Dienstag , 22. September 2020
Die Erinnerung beginnt: Jean-Louis (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Anouk Aimée) sehen sich nach Jahrzehnten wieder. Quelle: Wild Bunch

Im Kino: Claude Lelouchs “Die schönsten Jahre eines Lebens”

Regisseur Claude Lelouch spinnt in „Die schönsten Jahre eines Lebens“ (Kinostart am 2. Juli) die große Liebe aus dem Film „Ein Mann und eine Frau“ fort. Ein früher Womanizer und Rennfahrer denkt im Altenheim an die Liebe seines Lebens. Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant spielen ein hintersinniges Spiel von Verführung und Verstehen.

“Cha ba da ba da – cha ba da ba da”: So hallte es nach der Premiere von “Die schönsten Jahre eines Lebens” durch den großen Salle Lumière beim Cannes-Festival im Vorjahr. Das Publikum intonierte spontan das unvergessliche Chanson aus dem Kinoklassiker “Ein Mann und eine Frau” von 1966 – ein nostalgischer und emotionaler Moment. Nun hat Regisseur Claude Lelouch diese ergreifende Liebesgeschichte 53 Jahre nach dem weltweiten Erfolg, darunter die Goldene Palme und zwei Oscars, fortgesponnen – mit denselben Darstellern.

In einem alten Mann tauchen versunkene Lieben auf

Der einstige Womanizer und Rennfahrer Jean-Louis (Jean-Louis Trintignant) verbringt seine Tage gelangweilt in einer Seniorenresidenz, sein Gedächtnis lässt ihn im Stich, nur manchmal schießen ihm Gedankenfetzen durch den Kopf. Dann erinnert er sich an vergangene Lieben. Sein Sohn Antoine (Antoine Sire, im ersten Film der kleine Sohn) organisiert ein Treffen mit Anne (Anouk Aimée), der Frau, die er nie vergessen konnte.

Sie ist eine attraktive Großmama, wuppt einen kleinen Laden und führt ein erfülltes Leben. Nach kurzem Zögern stimmt sie zu, den Mann zu treffen, nach dem sie trotz seiner Seitensprünge verrückt war.

Lelouchs (Alt-)Stars wollten zunächst absagen

Beim Wiedersehen wirkt sie auf den Jean-Louis wie eine Fremde. Nur zwischendurch entdeckt er Ähnlichkeiten mit dem Menschen, den er vor langer Zeit unendlich geliebt hat. Doch beginnt zwischen beiden ein hintersinniges Spiel von Verführung und Verstehen, verziert mit Humor und vager Sehnsucht. Rückblenden aus dem Original sorgen für Einblick in die Vorgeschichte. Die Bilder von gestern verschmelzen mit denen von heute.

Als der Regisseur seinen Darstellern das Projekt vorschlug, sagten die erst mal ab. Aimée (sie stand für Fellini, Bertolucci, Lumet und Altman vor der Kamera) ist 87, Trintignant (“Goldene Palme” in Michael Hanekes “Liebe”) ist 88 und krank. Aber der 82-jährige Regisseur überzeugte die Zögernden. Und nun folgen sie den Spuren einer großen Liebe, erforschen das Leben als Summe von Erfahrungen, treffen nicht nur auf schöne Erinnerungen, sondern auch auf Seelennarben.

Spielt Jean-Louis den Gedächtnisverlust nur?

Auf den Gesichtern spiegelt sich das Gesagte und das Ungesagte. Anne strahlt Zufriedenheit aus, Jean-Louis flüchtet sich ins Vergessen . Wobei man rätselt: Spielt er den Gedächtnisverlust nur und benutzt ihn als Schutzschild? Dann reicht wieder eine liebevolle Geste, damit die alte Chemie stimmt. Sie brettern mit dem Auto zu schnell durch die Gegend und geraten an eine Polizeistreife. Sie suchen alte Plätze wie Hotel oder Strand auf und picknicken im Grünen.

Belanglose wie bedeutungsvolle Dialoge werden von den Schauspielern brillant weitergeführt. Es gab lediglich ein 15-seitiges Drehbuch, die Dreharbeiten dauerten nur knapp zwei Wochen, was man dem Film leider ansieht. Egal. Es sind die großartigen Schauspielikonen und ihr eleganter Zauber, die diese bewegende Hymne an das Leben und die Liebe zum Erlebnis machen.

“Die schönsten Jahre eines Lebens”, Regie: Claude Lelouch mit Anouk Aimée, Jean-Louis Trintignant, 90 Minuten, FSK 0, ab 2. Juli in den Kinos

Von Margret Köhler/RND