnete Männer hätten Mewis in ihre Gewalt gebracht, schrieb Ali al-Bajati, Mitglied der vom Parlament gewählten Menschenrechtskommission, am Montag bei Twitter. Das irakische Innenministerium hat die Entführung inzwischen bestätigt.

Sicherheitskräfte haben Suche aufgenommen

Sicherheitskräfte hätten die Suche nach ihr aufgenommen, sagte ein Aktivist, der namentlich nicht genannt werden wollte, der Deutschen Presse-Agentur in der Nacht zum Dienstag. Eine Freundin von Hella Mewis bekräftigte deren Entführung durch bewaffnete Männer. “Wir wissen nicht, wer sie entführt hat. Wir haben die Sicherheitsbehörden informiert”, sagte Sirka Sarsam der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Derzeit würden Aufzeichnungen von Überwachungskameras untersucht.

Die Entführung in dem zentral gelegenen Stadtteil Abu Nawas sei überraschend, sagte Sarsam. In der Gegend liegen verschiedene Regierungsgebäude. Sarsam ist Aktivistin und arbeitet für die Nichtregierungsorganisation Burj Babel.

Entführte hat viel Kontakt mit Intellektuellen

“Hellas Entführung ist ein menschliches Desaster”, sagte Sarsam. “Ich habe vor einer Woche mit ihr telefoniert.” Mewis habe gute Beziehungen zu Künstlern, Intellektuellen und Demonstranten im Irak und habe dort seit 2010 zu vielen Veranstaltungen beigetragen. Die Deutsche sei “empört” gewesen über die Tötung des international anerkannten Historikers und Terrorismusexperten Hischam al-Haschimi vor zwei Wochen.

Mewis wurde in Berlin geboren und lebt seit mehreren Jahren in Bagdad. Sie arbeitete dort am Aufbau des Kulturinstituts Bait Tarkib, das die Arbeit junger irakischer Künstler fördern will. Zeitweise war sie auch für das Goethe-Institut tätig.

In der Nähe von Kulturzentrum entführt

Die Männer hätten Mewis am Montagabend gegen 20 Uhr (Ortszeit) in Nähe des Kulturzentrums im zentral gelegenen Stadtteil Abu Nuwas entführt, schrieb Al-Bajati bei Twitter. Das Viertel liegt unweit des Flusses Tigris.

Bait Tarkib – zu übersetzen etwa als “Haus der Installation” – wurde 2015 zur Förderung zeitgenössischer Kunst gegründet. Die Organisation bemüht sich laut ihrer Website darum, “aufstrebende irakische Künstler und junge Menschen zu fördern, die ihr künstlerisches Talent entwickeln oder eine künstlerische Laufbahn anstreben”. Das arabische Wort “tarkib” kann auch mit “Kombination” oder “Struktur” übersetzt werden.

Nach dem Ende von Saddam Husseins Diktatur im Jahr 2003 lebte der politische Islam im Irak wieder auf – und damit auch konservative islamische Werte, die viele Arten von nicht-religiöser Kunst als verboten („haram“) betrachten. Viele irakische Künstler haben in ihrer Heimat einen schweren Stand und leben im Ausland.

International anerkannter Analyst erschossen

Der in Deutschland lebende irakische Schriftsteller Najem Wali beschrieb Mewis gegenüber dem Magazin „Spiegel“ im Jahr 2017 als Frau, die entgegen irakischer Konventionen in Cafés geht, ihr Haar offen trägt und nur selten zum Kopftuch greift. An der Uferstraße am Tigris habe sie 2016 eine Frauenfahrrad-Demonstration organisiert. Mewis habe Kontakte in die Politik und sei gut vernetzt.

Vor zwei Wochen hatten Unbekannte in Bagdad den international anerkannten politischen Analysten Hischam al-Haschimi in der Nähe seiner Wohnung erschossen. Zunächst bekannte sich niemand zu der Tat. Die Deutsche sei “empört” gewesen über die Tötung des international anerkannten Historikers und Terrorismusexperten Hischam al-Haschimi vor zwei Wochen, sagte Sarsam.

In den irakischen Medien richtete sich der Verdacht vor allem gegen die Iran-treue schiitische Miliz Kataib Hisbollah und die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Al-Haschimi galt als einer der besten Kenner extremistischer Gruppen im Irak. Er äußerte sich häufig kritisch zu proianischen Milizen im Land und war als Regierungsberater tätig.

RND/dpa