Donnerstag , 13. August 2020
Der Wilde Westen als Endzeit: Ennio Morricones berühmteste Arbeit ist der Soundtrack zu Sergio Leones “Spiel mir das Lied vom Tod” (links im Bild eine Szene mit Henry Fonda), dem Höhepunkt des Italowestern. Der weltberühmte italienische Komponist starb in Rom an den Folgen eines Sturzes. Quelle: imago/Rüdiger Wölk/dpa/RND Montage Behrens

Ennio Morricone – Trauer um den Mann, der das “Lied vom Tod” komponierte

Ennio Morricone schuf 520 Musiken für Film, Fernsehen und Theater, auch eine Messe für Papst Franziskus schrieb er. Jetzt ist der legendäre Komponist im Alter von 91 Jahren an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches verstorben. Seine Soundtracks für Italowestern wie “Spiel mir das Lied vom Tod” sind unerreicht und inspirieren Kollegen, aber auch Rockmusiker.

Den Einfluss von Ennio Morricone hört man überall, auch in den Tiefen ferner Galaxien. In Disneys Serie “The Mandalorian” kam zu Beginn der ersten Folge ein Kopfgeldjäger in einen Saloon. Der Saloon war freilich in Wahrheit eine Weltraumbar, die übliche Flügeltür ein Schott. Der übliche Fremde ohne Namen hatte in diesem Fall zwar einen Namen – aber er hieß westernmäßig Mando, was irgendwie nach Django und Konsorten klang. Er schoss dann auch schneller als die Schatten von Clint Eastwood und Lucky Luke und nahm dabei nie den Hut ab, der hier ein Helm war. Jedenfalls war der Auftakt der “Star Wars”-Serie “The Mandalorian” ganz klar eine Hommage an die Italowestern von Sergio Leone. Und die Musik dazu wirkte, als habe “Black Panther”-Komponist Ludwig Göranssen nächtens von Ennio Morricone geträumt.

Ennio Morricone ist tot. Der Mann, der mit Orchestern, twangenden Gitarren und zuweilen auch einer simplen, gepfiffenen Melodie die Soundtracks der großen Italowestern schuf, starb heute (6. Juli) im Alter von 91 Jahren in Rom an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruchs.

Die Western aus Italien boten Stoff für Hartgesottene

Als Gary Cooper tot war, Regisseur John Ford seine große Zeit hinter sich hatte und Filme mit John “The Duke” Wayne nicht mehr automatisch die Hitlisten anführten, kamen die Erneuerer des Genres aus der alten Welt. Während in Deutschland Winnetou und Old Shatterhand Cowboy-und-Indianer-Schnulzen frei nach Karl May lieferten, waren die Western von Europas Stiefel Stoff für Hartgesottene.

Und nachdem der studierte Konzerttrompeter und Theaterkomponist Morricone in seinen Anfängen für Cinécitta Kriegsfilme und Komödien vertont und den Soundtrack für Lina Wertmüllers Kleinstadtdrama “Die Basiliken” (1963) geschrieben hatte, startete er im selben Jahr mit Ricardo Blascos “Drei gegen Sacramento” in dem Genre durch, mit dem er zur Legende wurde – vor allem mit den Sergio-Leone-Streifen “Für eine Handvoll Dollar” (1964), “Für ein paar Dollar mehr” (1965), “Zwei glorreiche Halunken” (1966) oder der Cowboy-Klamaukiade “Mein Name ist Nobody” (1973) mit Terence Hill.

Und natürlich mit “Spiel mir das Lied vom Tod” – dem Überwestern von 1968: Glockengeläut. Gesichter der Verderbtheit. Ein Zeitenende. Die Mundharmonika, die barmenden Frauenchöre und die gleißende Gitarre Morricones illuminieren den Westen, wie er war, bevor ihm die Zivilisation in den Rücken schoss – eine schlechte, alte, männliche Zeit. Man bekam über Morricones Schmerzensmusik ein Gefühl für die Weite Amerikas, und es schien durch seine Musik, als tanzten in dieser Weite Dämonen. Elegisch, zerdehnt, betörend waren Film wie Musik: ein Epitaph, die Summe aller Western.

Ein Workaholic, der sich gern auch selbst zitierte

520 Credits listet die Filmwebsite imdb.com unter seinem Namen auf, darunter Klassiker wie Leones letzter Film “Es war einmal in Amerika” (1984), “The Untouchables” von Brian De Palma (1987) oder “Cinema Paradiso” von Giuseppe Tornatore (1988). Morricone war ein Workaholic und – anders, als es ihm das kollektive Bewusstsein zuweist – flog durch sämtliche Genres: Bibelfilme, Literaturverfilmungen, Erotika, Mafiastreifen, Gaunerkomödien. Er machte viel Fernsehen, und oft zitierte er sich selbst. So fanden sich in seiner Messe für Papst Franziskus Motive aus seiner Musik zum historischen Missionarsfilm “Mission” (1986).

Zuletzt wandte er sich einer Neuverfilmung von Oscar Wildes komödiantischer Gruselgeschichte “Das Gespenst von Canterville” zu, die sich derzeit noch im Vorproduktionsstadium befindet. “Ich bin keinem Genre verbunden, ich mag Veränderung, so besteht keine Gefahr, gelangweilt zu werden”, sagte Morricone einmal. Er wusste um seine außergewöhnlichen Fähigkeit, einer Geschichte einen Klang zu geben, einen Film zu prägen. Eines wusste er aber auch: “Du kannst einen schlechten Film nicht mit guter Musik retten.” Auch keinen Western.

Den späten Oscar gab es 2016 für einen Western

Am Ende ereilte ihn der größte Erfolg in seinem alten Genre: Den längst fälligen Oscar bekam Morricone 2016 für seine Musik zu Quentin Tarantinos blutigem Agatha-Christie-artigem Wildwestfilm “The Hateful Eight”. Eisige Klänge zu dem mörderischen Treiben in einer verschneiten Kutschstation. Davor hatte Hollywood eigentlich schon mit ihm abgerechnet gehabt – 2007 hatte man ihm den Oscar fürs Lebenswerk verliehen. Dass man ihm 1986 den Oscar für “Mission” nicht gegeben hatte, verübelte er: “Ich hätte ihn kriegen müssen.”

Jetzt trauern Hollywood, Cinecittà, alle Menschen mit einem Herz für Kino und allen voran seine Familie. Vier Kinder hatte Morricone mit seiner Ehefrau Maria Travia, die er 1950 kennenlernte. Hören wird man die herrlich brenzligen Morricone-Klänge noch lange, und manchmal inspiriert der Meister aus Trastevere auch Künstler, die man nicht sofort seinem Kosmos zugerechnet hätte.

In “To Hell and Back”, einem Song von 2014 über den US-Soldaten (und Westernstar) Audie Murphy, verband etwa Rocker Markus Brodén den Metalsound seiner schwedischen Band Sabaton mit dem altbekannten Einsamer-Cowboy-Pfeifen. “Ich wollte Morricone – so etwas wie in ‘Zwei glorreiche Halunken’”, sagte Brodén im Gespräch mit den RedaktionsNetzwerk Deutschland. “Die anderen in der Band dachten, ich wäre verrückt.”

Von Matthias Halbig/RND