Mittwoch , 23. September 2020
Amerikanischer Gast in den Hip-Hop-dominierten deutschen Singlecharts: Rapper DaBaby mit seinem Hit “Rockstar” (hier bei einem Konzert im Oktober 2019 in Charlotte, North Carolina). Quelle: Getty Images for Spotify

Deutsche Musikcharts fest in Rapperhand – wäre da nicht Bob Dylan

Besieht man sich die Top Ten der Singlecharts findet man dort fast nur Raps und Hip-Hop-Beats. Das ist in erster Linie der Rührigkeit von Stars und Fans geschuldet, sagen Kenner. Sieht man auf die Albumcharts, entdeckt man Stilvielfalt – und den König der Songwriter mit seinem größten Erfolg hierzulande.

Die Musikhitparaden oder Charts der Welt erzählen seit vielen Jahrzehnten die ewige Geschichte von Hit und Flop. Sie sind der Gradmesser der Wirkung, Reichweite, Kommerzialität von Musik – eines einzelnen Songs (Singlecharts in Deutschland gibt es seit 1953) oder einer ganzen Liederkollektion (deutsche Albumcharts seit 1962). Sie stellen zudem die Weichen für die weitere Karriere von Sängern, Sängerinnen und Bands.

Dem jeweiligen Künstler sagen die aktuellen – in unserem Falle die deutschen – Musikcharts und seine Positionierung darin, wie es derzeit hierzulande um seine Popularität bestellt ist. Den loyalen Fan erfüllt eine obere Platzierung seines Künstlers in den Charts mit Stolz, eine tiefere mit Sorge. Ändern kann er auch mit noch mehr Loyalität nichts, wenn die großen wandernden Hörerherden längst auf den Weiden der nächsten Sensation grasen. Der Plattenfirma sagt der jeweilige Chartsplatz, ob sich die Sache mit Sängerin x oder Formation y weiterhin lohnt.

Die Charts sprechen zu Künstlern, Fans und Plattenfirmen

Mit der Qualität der Musik hatte und hat der Chartsplatz nicht zwangsläufig zu tun. Viel Gutes hat sich in den Charts der ganzen Welt zweifellos auch immer gut bis überragend geschlagen. Zwei Beispiele aber, dass es auch schiefgehen kann: “Arthur or The Decline and Fall of The British Empire” der britischen Poplegende Kinks, das in der heutigen Rückbetrachtung zu den buntesten und gelungensten Alben der Sechzigerjahre gezählt wird, hatte weder in den USA noch in der Heimat 1969 Kontakt zu den Hitlisten. Und David Bowies Single “Heroes”, zweifellos einer der meistgecoverten Klassiker der Populärmusik, schaffte es in Amerika 1977 nicht mal zur Heldensingle für einen Tag. Kein Entrée in die Billboard-Hot 100.

Bis vor wenigen Jahren noch bildeten die Charts das Musikgeschehen in aller Breite ab. In den Charts stand Elvis Presley neben Peter Alexander, Nirvana neben Andrea Berg und im Juni 2010 Shakira neben Lena Meyer-Landrut. Es ging nach Verkaufszahlen und für kurze Zeit auch nach Radioeinsätzen, später, in der digitalen Morgendämmerung wurden digitale Quellen einbezogen, der Rundfunk fiel raus.

Abgebildet wurde dabei – es lag in der Natur der Sache – stets der breite Mainstream, das, was Hunderttausende bis Millionen in diversen Sparten der Populärmusik mochten und liebten, und die meisten Künstler, die in den Hitparaden versammelt waren, waren irgendwie allen geläufig: Oma mochte die Krachmacher AC/DC zwar nicht, hatte aber von ihnen gehört. Und der Enkel kannte Großmutters Liebling Udo Jürgens, auch weil dessen “Aber bitte mit Sahne” auf Teeniepartys nach Mitternacht abgefeiert wurde.

Die deutschen Charts werden umsatzbezogen ermittelt

Heutzutage werden die Charts – eine deutsche Spezialität – rein umsatzbezogen ermittelt: “Handel, E-Commerce wie Amazon, Downloads bei iTunes und Streaming wie Spotify – aber nur bezahlte Premiumstreams”, summiert Hans Schmucker, Pressesprecher der GfK Entertainment, die die offiziellen deutschen Charts im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie e. V. ermittelt. Auch der Grund, weshalb Radioeinsätze nicht mehr einbezogen werden.

