Auf der Couch: Schauspielerin Margot (Adèle Exarchopoulos). Quelle: Verleih

Kinofilm “Sibyl”: Explosive Gefühle auf Stromboli

Schöner als jede Seifenoper: In “Sibyl” (Kinostart: 16. Juli) lässt sich eine Therapeutin in die Geschicke ihrer Patienten einspannen – und das hat Folgen.

Die Psychologin Sibyl (Virginie Efira) nimmt sich eine Auszeit von ihrem Dasein als Therapeutin. Zehn Jahre nach ihrem erfolgreichen Debütroman will sie sich wieder dem Schreiben widmen. Sie entlässt ihre Patienten, aber als die junge Schauspielerin Margot (Adèle Exarchopoulos) anruft, kann sie den akuten Krisenfall nicht abweisen. Denn das, was die schluchzende Frau ihr am Telefon erzählt, könnte Inspiration für den Roman sein.

Margot ist schwanger, und ihr Geliebter Igor (Gaspard Ulliel) ist pikanterweise der Lebensgefährte der Regisseurin Mika (Sandra Hüller), für die beide derzeit vor der Kamera stehen. Sibyls psychologische Ratschläge werden zunehmend manipulativer. Ihr ist mehr am Fortgang der Geschichte als an der Genesung der Patientin gelegen.

Mit überraschender Nonchalance verwebt Justine Triet in “Sibyl” verschiedene Erzähl- und Reflexionsebenen. Die Titelfigur durchbricht nicht nur die Grenzen zwischen Therapie und Fiktion. Sie kämpft auch mit den Dämonen der eigenen Vergangenheit. Bei den Anonymen Alkoholikern wird die Therapeutin selbst zur Patientin. Die Fassade des Selbstbetruges zerbricht bei den Dreharbeiten auf der Insel Stromboli, wo Sibyls Krisenintervention spektakulär scheitert.

Hier schrammt der Film absichtsvoll an einer Seifenoper vorbei, wodurch der Psychoschlamassel mit einer guten Prise Ironie abgeschmeckt wird. San­dra Hüller spielt das Stressmanagement der gebeutelten Regisseurin zwischen kaltschnäuzigem Pragmatismus und Nervenzusammenbruch lustvoll aus.

“Sibyl – Therapie zwecklos”, Regie: Justine Triet, mit Virginie Efira, Adèle Exarchopoulos, Sandra Hüller, 100 Minuten, FSK 12

Von Martin Schwickert/RND