Freitag , 25. September 2020
Der 31-jährige Dennis Grote ist der Enkel des GOP-Gründers – und in der Geschäftsführung fürs Marketing zuständig. Quelle: GOP

Bedrohte Varieté-Theater: “Die nächsten Monate sind entscheidend”

Das GOP ist Europas größtes Varieté. Geschäftsführer Dennis Grote über die Folgen der Corona-Krise für die Kultur, die Angst vor einer zweiten Welle – und die Hoffnung, dass alles so endet wie nach Finanzkrise 2008.

Bielefeld. Es ist so etwas wie ein heimlicher Riese der deutschen Kulturlandschaft: Das Varieté GOP mit seinen sieben Theatern ist nach dem Cirque du Soleil aus Kanada der weltweit größte Arbeitgeber für Artisten. Jährlich 800.000 Besucher zählten die Häuser in Hannover, Essen, Bad Oeynhausen, Bremen, München, Münster und Bonn – bis die Corona-Pandemie auch das GOP zur Pause zwang. Das Varieté ist ein klassisches Familienunternehmen: Gegründet hat es Hubert Grote 1992 in Hannover, die Geschäftsführung bilden heute sein Sohn und seine beiden Enkel. Dennis Grote war schon mit 25 Direktor des GOP Bremen – und ist heute, mit 31, in der Zentrale in Bielefeld fürs Marketing zuständig.

Herr Grote, mehr als drei Monate waren Ihre Theater geschlossen. Was ging in Ihnen vor, als sich Anfang Juli zum ersten Mal wieder der Vorhang hob?

Das war ein Gänsehautmoment – für mich, meinen Bruder, meinen Vater, für uns alle. Wir wussten ja während der Schließung nicht: Halten wir das durch? Wie lange halten wir das durch? Die Wiedereröffnung war in Münster mit unserer neuen Show “Wunderbar”. Dort jetzt den GOP-Jingle zu hören, den wir vor jeder Show spielen, das war sehr berührend. Da lief auch schon eine Träne. Es war wie eine Neueröffnung.

Hatten Sie sich eine solche Schließung jemals ausgemalt?

Wir haben mehr als 900 Mitarbeiter, da macht man sich im Rahmen des Risikomanagements immer Gedanken, wo die Achillesferse sein kann. Ist Varieté morgen vielleicht nicht mehr aktuell, angesichts von Netflix oder Virtual Reality? Aber da haben wir uns immer gesagt: Wenn wir mit der Zeit gehen, wird das nicht passieren. Dann macht man sich Gedanken über Dinge, die man kaum aussprechen mag, etwas wie in Paris. Aber das Einzige, was uns wirklich passieren könnte, so nahmen wir an, das wäre, wenn wir wirklich von heute auf morgen schließen müssten und kein Mensch mehr kommen dürfte.

Und genau das ist dann passiert.

Exakt.

“Ein paar sind hier gestrandet”

Was hieß das für Ihre Mitarbeiter?

Wir haben einen Großteil in Kurzarbeit geschickt.

Und für die Artisten, die ja aus aller Welt kommen und nur für einzelne Produktionen angestellt sind?

In der Anfangszeit haben wir schnell gehandelt, da hatten viele noch die Möglichkeit, schnell zurückzukehren in ihre Heimatländer, nach China, in die Ukraine oder Kanada. Aber ein paar sind auch hier gestrandet. Die positive Nachricht ist: Wir stellen für unsere Artisten auch eine Wohnung, und in der konnten sie wohnen bleiben. Sie konnten auch die Bühnen weiter nutzen, zum Trainieren. Aber wir haben letztlich natürlich auch mit jedem einen Vertrag, und die Show hat dann nicht mehr stattgefunden.

Das heißt, die Artisten waren dann die Leidtragenden?

Natürlich, ja, aber auch die Mitarbeiter aus Service und Gastronomie. Ihnen sind 40 Prozent des Lohns und das Trinkgeld weggebrochen.

“Die Rettung ist das nicht”

Haben Sie als Unternehmen staatliche Hilfen erhalten?

Es gibt die Kredite der KfW, darüber hatten wir auch mit unseren Banken gesprochen. Aber die Bedingungen sind nicht so, wie es in der Öffentlichkeit kommuniziert wird. Dazwischen stehen die Hausbanken, und die sind auch unter Druck.

Jetzt spielen Sie also wieder. Ist das die Rettung?

