Mit Maske verändert sich das Aussehen stark. Quelle: Frank Augstein/AP/dpa

Maskenpflicht: Der kollektive Gesichtsverlust

In Bussen, in Bahnen, in Geschäften, auf der Straße: Ständig begegnen wir in diesen Tagen wegen der Corona-Krise Menschen mit Masken. Jetzt, da wir Gesichter nur noch zu einem Drittel erkennen können, merken wir, wie wichtig das Gesicht für unsere Kommunikation ist. Und für unser Selbstbewusstsein.

Hannover. Lächelt sie? Schwer zu erkennen. Die Augen sehen freundlich aus. Aber vielleicht ist das auch ihr normaler, neutraler Gesichtsausdruck. Und wie sieht sie überhaupt aus unter diesem Stofftuch in ihrem Gesicht? Und der da drüben: Spricht er so laut, weil er wütend, weil er freudig erregt oder weil er wegen seiner Gesichtsmaske schwer zu verstehen ist? Man müsste, um es zu erfahren, in seinem Gesicht lesen können.

Kann man aber im Moment häufig nicht. Das Gesicht als emotionaler Wasserstandsmelder verschwindet derzeit allzu oft hinter einer Maske. Nicht überall zwar, aber zumindest in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften, nicht selten aber auch an der frischen Luft, begegnen wir seit Beginn der Corona-Krise Menschen, deren Gesicht verdeckt ist. Teils weil sie müssen, teils weil sie wollen. Und auch wenn mit Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Niedersachsen einige Länder in diesen Tagen über eine Aufhebung der Maskenpflicht zumindest im Einzelhandel diskutieren, bleibt es sehr wahrscheinlich, dass uns die Maske noch lange beschäftigen wird.

Mit der Mund-Nasen-Bedeckung fällt eines der wichtigsten emotionalen Kommunikationsmittel des Menschen weg – die Mimik. Sechs Basisemotionen übermitteln die Gesichtsmuskeln eines Gegenübers: Überraschung, Angst, Ekel, Ärger, Glück, Freude und Traurigkeit. Manche Wissenschaftler zählen auch noch Verachtung dazu. “Es gibt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere”, wusste schon Rilke.

Emotionen schnell im Gesicht des anderen lesen

Es kann für unser Wohlergehen – physisch wie auch psychisch – in vielen Situationen von großer Bedeutung sein zu wissen, wie andere Menschen um uns herum gerade ticken. Wie es jemandem geht, in welchem emotionalen Zustand er sich gerade befindet, kann man ihm – so drückt es die deutsche Sprache ganz bewusst aus – an der Nasenspitze ansehen.

Dafür haben wir im Laufe der Evolution gelernt, Emotionen sehr schnell im Gesicht des oder der anderen zu lesen. Dabei helfen zum einen die Augen, die wir ja auch im Zeitalter der Gesichtsmaske sehen können. Dabei hilft aber sehr wesentlich auch der Mund. Christian Wallraven, Forscher für künstliche Intelligenz und kognitive Neurowissenschaften an der Korea University in Seoul, sagt sogar: “Der Mund ist bei Weitem die größte Informationsquelle.”

Der Psychologe Claus-Christian Carbon hat in einer Studie gezeigt, dass Wut und Traurigkeit beim Gegenüber dank einer Maske nur noch schwer unterscheidbar sind. Ein Schnutenpulli, wie die Maske im hohen Norden schon mal scherzhaft genannt wird, wird zur Kommunikationsbarriere und kann zu groben Missverständnissen führen. Allein die potenzielle Verwechslung zwischen Wut und Traurigkeit zeigt das. “Bei Trauer bietet es sich ja an, Empathie zu zeigen und sich anzunähern, wohingegen es bei Wut besser ist, den Kontakt zu vermeiden und Abstand zu wahren”, sagte Carbon dem ZDF. Auch ob jemand ehrlich oder sarkastisch lächelt, ob man jemanden gerade ansprechen kann oder lieber nicht, ob die zusammengezogenen Augenbrauen ein Ausdruck von Zorn sind oder nur normaler Teil der Geschichtsphysiognomie – all das können wir momentan nur schwer erkunden.

Die Mimik ist aber auch ein Begleitmittel der verbalen Kommunikation. Worte können abgeschwächt werden, indem sie von einem mitleidigen Gesichtsausdruck unterstützt werden. Oder wir können eine schlechte Botschaft durch ein Lächeln abzumildern versuchen. Aber auch all das fällt im Maskensommer 2020 weg.

“Die unterhaltendste Fläche auf der Erde für uns ist die vom menschlichen Gesicht”, schrieb im 18. Jahrhundert der Meister des Aphorismus, Georg Christoph Lichtenberg. Das ist im doppelten Sinne zu verstehen. Zum einen erfahren wir viel über den Seelenzustand der Menschen um uns herum. Vor allem aber erkennen wir uns in diesem anderen Gesicht wieder. Denn das Gegenüber gibt uns Rückmeldung darüber, ob und wie unsere Worte, unser Verhalten beim Mitmenschen Anklang finden.