Am Morgen des 26. Juni, dem Tag der Werdung dieses Textes, steht auf Platz 1 der deutschen Singlecharts ein Act namens Ufo 361, gefolgt von fremden Namen wie Pashanim, DaBaby, Apache 207, AK Aussenkontrolle & Boney MC. Denkt man zunächst, deren Nichtkennen sei eine Frage des Alters, wird man stutzig, als man die eigene Teenagertochter befragt, die aus den Top Ten der vierten Juniwoche 2020 nur The Weeknd und Mark Forster kennt – wie man selbst. Die Top Six besteht aus fünf Tracks von Deutschrappern und einem Song von US-Rapper DaBaby (der schon 38 Singles veröffentlicht hat). Und das macht einen doch stutzig: Ist Deutschland, ohne dass man es bemerkt hat, zur “Rapublik” geworden?

“Die Charts, ob Alben oder Singles, haben nicht mehr ganz die Relevanz wie noch bis in die 80er- oder 90er-Jahre”, sagt Dietmar Schwenger dazu. “Die Platzierungen haben früher alle Schüler in der Klasse interessiert, das ist heute nicht mehr so.” Das habe auch damit zu tun, dass die Musikszene immer nischiger, kleinteiliger geworden sei. Deutschrap sei das derzeit dominierende Genre im Trackgeschäft, Hip-Hop-Fans seien darüber hinaus extrem rührig. Sie nutzten die Playlists der Streamingdienste äußerst intensiv. “Millionen junge Hörer klicken diese Listen an. Und einzelne Titel werden dann zehn, 50, 100 Mal gehört. In nutzungs- und nicht mehr kaufbasierten Charts macht sich das ganz klar bemerkbar.”

Ein Plattenkauf schlug nur einmal zu Buche

Das leuchtet ein. Kaufte man früher die neue Madonna-Single, schlug das genau einmal für die Charts zu Buche, egal, ob man hinterher zu Hause mit “Like A Virgin” per Dauerabspielen die Plattenspielernadel ruinierte. “Auch heute hört sich der Rockfan im Streaming nicht zehnmal nacheinander ‘Stairway to Heaven’ an”, sagt Schwenger. Andere Nutzungsgewohnheiten, andere technische Möglichkeiten, ein anderes Zeitvolumen, das in die Lieblingsmusik investiert werde.

“Die Rapper haben eine enorm ausgeprägte Fanbindung in den sozialen Medien”, weiß Hans Schmucker. “Seit der Fan direkt zu erreichen ist, wird das von ihnen intensiv gepflegt, und auch das zahlt sich aus.” Er verweist allerdings darauf, dass nicht zum ersten Mal ein Sound das Chartsgeschehen dominiere, nennt als Beispiel die Flut von Euro-Dance-Tracks in den Neunzigerjahren. “Hip-Hop ist eben die Musik der Stunde”, sagt Schmucker.

Hip-Hop ist auch anderswo in Europa das dominante Pop-Genre

Das sei auch in Frankreich, Spanien, der Schweiz und Österreich so. Einzig England mit seiner großen Band- und Songwritertradition habe vielseitigere Singlecharts. Allerdings seien in den deutschen Singlecharts auch Dance-Acts wie David Guetta, Felix Jaehn und Robin Schulz zu finden sowie deutschsprachiger Pop von Künstlern wie Sarah Connor oder Max Giesinger. Und Songwriter wie Adele und Ed Sheeran gebe es auch noch. Wer schließlich die Albumcharts verfolge, der stelle fest, dass auch der Metal-Sektor in Deutschland weiterhin bestens vertreten sei.

Man sei sich in der Branche durchaus bewusst, dass die musikalische Vielfalt zumindest in den Singlecharts nicht mehr wiedergegeben werde. Und es gebe durchaus Maßnahmen, um wieder mehr Stilen Raum zu gewähren. “Bis zum Vorjahr war es so, dass bei Erscheinen eines Albums eines erfolgreichen Rappers die Hip-Hop-Szene alle 15 Tracks des Albums in die Singlecharts brachte”, erläutert Schwenger. Das Regelwerk sei dahingehend verändert worden, dass nur noch Tracks eines Albums, die von Anfang an als Single vorgesehen sind, charten können. “Das Grundproblem bleibt dennoch: Wie kann man die Charts relevant machen?”

Dass die deutsche Jugend – wie die aktuelle Chartssituation vermuten ließe – geschlossen beim Hip-Hop gelandet ist, stimme jedenfalls nicht, blicke man in den jüngsten Jahren auf das derzeit wegen Corona darniederliegende Konzertsegment der Popmusik. “Gerade bei Festivals sind die jungen Musikfans äußerst flexibel, schauen sich nachmittags eine Rockband an und gehen abends ins Elektrozelt”, weiß Schwenger, der selbst Bassist in diversen Jazz- und Rockbands war. “Da ist große Offenheit vorhanden.”

