Freitag , 25. September 2020
Regierungssitz am Rhein: Frauen der Bonner Republik. Quelle: Montage: RND Fotos: Klaus Rose/Imago Images, Arne Dedert/dpa, Stephan JanseN/dpa, Imago Images, Kurt Rohwedder/dpa, Martin Piechotta/Adobe Stock

Allein unter Männern: Wie Frauen in der Bonner Republik Karriere machten

In der Bonner Republik diktierten Männer das politische Geschäft. Sie besetzten politische Ämter, sie bestimmten die Regeln. Torsten Körner hat ein Buch über die Frauen geschrieben, die dennoch in ihren Parteien Karriere machten – allen Anfeindungen zum Trotz.

Bonn. Trägt Helga Schuchardt eigentlich einen BH? Die Frage interessiert den CSU-Politiker Richard Stücklen brennend. So sehr, dass der Mann, der es bis zum Bundestagspräsidenten bringen wird, im Bundestag öffentlich handgreiflich wird.

Im Sommer 1976 fährt der verheiratete 60-Jährige der 37-jährigen FDP-Politikerin nach einer Rede mit dem Daumen über den Rücken. Er habe mit Parteikollegen gewettet, ob sie einen BH trage, antwortet er auf die Nachfrage Schuchardts, einer gestandenen Politikerin, die seit sechs Jahren dem Bundesvorstand der FDP angehört. Schuchardt trägt, das ergibt der Daumentest, keinen BH. Grund genug für Stücklen, das Ergebnis mit einem “Daumen hoch” auch noch in Richtung seiner Parteikollegen zu kommunizieren: Der Vater zweier Kinder hat seine sein weibliches Gegenüber herabwürdigende Wette nämlich gewonnen.

Viele bittere Ereignisse

Die Szene findet sich in Torsten Körners neuem Buch “In der Männer-Republik”. Körner erzählt von Frauen, die in der Bonner Republik, in der die Bundesrepublik von Bonn aus regiert wird, Politikgeschichte schrieben. Es gehört zu den vielen so bemerkenswerten wie bitteren Passagen in dem hervorragend recherchierten Buch, dass der Autor es im Fall Schuchardt nicht bei dieser Szene belässt. Körner hat mit vielen Politikerinnen persönlich gesprochen, erzählt immer wieder die Geschichte hinter der Geschichte.

In diesem Fall ist es so, dass nicht Stücklen, sondern Schuchardt fürchtet, dass der Vorfall ihr schadet. Man mag es heute kaum glauben, aber sie entschuldigt sich bei Stücklen sogar dafür, dass das Büstenhalter-Gate Schlagzeilen macht. Das mache nichts, die Sache habe “sein liberales Image gestärkt”, erwidert der erzkonservative Politiker. Sexismus ist im Boysclub Politik damals offenbar ziemlich angesagt.

Was es für Frauen bedeutet, wenn Politik fast nur von Männern gemacht wird

Solche Geschichten gibt es viele in Körners Buch. Sie zeigen, was es für Frauen bedeutet, wenn Politik fast nur von Männern gemacht wird. In der Bonner Republik besetzen Männer politische Ämter, bestimmen die Regeln. Viele reagieren auf die wenigen Frauen in ihrer Domäne ausgrenzend, manche aggressiv. Frauen müssen einen Kanzler Konrad Adenauer ertragen, der die ersten drei Kabinette nur mit Männern besetzt und sich mit Sätzen schmückt wie: “Was sollen wir mit einer Frau im Kabinett? Dann können wir nicht mehr so offen reden.”

Dabei gibt es nach dem Zweiten Weltkrieg ausgezeichnete Politikerinnen. Helene Weber (CDU), die den Satz “Männer und Frauen sind gleichberechtigt” in der Verfassung mit erkämpft, weist im Parlament 1949 darauf hin, warum “die Frau künftig in allen Verwaltungskörpern angemessen mitarbeiten muss”. “Wir haben im Dritten Reich erlebt, was der Männerstaat ist”, sagt sie: “Der reine Männerstaat ist das Verderben der Völker.” Dennoch: Erst ein Sitzstreik von CDU-Frauen vor dem Kabinettssaal zwingt Adenauer dazu, 1961 eine Gesundheitsministerin zu bestimmen.

Jahrzehnte gehören diskreditierende Bemerkungen, die auf optische oder gar sexuelle Aspekte zielen, für Politikerinnen zum Tagesgeschäft. In dem schlicht “Die Hose” überschriebenen Kapitel geht es darum, dass der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Richard Jaeger (CSU), 1969 keine Frau mit Hose im Bundestag dulden will. Liselotte Funcke (FDP) bittet Lenelotte von Bothmer (SPD), öffentlich gegen diese Kleiderordnung zu protestieren.

Es gehört zu den fast schon grotesken Wendungen, die das Buch schildert, dass von Bothmer bis dato nicht einmal eine Hose besitzt. Dennoch tritt sie im Oktober 1970 im extra gekauften, “züchtigen” Hosenanzug für eine Rede ans Pult – und sorgt vor allem für fröhliche Zwischenrufe. Per Post aber muss von Bothmer Beschimpfungen ertragen, die es mit jedem Shitstorm aufnehmen: “Armes Deutschland. So tief bist du gesunken mit den roten Parteiweibern” und “Sie Schwein, Sie!” sind nur zwei davon.

Auch heute ist nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten weiblich

Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Ingrid Matthäus-Maier (SPD) oder Waltraud Schoppe (Grüne) brechen gesellschaftliche Tabus allein dadurch, dass sie Kinder haben und Karriere machen – und nehmen dafür heftige Anfeindungen in Kauf. Den dreien ist gemein, dass sie auch nach ihrem Ausscheiden im Gedächtnis bleiben. Vielen anderen Frauen ist dies nicht vergönnt. Es gehört zu den bedrückendsten Aspekten in Körners Buch, dass er zeigen kann, wie viele herausragende Politikerinnen es seit den späten Vierzigerjahren in Westdeutschland gibt – und wie systematisch sie dem kollektiven Gedächtnis entzogen werden, weil Männer politische Artikel, Essays, Lexika oder Sachbücher schreiben und mit erstaunlich unverhohlener Geringschätzung Frauen porträtieren: wenn überhaupt.

Die Konsequenz: Der Typus der Politikerin bleibt der der Einzelkämpferin. Ein anschlussfähiges Rollenbild, das jüngeren Frauen den Weg ins Politikgeschäft ebnet, entsteht nicht. Es wäre einen Gedanken wert, ob es auch mit dieser immer wieder abreißenden Geschichtsschreibung zu tun hat, dass manche politischen Forderungen Frauen bis heute nahezu unverändert begleiten. Helene Weber fordert schon 1949 gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Dass Frauen im Bundestag dramatisch unterrepräsentiert sind, durchzieht Körners gesamtes Buch. Auch heute ist nicht einmal ein Drittel der Abgeordneten weiblich. Deutschland hat zwar mit Angela Merkel eine Bundeskanzlerin, aber der Frauenanteil in der CDU im Bundestag liegt bei 19,9 Prozent. Dass ausgerechnet ein Mann mit einem klugen, empathischen Buch dazu beitragen könnte, dass sich so etwas über alle Parteien hinweg ändert, ist ein schöner Nebeneffekt an Körners Buch.

Torsten Körner: “In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten.” Verlag Kiepenheuer & Witsch. 368 Seiten, 22 Euro.

Von Jutta Rinas/RND