Sonntag , 20. September 2020
Christos Planungen: Im Centre Pompidou ist auch eine Modellzeichnung des verhüllten Triumphbogens zu sehen. Quelle: André Grossmann/Christo

Christos letztes Werk: Paris verhüllt den Triumphbogen

Fast 60 Jahre nach den ersten Plänen von Christo, den Triumphbogen zu verhüllen, werden diese realisiert – allerdings erst im Herbst 2021. Das Centre Pompidou zeigt vorab eine Ausstellung über die Pariser Zeit des Künstlers und seiner Frau Jeanne-Claude.

Es ist wie ein letzter großer Triumph, den er jedoch nicht mehr miterleben und persönlich auskosten darf. Es ist eine Vision, die Christo jahrzehntelang gehegt und vorbereitet hatte, und jetzt, so nahe an ihrer Realisierung, kann er nicht mehr dabei sein. Zumindest starb der Verpackungskünstler am 31. Mai, zwei Wochen vor seinem 85. Geburtstag, in dem Wissen, dass es doch noch dazu kommen und der Pariser Triumphbogen schließlich verhüllt werden würde – darum hatten sich seine Frau Jeanne-Claude und er jahrzehntelang bemüht.

Ursprünglich war das Projekt für Frühjahr 2020 geplant. Dann wurde es zunächst aus Rücksicht auf die Turmfalken, die just zu dieser Jahreszeit in historischen Gebäuden wie diesem nisten, auf einen Zeitraum von September bis Oktober verschoben. Und dann machte das Coronavirus die Pläne erneut zunichte, und die Verhüllung wurde um ein Jahr auf Herbst 2021 verschoben.

In einen bläulich schimmernden Stoff eingewickelt und mit roten Kordeln umgeben (die Farbwahl spielt auf die Trikolore, die französische Flagge, an), soll der Triumphbogen in dieser Zeit weiter für Besucher geöffnet bleiben. Die Ewige Flamme über dem Grabmal des unbekannten Soldaten, die an die in den Kriegen an der Front Gestorbenen erinnert, wird weiter brennen und wie immer täglich gewartet.

Eine Hommage an Christo und Jeanne-Claude

Als Vorläufer für das Verhüllungsprojekt und ebenfalls mit einer mehrmonatigen Verzögerung eröffnete das Centre Pompidou, Frankreichs größtes Zentrum für moderne und zeitgenössische Kunst, nun eine Ausstellung. Diese widmet sich der Phase, während der Christo und seine 2009 verstorbene Frau in der französischen Hauptstadt gelebt und gearbeitet haben. “Christo et Jeanne-Claude – Paris!” lautet der Titel dieser Hommage. In dem Titel schwingt die bedeutende Rolle der Sehnsuchtsstadt für die beiden mit, in der sie lange auf viel Widerstand gegen ihre provokanten Projekte gestoßen waren.

In der französischen Hauptstadt hat sich das Künstlerpaar auch kennengelernt. Er war aus dem kommunistischen Bulgarien über Wien nach Paris geflohen, wo er sich der Gruppe “Nouveau Réalisme” (“Neuer Realismus”) anschloss, ohne ein offizielles Mitglied zu sein. Seinen Lebensunterhalt verdiente er zunächst mit Porträtbildern. Jeanne-Claude, exakt am gleichen Tag wie er in Marokko geboren und in Casablanca, Paris sowie Tunesien aufgewachsen, begegnete dem jungen Künstler 1958. Da porträtierte er ihre Mutter, Ehefrau eines einflussreichen französischen Generals. Doch von dieser klassischen Kunstform sollte er in der Folge abkommen; Christo und Jeanne-Claude wurden im Team zu Spezialisten der kunstvollen Verhüllung.

Christos verpackte Alltagsgegenstände

Von seinem Atelier in New York aus hat Christo persönlich die aktuelle Ausstellung noch mit vorbereitet. Sie beschränkt sich auf die Werke aus der Pariser Zeit von 1958 bis 1964, bevor das Paar nach New York zog. Es sind verpackte Alltagsgegenstände – vom Kinderwagen über die Schreibmaschine bis zum Straßenschild, reliefartige Ölbilder, aber auch von Christo angefertigte und später mit Folie eingewickelte und mit Kordeln verschnürte Porträts, deren Umrisse noch hindurchscheinen. Auf diese Weise schien er einen ironischen Blick auf seine eigene frühe Kunst zu werfen, sie selbst zu dekonstruieren.

