Donnerstag , 1. Oktober 2020
Ich schau dir in die Augen, Junge: Undine (Paula Beer) und Christoph (Franz Rogowski). Quelle: Schramm Film

Im Kino: Paula Beer als Wassergeist “Undine”

Regisseur Christian Petzold aktualisiert für seinen märchenhaften Liebesfilm „Undine“ (Kinostart am 2. Juli) eine Sagenfigur. Die Nixe, die nur dann als Mensch leben darf, wenn sie von jemandem geliebt wird, rächt sich furchtbar, wenn sie verlassen wird. Paula Beer glänzt in Petzolds verwunschener Realität und erhielt dafür den Silbernen Bären der Berlinale.

Dieser Film ist nah am Wasser gebaut: Als die Berliner Museumsführerin Undine dem Industrietaucher Christoph erstmals in einem Café begegnet, birst das Aquarium hoch oben auf dem Schrankregal. Christoph hat das Unglück in seiner aufgeregten Ungeschicktheit ausgelöst.

Zwischen Fischlein erkennen zwei Menschen die Liebe

Nun ergießt sich eine kleine Flut über die beiden. Zwischen scharfen Glasscherben, zappelnden bunten Fischlein und einer tönernen Taucherfigur finden sich die beiden auf dem Boden liegend wieder, blicken sich in die Augen – und wissen sofort, dass da etwas begonnen hat. Eine intensivere Kennenlernszene hat man im deutschen Kino selten gesehen.

Gerade diese Momente sind es auch, die den Film über eine übliche Beziehungsgeschichte hinausheben und ihm eine rätselhafte Faszination verleihen. Etwas überirdisch Entrücktes haftet dem Geschehen an.

Auch Berlin bekommt hier eine feuchte Note

An wasserreicher Symbolik spart Regisseur Christian Petzold auch sonst nicht in seiner märchenhaften Liebesgeschichte “Undine”. Auch die Metropole Berlin bekommt hier eine feuchte Note: Der Name Berlin, so lernen wir, bedeutet im Slawischen so viel wie eine Siedlung im Sumpf. Früher kriegte man hier nasse Füße. Und als nach der Wende die Hochhäuser auf dem Potsdamer Platz hochgezogen wurden, so erinnerte sich Petzold bei der Berlinale im Februar, schwammen dort Industrietaucher auf dem Grund eines Wasserbeckens unter der Baustelle.

Wenige Minuten vor dem Unfall mit dem zersplitternden Aquarium noch hatte Undines zukünftiger Ex-Freund mit ihr Schluss gemacht und war dann tatsächlich erst einmal aus ihrem Leben und auch aus dem Film verschwunden. Ihm hatte Undine (Paula Beer) den erstaunlichen Satz entgegengehalten: “Wenn du fortgehst, musst du sterben.” Der Schlussmacher hatte Glück, dass Undine nur Minuten später der Aquariumszerstörer Christoph (Franz Rogowski) in die Quere kam. Jedenfalls hatte er zunächst einmal Glück.

Die Wirklichkeit erscheint bei Petzold stets verwunschen

Allerdings: So bedrohlich hörte sich Undines Bemerkung zunächst gar nicht an, eher wundersam. Die Wirklichkeit erscheint bei Petzold immer ein wenig verwunschen, seine Filme sind immer wieder von irrlichternden Wesen bevölkert. Man denke nur an die jahrelange enge Zusammenarbeit mit Nina Hoss, deren Stelle als Petzolds Lieblingsschauspielerin nun Paula Beer eingenommen hat.

Hoss war zum Beispiel die in einem Fluss beinahe ertrunkene “Yella” (2007), die es aus der ostdeutschen Provinz in die Welt des Risikokapitals verschlägt. In “Phoenix” (2014) spielte Hoss die KZ-Gefangene Nelly, die ihre Erschießung überlebt hatte und mit bandagiertem Kopf – einer Mumie oder einem Zombie ähnlich – in der Nachkriegswelt auftaucht. Petzold hat eine ganze “Gespenster”-Trilogie gedreht (“Die innere Sicherheit”, “Gespenster” und eben “Yella”), bei der sich die Filmfiguren im Zwischenreich von Leben und Tod bewegen.

Dass es sich bei “Undine” nun um ein Märchen handelt, sagt schon der Filmtitel: Undine heißt die Wassergeistfrau, der sich Autoren von Paracelsus bis zu Ingeborg Bachmann gewidmet haben. Undine ist die Nixe, die nur dann als Mensch leben darf, wenn sie von jemandem geliebt wird. Sie rächt sich, wenn die Liebe zu Ende geht. Petzolds Undine aber will sich befreien von dem Fluch, der auf ihr lastet. Sie will ihr Schicksal selbst bestimmen. Wir sehen die Welt mit ihren Augen. Petzold holt die Sagenfigur in unserer Gegenwart.

“Undine” entwickelt den Petzold-Sog nicht ganz

Christoph ist für Undine das perfekte Gegenüber: Sie kennt sich aus in dem Universum, in dem sich der Industrietaucher bewegt. Mit ihm schwebt sie durch eine Welt mit Riesenwels, überfluteten Stadtruinen und Turbinen. Grünliche Wasserpflanzen greifen wie Arme nach den beiden Tauchenden. Petzold hat seinen beiden Hauptdarstellern mit diesem Film die Liebesgeschichte geschenkt, die er ihnen in seinem vorigen hatte verwehren müssen – das war die ebenfalls in die Gegenwart transferierte Anna-Seghers-Exilroman-Verfilmung “Transit”, noch so eine surreal aufgeladene, allerdings durch die Historie und nicht die Märchenwelt mäandernde Story.

“Undine” entwickelt nicht ganz den Sog, der manchem früheren Film Christian Petzolds anhaftet. Die heutige Welt und die des Märchens stehen immer wieder auch mal unverbunden und wie Gegensätze nebeneinander. Faszinierend aber sind einige Augenblicke: Wer hat schon mal gesehen, wie jemand mit einem weißen Wels schwimmt, als wäre es ein Delfin – nur eben mit jenen für einen Wels üblichen Bartfäden?

Paula Beer, vielen wohl bekannt als die karrieristische Frankfurter Investmentbankerin in der Serie “Bad Banks”, hat die Undine-Rolle den Silbernen Bären der Berlinale beschert. Ein schönes Geschenk für eine Wasserfee, die um ihre Freiheit ringt.

“Undine”, Regie: Christian Petzold, mit Paula Beer, Franz Rogowski, 92 Minuten, FSK 12, ab 2. Juli im Kino