So entsteht eine Feedbackschleife. “Die Mimik der Mitmenschen ist auch die Rückmeldung der Empfänger auf die Botschaften der Sender. Wir versuchen in der Mimik der anderen zu erkennen, wie unsere Signale ankommen”, schreibt der Verhaltensforscher Gregor Fauma im österreichischen “Standard”. “Entsprechend der mimischen Reaktion modulieren wir daraufhin unsere Signale. Damit sind wir Menschen in der Kommunikation in einer ständigen Feedbackwolke gefangen.”

Die Augen sind das Fenster zur Seele eines Menschen

Die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel, die sich in ihrem Forscherleben intensiv mit dem Gesicht und Gesichtern auseinandergesetzt hat, beobachtet es ähnlich: “Gesichter stehen nie für sich allein; sie erhalten ihre Bedeutung durch ein Vis-à-vis, durch das Wechselspiel zwischen Sehen und Angesehen werden, durch die Konstellation zwischen dem eigenen Gesicht und dem Antlitz des anderen.”

Doch durch die Mund-Nasen-Masken sind diese Feedbackschleifen und das faziale Wechselspiel unterbrochen. Das kann dazu führen, dass wir einander missverstehen. Das kann aber auch zur Folge haben, dass wir uns vorsichtshalber in uns zurückziehen und weniger als bislang kommunizieren. Es ist zurzeit, als führten wir mit unserer Sprache und unserer Mimik Theateraufführungen vor, doch es fehlt das Publikum. Wir sind Artisten ohne Applaus und Buhrufe, Künstler ohne Resonanz.

Aber da sind doch noch die Augen, die viel beschworenen Fenster zur Seele. “Die Augen sind tatsächlich das Fenster zur Seele eines Menschen. Da sieht man schon viel”, sagt der Kommunikationsexperte Michael Hoyer. “Aber man muss sich auf einen viel kleineren Teil der Gesichts fokussieren.” Und da ist zudem das Problem des Neu- und Fremdartigen. Wir seien, so Hoyer, mit dem Anblick von Masken noch nicht vertraut. Er erlebe in seinem Bekanntenkreis niemanden der sagt, Masken seien jetzt normal und sozusagen der neue Look. “Und deswegen schauen wir unbewusst immer zuerst auf die Maske und nicht in die Augen.” Eigentlich müssten wir uns in dieser Situation der Zweidrittelgesichtslosigkeit also viel mehr auf die Augen konzentrieren, doch die Masken lenken uns vom Blick in die Augen ab.

Schüchternheit verfliegt auch durch Corona nicht so einfach

Gregor Fauma erkennt in der potenziellen Intensivierung des Augenblicks noch ein anderes Pro­blem. “Wir empfangen einen wesentlichen Teil an nonverbaler Botschaft nicht mehr in dem Ausmaß, wie wir es gewöhnt sind. Wir haben nur noch den direkten Blickkontakt zum Erkennen nonverbaler Botschaften im Gesicht. Jedoch ist direkter Blickkontakt ein viel zu starkes Signal für uns Menschen. Wir vermeiden diesen eher.” Schüchternheit verfliegt auch durch Corona nicht so einfach.

Woher aber kommt unsere Fixierung auf das Gesicht? “Als Säugling können wir mit unseren Eltern ja noch nicht verbal kommunizieren, sondern wir schreien. Und dann kommen Mutter oder Vater und trösten uns. Und was machen sie dabei? Sie lächeln”, sagt Michael Hoyer. Eine prägende Erfahrung: “Das Lächeln unseres Vaters oder unserer Mutter erleben wir als Säugling sehr intensiv. Und deswegen fällt uns auch später sofort auf, wenn jemand nicht lächelt und grimmig schaut.” Die Folge: Wir passen unsere Kommunikation an. “Und das fällt jetzt alles weg, das bleibt auf der Strecke”, sagt der Professor, der an der Hochschule Furtwangen University lehrt.

Das Gesicht ist das Bindeglied zwischen dem Inneren und dem Äußeren des Menschen. Es kann einem Menschen ehrlich aus der Seele sprechen, es kann aber auch Dinge verbergen. Es changiert zwischen Offenbaren und Täuschen, zwischen Zeigen und Verbergen. So wie eine Fassade einen wahrhaftigen Eindruck eines Hauses vermitteln kann als auch das größte Chaos im Inneren verbergen, kann auch das Gesicht öffnen und schließen gleichzeitig. Nicht umsonst haben das englische Wort für Gesicht, “Face”, und die Fassade den gleichen Wortursprung.

Der Mannheimer Fotograf und Filmemacher Luigi Toscano hat Menschen mit ihren Masken fotografiert. Eine Auswahl ist auf dieser Seite zu sehen. Die Bilder offenbaren noch ein weiteres Problem der Maskenpflicht. Wir wissen nicht, wie unser Gegenüber aussieht. Diese Irritation bleibt, egal ob im Supermarkt, im Theater oder im Bus.

Oft merken wir erst im Verlust, was uns etwas bedeutet. In diesen Tagen verstehen wir erst richtig, was das Gesicht für unser Menschsein bedeutet.

Von Kristian Teetz/RND