Freitag , 25. September 2020
In dieser Woche kündigte das Trio “The Dixie Chicks” an, “Dixie” aus dem Bandnamen zu streichen – ein Synonym für den alten Süden der USA. Quelle: imago images/UPI Photo

Musik von Weißen für Weiße? Rassismus in der Countryszene

Die Countrybranche in den USA ist eine Domäne weißer, überwiegend männlicher Künstler. Aber in dem Genre beanspruchen afroamerikanische Sängerinnen und Sänger zunehmend ihren Platz in Plattenstudios, auf Konzertbühnen und im Radio.

Nashville. Eigentlich wollte Country-Sängerin Rissi Palmer gleich im ersten Vers ihrer Debütsingle die Worte „Ich bin nicht weiß“ unterbringen. Doch auf Anraten ihrer Plattenfirma schrieb sie den Songtext um. An der Botschaft des Liedes „Country Girl“ aus dem Jahr 2007 hielt die Afroamerikanerin aber fest: Niemand muss ein bestimmtes Aussehen haben, um sich als Country-Mädchen bezeichnen zu dürfen. „Ich hatte die Absicht, über all die Frauen oder all die Menschen zu sprechen, die nicht unbedingt ins Raster passen, aber trotzdem dieselbe Mentalität haben.“

Die Country-Musikindustrie hat lange gezögert, ihre lange und komplizierte Vergangenheit beim Thema Rassismus aufzuarbeiten. Seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd durch Polizeigewalt und den darauf folgenden weltweiten Protesten kann die Branche dem Problem allerdings nicht mehr aus dem Weg gehen. Country-Musiker, -Labels und -Organisationen drückten in den vergangenen Wochen in sozialen Medien ihre Unterstützung für die Bewegung Black Lives Matter aus oder sprachen sich direkt gegen Rassismus aus.

In dieser Woche kündigte das Trio The Dixie Chicks an, „Dixie“ aus dem Bandnamen zu streichen – ein Synonym für den alten Süden der USA. Die Südstaaten hatten im Bürgerkrieg dafür gekämpft, dass die Sklaverei erhalten bleibt.

Derweil fordern schwarze Künstler, dass die Country-Sparte sich mit einer seit Jahrzehnten bestehenden rassistischen Diskriminierung auseinandersetzt. Täglich werden auf Country-Sendern, in Playlisten und auf Tour Stereotype verstärkt: dass Country-Musik nur für ein weißes Publikum bestimmt ist, von weißen Songwritern geschrieben und von überwiegend weißen Männern gesungen wird.

In den vergangenen Jahren hat sich die Debatte allerdings etwas verlagert. Es wird vermehrt anerkannt, dass schon von jeher nicht-weiße Künstler in der Musikrichtung vertreten waren – selbst wenn sie nicht immer akzeptiert werden.

So erhielt die Sängerin Rhiannon Giddens ein Stipendium der MacArthur Foundation für ihren Einsatz zur Anerkennung der Beiträge von Schwarzen zur Country- und Folk-Musik. Künstler wie Darius Rucker, Kane Brown und Jimmie Allen hatten alle Nummer-eins-Hits in den vergangenen Jahren. Und Country-Sängerin Mickey Guyton veröffentlichte gerade einen kämpferischen Song mit dem Titel „Black Like Me“.

Dennoch bleibt die tief verwurzelte Kultur der Exklusivität eine Herausforderung. In den Rezensionen zu ihrem ersten Album sei sie häufig als „farbig“ bezeichnet worden, erzählt Palmer. „Nach dem Motto: „Ich wusste gar nicht, dass farbige Menschen Country-Musik mögen.““ Der Begriff „farbig“ wird von Schwarzen mitunter strikt abgelehnt. Im sozialen Netzwerk MySpace sei sie ständig attackiert worden mit Nachrichten wie „Du machst mich krank“, „Warum versuchst Du, weiß zu sein?“ oder „Warum versuchst Du, die Country-Musik an Dich zu reißen?“

Wandel kann auch Pannen mit sich bringen. Nachdem die Country-Band Lady Antebellum angekündigt hatte, ihren Namen in Lady A zu ändern, musste sie sich später bei einer schwarzen Sängerin entschuldigen, die bereits seit Jahren unter dem Künstlernamen auftritt.

Plattenfirmen sollen sich nicht nur auf eine Zielgruppe konzentrieren

Der Country-Rapper Breland aus Atlanta wollte in seinem Song „My Truck“ – mit einem Augenzwinkern – auf das Thema Rassismus aufmerksam machen. Im Video dazu schubst er einen weißen Mann aus dem Bild mit den Worten „Don’t touch my truck“ („Finger weg von meinem Auto“). „Ich hatte das Gefühl, es ist an der Zeit, dass die Leute ihren Blick darauf ändern, was Country-Musik ist und was sie sein kann“, erklärt Breland. „Denn es gibt ein Publikum von Country-Hörern unter 30, die überzeugt sind, dass schwarze Leben zählen (black lives matter).“

Die Plattenfirmen müssten aufhören, sich nur auf eine Zielgruppe zu konzentrieren. „Es gibt eine Gruppe von Hörern, die Country dafür lieben, wie sie klingt, die aber einen Teil der Politik nicht mögen, von der sie wissen, dass sie sich hinter den Kulissen abspielt.“

Ursprünglich wurde Country-Musik sowohl in weißen als auch in schwarzen Gemeinden im US-Süden komponiert und gespielt, wie die Historikerin und Autorin Amanda Marie Martinez weiß. Weißer Country sei zunächst aber als „Hinterwäldler-Musik“ verunglimpft worden. Die Industrie habe daraufhin verstärkt die wachsende weiße Mittelklasse in den Fokus genommen, um das Genre besser zu etablieren und hochprofitabel zu machen. Dabei hätten die Manager „dem relativ konservativen Hörer als Zielgruppe Vorrang eingeräumt, eine Art Gegenteil zur Jugendkultur“.

Branchenverbände setzten Arbeitsgruppen für mehr Diversität ein

Dennoch gab es auch später noch Phasen der Diversität. Dazu gehört etwa die Zeit nach der Bürgerrechtsbewegung, als schwarze Künstler wie Charley Pride, Linda Martell, O.B. McClinton und Stoney Edwards Erfolge feierten. Gleiches galt für Johnny Rodriguez und Freddy Fender, die auf Englisch und Spanisch sangen.

Heute ist von einer solchen Vielfalt nach Ansicht von Kritikern nicht mehr viel zu spüren. Vor gut einem Jahr wurde die Empörung über fehlende weibliche Stimmen und wenige Auszeichnungen für Country-Sängerinnen immer lauter. Die beiden Branchenverbände Academy of Country Music und Country Music Association setzten Arbeitsgruppen für mehr Diversität ein.

Sängerin Palmer ist zuversichtlich, dass es zu Fortschritten kommen kann. Es wäre eine Schande, wenn Country nicht jedem offen stünde, sagt sie.

RND/AP