Dienstag , 29. September 2020
Charmantes Paar: Ronnie Wood, Gitarrist der Rolling Stones und Maler, und seine Frau Sally Humphreys trefen zur Premiere des Films "Someone Up There Likes Me" im Rahmen des London Film Festival ein. Quelle: Joel C Ryan/Invision/dpa

Im Kino: “Ronnie Wood – Somebody Up There Likes Me”

Ein Rolling Stone, Musik, Drinks und Drogen: „Ronnie Wood – Somebody Up There Likes Me“ bebildert einMusikerleben (Kinostart: 9. Juli). Der Gitarrist erzählt mit sympathischer Offenheit von seinen früheren Suchtproblemen. Und wenn Sänger Mick Jagger das Loblied auf seinen Kollegen singt, tanzt er in Mike Figgis‘ Doku sogar im Sitzen.

Regisseur Mike Figgis kennt sich aus mit Alkoholikern. Er hat schließlich einen der großen Trinkerfilme gedreht. Noch schockierender als Billy Wilders “Das verlorene Wochenende” ist sein ”Leaving Las Vegas”. Der Säufer – Nicholas Cage erhielt für seine Darstellung den Oscar – sucht den Tod, und auch die Liebe holt ihn nicht von dessen Fährte.

Neun Jahre ist Ronnie Wood “trocken”

Das ist bei Ronnie Wood anders. Er will leben – unbedingt. Neun Jahre ist er jetzt trocken und auch frei von anderen Drogen. Der sechsfache Vater hat mit seiner Frau Sally vier Jahre alte Zwillingstöchter. Einmal sind sie kurz zu sehen. Er hat etwas, wofür er 100 Jahre alt werden will. Außerdem ist da noch die Musik. Der 73-jährige Wood zählt zu den Rock-‘n‘-Roll-Legenden, nicht erst, seit er 1975 der Mann neben Keith wurde, der zweite Gitarrist der immer noch aktiven Rolling Stones.

Man findet diesen Mann in Figgis’ Doku auf Anhieb sympathisch. Sein Grinsen ist ansteckend, sein Humor bezwingend. Seine Lebensbeichte hat niemals den Anstrich einer Klage. Und so geht er zurück in die Fünfzigerjahre, in denen sein Vater auf dem Heimweg vom Pub stockbetrunken in fremden Gärten einschlief, bis zu den Partys, auf denen er den Gästen Freebase zum Rauchen anbot, chemisch verarbeitetes Kokain, das er mit dem eigens mitgebrachten Bunsenbrenner aufbereitete. “Freebase hatte die Kontrolle über mich”, erzählt Wood. “Ich brauchte drei Jahre, um davon wegzukommen.”

Wood: “Irgendjemand da oben mag mich”

“Ich war immer in den Händen des Schicksals”, resümiert der Mann aus Middlesex an einer Stelle. Und auch der Filmtitel ist ein O-Ton Ronnie Wood: “Irgendjemand da oben mag mich”. Das Publikum schließt sich dem Obigen an, und wenn dieses Porträt eines Musikers nach 70 Minuten zu Ende ist, wünscht man sich, Figgis hätte daraus eine Netflix-Dokuserie gemacht.

Weggenossen und Musikerkollegen – von Rod Stewart bis Imelda May – liefern nur gesprochene Umarmungen, mit Ausnahme des seltsamen Ex-Led-Zep-Managers Peter Grant. Stones-Drummer Charlie Watts ist reserviert, wenn er sagt, Mick habe Ronnie nie aufgegeben, Mick Jagger, der zeigt, dass er sogar in einem Sessel sitzend tanzen kann, gibt sich als wahrer Freund zu erkennen: “Ronnie brachte Spaß zu den Stones”, bekennt der Frontmann, “mit ihm kam eine großartige andere Stimmung rein.” Und für Keith Richards ist Wood ganz klar der kleine Seelenbruder.

Musikgeschichte gibt es en passant

Popmusikgeschichte gibt es ganz nebenbei: Filmchen mit den Birds, der Jeff Beck Group, den Faces, Wood & Friends und schließlich den Stones zeugen von der Leidenschaft des Briten für Rock ‘n’ Roll, Soul und Blues. Am schönsten aber sind die neuen Aufnahmen, wenn er versunken in seine Akustikgitarre mit herzförmigem Schallloch die Zeilen seinen alten Songs “Breathe on Me” singt: “Won’t you come and see me in my dreams?”

Das würde man gerne. Noch lieber würde man ihn nach diesem Film livehaftig sehen – ein Stones-Konzert, das wär’s. Das Virus macht’s leider unmöglich.

“Ronnie Wood – Somebody Up There Likes Me”, Regie: Mike Figgis, Doku, 71 Minuten, FSK 6, ab 9. Juli im Kino

 

Von Matthias Halbig/RND