Die Singlecharts sind für das Konzertgeschäft uninteressant

Die Booker im Livegeschäft beachteten die deutschen Singlecharts für ihre Arbeit allerdings kaum noch. “Sie geben ihnen keine Auskunft mehr darüber, ob ein Live-Act, eine Rockband etwa, zugkräftig ist. Da sind die Auswertungen von Spotify aufschlussreicher.” Während die Plattenfirmen Chartspositionierung noch stark in ihr Marketing einbänden: “Da ist die Notierung der vorherigen Single oder des vorherigen Albums noch eine harte Währung.”

So trommelte Sony vor Kurzem durchaus stolz mit der ersten amerikanischen Nummer eins für seinen musikgeschichtlich wohl relevantesten Künstler Bob Dylan. Dessen 17-Minuten-Brecher “Murder Most Foul” schaffte das Kunststück – allerdings nicht in den mythischen Billboard-Hot-100, sondern in den Billboard-Rock-Digital-Songcharts. Ein Erfolg im Digitalen für einen Künstler, der dem haptischen Zeitalter von Vinyl und CD zugerechnet werden muss, erscheint dennoch auf den ersten Blick ungewöhnlich. Schwenger weist daraufhin, dass es zum Zeitpunkt der Digitalveröffentlichung überhaupt keinen physischen Tonträger gab. Und: “Ohne den Kollegen vom Billboard zu nahe treten zu wollen. Die Amerikaner haben Hunderte Untercharts, es wäre eher eine News gewesen, wenn Dylan das nicht geschafft hätte.”

Hunderte offizielle Charts gibt es in Deutschland zwar nicht, dennoch bestehen neben den Top 100 für Alben, Singles und Compilations bei uns noch Download-Charts, Jazzcharts, Klassik-, Schlager-, Hip-Hop-, Dance-, Musikvideo-, Comedy-, Streaming- und Vinylcharts. Noch mehr Diversifizierung nach Adult-, Rock-, Folkcharts hält Schwenger für eine Gratwanderung: “Wer weiß heute denn wirklich, was in den Jazzcharts auf Platz eins steht? Das verliert sich in den Szenen. Ein Jazzlabel, das eine wichtige Veröffentlichung hat, würde mit der Platzierung des Vorgängeralbums in den Top 100 werben, nicht mit dem Platz in den Jazzcharts. Den Platz eins in den Jazzcharts erwartet man sowieso.”

Verkaufzahlen? Hier herrscht “deutsche Geheimniskrämerei”

Was es heute ungefähr an Verkäufen brauche, um Nummer eins in den Top 100 zu werden, fragt man Schwenger noch. Und geht leer aus. “Zahlen sind von den Plattenfirmen schwer zu bekommen, das ist deutsche Geheimniskrämerei.” In den US-Charts könne man dagegen in den Charts die Anzahl der verkauften Exemplare nachlesen. Allerdings gebe es durchaus Nummer-eins-Tricks. Die Schlagerband Amigos etwa brächte, so Schwenger, jedes neue Album in derselben veröffentlichungsarmen Juliwoche heraus, womit mangels Konkurrenz ein Spitzenplatz quasi garantiert sei.

Eine Zeit lang kamen auch Hip-Hop-Alben mit unverhofft hohen Platzierungen heraus, weil sie durch Beigabe von Gimmicks wie T-Shirts das Attribut “hochwertig” erhielten und zu einem höheren Preis in den Handel kamen, wodurch die tatsächlichen Stückverkäufe mit einem Faktor multipliziert wurden. Inzwischen habe man den Faktor wieder gesenkt und ein Limit bei dieser sogenannten “wertbasierten Erhebung” eingeführt.

Bob Dylan: Später Triumph des Königs der Songwriter

Das Chartssystem werde stets diskutiert, es sei immer im Wandel. Es gebe beispielsweise eine Fraktion in der Branche, die die Radiocharts gern wieder dabei hätten, erwähnt Schwenger. Die Charts seien “ein großer Organismus, der sich immer wieder verändert, der immer im Fluss ist.”

Und während gerade im Moment des Gesprächs die Singlecharts wechseln – Freitagnachmittag beginnt die Chartswoche – und auf den ersten fünf Plätzen neue Tracks von Capital Bra und Bonez MC erscheinen, ist in diesem deutschen Fluss jetzt auch der große alte amerikanische Baumstamm Bob Dylan aufgetaucht, der Literaturnobelpreisträger, der König der Songwriter.

Und das ist denn doch eine Überraschung. GfK-Mann Schmucker gibt am Ende des Gesprächs die brandneue Nummer eins der deutschen Albumcharts bekannt: “Dylan hat es mit ‘Rough and Rowdy Ways’ endlich geschafft, zum ersten Mal überhaupt”, freut sich Schmucker, “55 Jahre nach ‘Like A Rolling Stone’.”

Von Matthias Halbig/RND