Der berühmte Schriftzug "Hollywood" in den Hollywood Hills von Los Angeles. Quelle: Andrew Gombert/EPA/dpa

Küsse trotz Abstand und Maske: Wie Hollywood mit der Pandemie umgeht

Seifenopern sind ohne Liebe und Leidenschaft kaum vorstellbar. Doch wie dreht man in Corona-Zeiten eine Kussszene? Hollywood greift zu unorthodoxen Lösungen – unter anderem mit Schaufensterpuppen.

Los Angeles. Hollywood kann mit seinen technischen Finessen Zuschauer in Fantasiewelten versetzen und mit Monstern erschrecken. Aber ist die Filmfabrik auch in der Lage, einen einfachen Bildschirm-Kuss zu produzieren – in einer Pandemie-Zeit mit Masken und Abstandsregeln? Der Produzent einer Daily Soap sagt ja: mit einem strategischen Vorgehen in Sachen Romantik.

Nun sei Einfallsreichtum nötig, erklärt Bradley Bell, Chefproduzent der CBS-Serie "Reich und Schön", die als erste nach dem branchenweiten Shutdown im März die Dreharbeiten wieder aufnahm. So werden für Kussszenen zum Teil die echten Partner von Darstellern hinzugezogen. Auch Schaufensterpuppen kommen als Doubles zum Einsatz, um das Infektionsrisiko unter den Schauspielern zu mindern, wie Bell erzählt. Am Set stehen Crew und Ensemble zudem Gesundheitsberater zur Seite, damit die Sicherheitsmaßnahmen gegen das Coronavirus eingehalten werden.

Körpernahe Szenen wurden zunächst aus den Drehbüchern gestrichen

"Wir fühlen uns fast wie Fernsehpioniere so viele Jahre später, weil wir als erste wieder draußen sind und neue Produktionsformen mit den geltenden Sicherheitsstandards testen, und es klappt", sagt der Produzent der 1987 gestarteten Serie, von der bislang etwa 8300 Folgen gedreht wurden. "Das ist sehr aufregend."

Darstellerin Denise Richards ist froh, wieder arbeiten zu können, und zufrieden mit den Schutzmaßnahmen am Filmset, wie sie erzählt. In der Seifenoper "Reich und Schön" (im Original "The Bold and the Beautiful") gebe es erwartungsgemäß "viele Liebesszenen", sagt Richards, die in der Seifenoper die Figur Shauna Fulton spielt.

Als die Verantwortlichen zur Vorbereitung auf die neue Normalität die vor Corona verfassten Drehbücher noch einmal lasen, strichen sie zunächst alle körpernahen Szenen heraus. Dann war die Kreativität von Hollywood gefragt.

Umarmungen und Küsse mit Menschen aus dem echten Leben

Die Lösung: Ein Schauspieler spricht auf Entfernung seinen Text, während die Szenenpartnerin mit "leiser, vertraulicher Stimme" antwortet und "sehnsüchtigen Blickkontakt" zu einer Puppe im Off aufnimmt. "Aber die Tatsache ist, dass sie ganz alleine auf der Bühne stehen und Fernsehmagie schaffen", sagt Bell.

Zu den Doubles gehört eine Schaufensterpuppe, die nach einem Einsatz in einer Friedhofsszene vor etwa 15 Jahren in die Requisitenkammer verbannt worden war. Auch eine weitere lebensgroße Puppe steht bereit.

Aber was ist mit Umarmungen und leidenschaftlichen Küssen? Hier kommen die Partner der Darsteller aus dem echten Leben ins Spiel. Kürzlich sprang etwa der Ehemann von Schauspielerin Katrina Bowden ein, der Musiker Ben Jorgensen. Von ihm sei nur der Hinterkopf zu sehen, erklärt Bell, so dass der Wechsel nicht auffalle.

"Reich und Schön", das erstmals in seiner Geschichte die Produktion gestoppt hatte, gehört zu wenigen Ausnahmen an Serien und Filmen, die inzwischen wieder gedreht werden. Seit Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Kalifornien im Juni läuft die Filmindustrie "schrittweise und vorsichtig" wieder an, wie das Büro für Außendreharbeiten in Los Angeles, FilmLA, mitteilte. Seit seiner Wiedereröffnung am 19. Juni zählt das Büro etwa 14 Anträge auf Drehgenehmigungen täglich. Das sind rund 20 Prozent des normalen Aufkommens.

“Lernkurve” in Corona-Zeiten ist steil

Von anderen Serien der großen Sendernetzwerke will in der kommenden Woche "Schatten der Leidenschaften" ("The Young and the Restless") von CBS die Produktion wieder aufnehmen. NBC peilt für "Zeit der Sehnsucht" ("Days of our Lives") den September an, für "General Hospital" hat ABC noch keinen Termin bekanntgegeben.

Die "Lernkurve" in Corona-Zeiten sei steil, sagt Ken Corday, Produzent von "Zeit der Sehnsucht", das seit 1965 läuft. Vor der Pandemie habe das Filmteam acht einstündige Episoden pro Woche produziert, erzählt Corday. Das sei unter den neuen Bedingungen nicht mehr möglich, vielleicht werde es nur fünf Folgen pro Woche geben. Dank ihres Vorlaufs hatten die Serienmacher zum Zeitpunkt des Shutdowns schon genug neue Folgen bis Oktober im Kasten.

Die neuen Maßnahmen zum Pandemieschutz sind zeit- und arbeitsintensiv, wie die Dreharbeiten für "Reich und Schön" zeigen. Darsteller und Crew werden jede Woche auf das Coronavirus getestet und bekommen täglich beim Eintreffen Fieber gemessen. Sie müssen Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten und werden mit Masken oder auch Schutzschilden versorgt.

Auch ein eigener Behälter für Skripte, Wasserflaschen, Haarbürsten und Schminkutensilien gehört für sie jetzt zum Standard. Ein designierter Coronavirus-Koordinator überwacht den Produktionsprozess, achtet auf die Einhaltung von Sicherheitsabständen und das Tragen von Masken soweit möglich.

Für romantische Aufnahmen und gestellte Sexszenen entwickelte die Schauspielervereinigung eigene Richtlinien. Der Verband wurde dabei von der Fachberaterin Alicia Rodis unterstützt, die sich "Intimacy Coordinator" nennt. Auf Darstellungen körperlicher Nähe könne auch in Pandemiezeiten nicht verzichtet werden, da sie Teil der menschlichen Erfahrung seien, betont Rodis: "Wir müssen einen Weg finden, diese Geschichten weiterhin erzählen zu können, selbst unter außergewöhnlichen Umständen."

RND/AP