War dies Ausdruck eines Protests gegen Konventionen, oder ging es ihm wirklich um die künstlerische Verwandlung des Alltäglichen, indem er einen neuen Blick darauf gestattete? Kuratorin Sophie Duplaix zufolge handelte es sich um Letzteres: Christo habe nicht als Ziel vor Augen gehabt, die Konsumgesellschaft zu kritisieren – er wollte vielmehr “die wesentlichen Linien sichtbar machen”.

Inmitten dieser frühen Werke des Künstlers mit der langen Karriere finden sich bereits ein Miniaturmodell eines in Leinen gehüllten Triumphbogens sowie eine Collage aus dem Jahr 1962. Angefertigt auf Basis von Fotografien, zeigt sie seine frühe Idee des verpackten Triumphbogens – und gibt damit bereits eine recht genaue Vorstellung von dem Projekt. Wie ein großes, verschnürtes und nachts hell strahlendes Paket steht das Pariser Wahrzeichen an der Spitze der Prachtstraße Champs-Élysées, an deren Rändern Straßenlampen wie Sterne in der Dunkelheit leuchten.

Christo hatte immer erklärt, nach seiner Ankunft in der französischen Metropole im Alter von 23 Jahren habe er ein Minizimmer in einer Seitenstraße der Champs-Élysées bewohnt. Von hier aus kam er jeden Tag am Triumphbogen vorbei – und so wuchs der Wunsch, ihn zu verhüllen. Fast 60 Jahre hat es gedauert, diesen zu realisieren, auch wenn nun andere ihn umsetzen. Eine weitere frühe Idee – die Militärschule gegenüber dem Eiffelturm zu verhüllen – sollte hingegen reine Vision bleiben. Stattdessen realisierte das Künstlerpaar in der Folge Projekte an anderen Orten in der Welt: 1968 die Präsentation eines riesigen Ballons namens “5600 Cubicmeter Package” auf der Documenta IV in Kassel, 1969 die Verhüllung eines Küstenstreifens in Australien oder 1991 das Aufstellen bunter Schirme in Japan und Kalifornien gleichzeitig. Finanzierungsschwierigkeiten überwand das Künstlerpaar immer, auch dank seiner wachsenden Bekanntheit. In Deutschland wurde es vor allem für die Verhüllung des Berliner Reichstagsgebäudes 1995 bekannt, für die Christo sich 23 Jahre lang eingesetzt hatte.

Die Verhüllung der Pariser Brücke Pont Neuf

Wie aufwendig die einzelnen Schritte für die Realisierung eines solchen Mammutprojektes sind, darüber gibt der zweite Teil der Ausstellung im Centre Pompidou Aufschluss, der auf einen Dokumentarfilm über Christos Arbeit folgt. Er befasst sich mit der Verhüllung der Pariser Brücke Pont Neuf, die Christo und Jeanne-Claude seit 1975 geplant hatten, bis sie das Projekt im September 1985 schließlich verwirklichten. Mit mehr als 40.000 Quadratmeter schimmerndem Polyamidgewebe bedeckten die Künstler die Seitenflächen und Gewölbe der zwölf Brückenbögen, die angrenzenden Gehwege und Straßenlampen. Ausgestellt sind ein in seiner Größe und Präzision beeindruckendes Modell der Brücke sowie Fotografien der Kunstaktion. Etliche Skizzen, Studien, Zeichnungen und Originalbriefe, darunter an den damaligen Pariser Bürgermeister und späteren Präsidenten Jacques Chirac, bezeugen darüber hinaus die hartnäckige Überzeugungsarbeit, die geleistet werden musste – bei Chirac, den wechselnden Präsidenten und nicht zuletzt bei Anwohnern.

Die Idee provozierte zunächst viel Ablehnung. Ein Dokumentarfilm der Brüder Mayles verdeutlicht das Unverständnis der Pariser Bürger über eine solche bizarre Verfremdung der ältesten Pariser Brücke. Die Finanzierung war wie bei allen Werken von Christo und Jeanne-Claude durch den Verkauf von Werken und davon angefertigten Drucken gesichert. Dasselbe gilt auch für die Verhüllung des Triumphbogens, mit dem sie noch im nächsten Jahr eine Spur in Paris hinterlassen werden. Wenn auch, wie für die beiden üblich, eine vergängliche.

“Christo et Jeanne Claude – Paris!” im Centre Pompidou bis 19. Oktober, Mittwoch bis Montag 11 bis 21 Uhr. Besuch nur nach Reservierung unter www.centrepompidou.fr/cpv/agenda/