Das ist toll, der Zuspruch unserer Gäste ist groß und ermutigend – aber die Rettung ist das längst nicht. Wir halten den Sicherheitsabstand von 1,50 Meter ein, und wo wir das nicht ganz schaffen, haben wir Plexiglasscheiben aufgestellt. Mit diesen zusätzlichen Maßnahmen kommen wir auf eine Auslastung zwischen 60 und 70 Prozent. Aber alle anderen Kosten laufen ja wie zuvor weiter. So lange wir nicht zu unserem Normalzustand zurückkehren können, kostet uns das letztlich Geld. Wenn wir spielen, spricht sich das rum, und wir sind wieder in den Köpfen. Aber die Kosten decken wir so nicht.

Wie lange können Sie das durchhalten?

Ohne die Banken noch ein halbes Jahr – aber wir brauchen einen starken Winter. Der Winter ist die Varieté-Saison, und von einem starken Winter leben wir dann im Sommer des nächsten Jahres. Deshalb haben wir auch alle große Angst vor einer zweiten Infektionswelle. Die nächsten Monate bis Dezember sind entscheidend für die ganze Branche. Sonst droht eine massive Insolvenzwelle.

“Kultur steht am Ende der Kette”

Das sind düstere Aussichten.

Schauspieler und Artisten sind halt nicht systemrelevant. Das Wort finde ich schwierig, weil Kultur für mich letztlich klar dazugehört. Aber Unterhaltung und Kultur stehen jetzt am Ende der Kette, so ist es leider.

Sehen Sie sich auf einer Stufe mit Medizinern, Polizei, Pflegekräften und Supermarktangestellten?

Nein, aber mit der staatlich geförderten Kultur schon. Stellen Sie sich vor, die private Kultur würde, inklusive uns, einfach vom Markt verschwinden. Dann haben wir tatsächlich eine staatliche Monokultur. Dass es diese staatlich geförderte Kultur gibt, finde ich gut; aber auch bei den Privaten besteht ja eine riesige Nachfrage, sonst wären wir nicht erfolgreich. In staatlichen Theatern ist jeder Platz subventioniert. Ich denke, dass wir und alle anderen privat geführten ein Gegengewicht dazu gebildet haben. Das ist Teil der Vielfalt und sollte es auch weiter sein.

Ist das der Ruf nach Subventionen? Möchten Sie das: Politiker, die regelmäßig Ihre Produktionen auf kulturellen Wert abklopfen?

Nein, nein, wir wollen weiter unabhängig bleiben. Nur man muss überlegen, ob man die Umsatzrückgänge durch Zuschüsse ausgleicht. Was ist jetzt sehe, ist: Die Soforthilfen haben Kleinunternehmern sehr geholfen. Und wenn ich systemrelevant bin, wie die Lufthansa, dann rede ich natürlich auf Augenhöhe mit dem Staat. Wir aber sind der klassische Mittelstand, der auch Deutschland trägt. Da gibt es Kredite, sonst nichts. Da wäre ein Zuschuss, umsatzbasiert, schon toll. Das würden wir natürlich in das Überleben investieren, aber auch in zukünftige Entwicklung.

Was Großvater rät

GOP ist ein Familienunternehmen. Ihr Großvater hat es 1992 gegründet, Ihr Vater und Ihr jüngerer Bruder sind ebenfalls in der Geschäftsführung aktiv. Ist das in Krisenzeiten ein Vorteil?

Ich denke, ja. Mein Bruder, mein Vater und ich tauschen uns viel aus und sagen uns auch die Meinung. Als Team ist das sicher immer noch besser aushaltbar.

Sie könnten die Flexibilität Ihres Großvaters sicher auch gut brauchen.

Das stimmt. Er war eigentlich Kfz-Schlosser, hatte darauf aber irgendwann keine Lust mehr. Dann hat er sich, in den Sechzigerjahren, mit einer Kneipe selbstständig gemacht und war der Erste, der einen DJ beschäftigte und eine Diskokugel aufhängte. Er hatte dann über 20 Gastronomiebetriebe geleitet, als er 1992 in Hannover das GOP entdeckte.

Was rät Ihnen Ihr Großvater heute?

Wir treffen uns zwei- bis dreimal im Monat zum Essen. Da sagt er: Kopf hoch und durchhalten. Er hat schließlich auch schon Krisen gemeistert.

Ist es ein Trost für Sie, dass normalerweise nach Krisen die Lust der Menschen auf Unterhaltung besonders groß ist?

Das ist tatsächlich ein Trost für uns, weil die Menschen nach der Finanzkrise 2008 auch gesagt haben: Jetzt erst recht. 2009 und 2010 waren tolle Jahre für uns. Und die Hoffnung ist, dass es jetzt auch so sein wird. Die Leute können jetzt Netflix-Bingewatchen bis zum Abwinken, aber dann wollen sie wieder die Liveunterhaltung haben. Ich bin sicher, dass das als Gegenpol auch wieder kommen wird.

Von Thorsten Fuchs/RND