Donnerstag , 22. Oktober 2020
Erfinder unter sich: Michael Shannon (l) als George Westinghouse und Benedict Cumberbatch als Thomas Edison in einer Szene des Films “Edison – Ein Leben voller Licht”. Quelle: -/ Leonine/dpa

“Edison”: Benedict Cumberbatch elektrifiziert Amerika

Wer elektrifiziert Amerika? Benedict Cumberbatch spielt im Kinofilm den genial-egozentrischen Thomas A. Edison. Regie in der Biografie führte Alfonso Gomez-Rejon.

Am 27. Januar 1880 ist es so weit: Thomas A. Edison sichert sich das Patent mit der Nr. 223.898 für einen gläsernen Vakuumkolben, in dem ein Baumwollfaden glimmt, der an beiden Enden an Stäben befestigt ist und einen Bogen formt. Der Zweck der Apparatur: Sie spendet Licht. Von nun an gilt Edison offiziell als Erfinder der “Elektrischen Lampe”. Und mit der Glühbirne beginnt die Auseinandersetzung um die Elektrifizierung Amerikas.

Das ist ein lohnender Ansatz für den Kinofilm “Edison – Ein Leben voller Licht”, der sich mal nicht daran abarbeitet, eine Biografie von der Wiege bis zum Sarg nachzuerzählen. Industriegeschichte wird als eine Art Thriller inszeniert, als ein Duell zwischen zwei Männern – genau genommen sind es sogar drei. Dieser Wettstreit wird mit unsauberen Methoden ausgetragen. Einer der Kontrahenten geht dabei im Wortsinn über Leichen.

Allerdings führt der arg gezwungene deutsche Titel des Kinodramas von Regisseur Alonso Gomez-Rejon in die Irre: Es dreht sich hier eben nicht alles nur um den genauso genialen wie auch egozentrischen Erfinder Edison (Benedict Cumberbatch), den “Zauberer von Menlo Park”, wie er schon damals ehrfurchtsvoll nach seinem Domizil genannt wurde.

Seine nicht zu unterschätzenden Gegenspieler heißen George Wes­tinghouse (Michael Shannon) und Nikola Tesla (Nicholas Hoult). Jeder von ihnen hätte genauso eine Erwähnung im Titel verdient – besonders der serbische US-Einwanderer Tesla, der heute nicht zufällig als Namensgeber für das wohl bekannteste E-Auto steht.

Der Kameramann lässt die Lichter tanzen

Der südkoreanische Kameramann Chung-hoon Chung lässt in dem Film die Lichter tanzen: Auf Knopfdruck wird die nächtliche Dunkelheit mit gleißendem Licht vertrieben, auf Landkarten installierte Glühbirnen markieren Besitzansprüche, Chicagos Architektur erstrahlt bei der Weltausstellung 1893, als wäre Weihnachten. Es blitzt und glitzert, dass es eine Freude ist.

“The Current War” lautet der Originaltitel des Films, und das trifft es besser. Einen Krieg um Strom fechten die Konkurrenten aus. Edison setzt auf Gleichstrom und hat schon ein paar Straßenzüge in New York illuminiert, Westinghouse schwört auf Wechselstrom und ist damit im ländlichen Amerika klar im Vorteil.

Beiden ist klar: Wessen Technik sich durchsetzt, der wird steinreich. Da darf ein Erfinder schon mal von “elektrischen Kutschen” träumen – und die Zuschauer lehnen sich gelassen im Kinosessel zurück, weil sie wissen, dass es bis zur Praxisreife dieser Kutschen noch weit mehr als ein Jahrhundert dauern wird.

Verantwortung der Wissenschaft

Um die Verantwortung der Wissenschaft geht es auch. Der von Ehrgeiz getriebene Edison wird von Cumberbatch mit dem Schuss überheblichem Wahnsinn gespielt, der schon seinen Detektiv Sherlock Holmes auszeichnete. Zu manchem Spruch lässt sich der Erfinder hinreißen: “Ich mache den Strom so günstig, dass sich nur noch Reiche Kerzen anzünden werden.” Cumberbatch kennt sich mit begabten Köpfen aus: Den Informatiker Alan Turing hat er in “The Imitation Game” (2014) ebenso verkörpert.

Was Edison keinesfalls will, sind Erfindungen, bei denen Menschen zu Schaden kommen. “Meine Erfindungen funktionieren, und da ist es mir lieber, wenn sie niemanden töten”, betont er. Doch als er ins Hintertreffen zu geraten droht, schwärzt er seinen Konkurrenten öffentlich an, weil dessen Wechselstrom angeblich gefährlich ist.

Erst lässt er ein armes Pony demonstrativ vor Journalisten durch Wechselstrom zu Tode bringen – und dann lässt er sich bei der Erfindung des Elektrischen Stuhls einspannen, eine angeblich “menschenwürdige Hinrichtungsmethode”. Leider versagt sie schon beim ersten Praxistest, die Zeitungen vermerken den Geruch nach verbranntem Fleisch.

Film mit schwieriger Vorgeschichte

Als Sympathiefigur taugt eher der noble Westinghouse. Er holt den verschuldeten und von Edison schwer enttäuschten Tesla in seine Firma und entlohnt ihn großzügig.

Bei der Weltausstellung in Chicago – illuminiert von Westinghouse, nicht von Edison – begegnen sich die beiden. Wie war das, als die Glühbirne nach unzähligen Versuchen endlich konstant brannte, will Westinghouse wissen. In diesem Moment sind zwei über alle Differenzen hinweg vereint.

Gelegentlich holpert der Film ein wenig. Er hat eine schwierige Vorgeschichte: Eine nicht finale Fassung lief schon 2017 beim Toronto-Festival. “Edison” galt – auch wegen seiner illustren Besetzung – als Oscarkandidat. Dann geriet der Film in den Strudel der Enthüllungen um Harvey Weinstein, der zu den Produzenten zählte.

Gomez-Rejon machte sich noch einmal an die Arbeit, kürzte, drehte Szenen nach, verpasste dem Film eine neue Musik. Die Anstrengung hat sich gelohnt. Hier verändern Erfinder die Welt – und dabei ist von Neuerungen wie Phonograph, Kinematograph und Kinetoskop nur nebenbei die Rede.

“Edison – Ein Leben voller Licht”, Regie: Alfonso Gomez-Rejon, mit Benedict Cumberbatch, Michael Shannon und Nicholas Hoult, 103 Minuten, FSK 6

Von Stefan Stosch/RND