Samstag , 31. Oktober 2020
Olaf Scholz packt die Bazooka aus – und die Politik wird zum Kinderspiel. Quelle: thailerderden10 - stock.adobe.com

Wumms, Bumms und Rumms: Hört auf, mit Wählern wie mit Kindern zu sprechen

Wumms, Bumms und Rumms: Olaf Scholz‘ Krawallmetapher zieht Kreise. Die Infantilisierung der Politik schreitet voran. Wann hat das angefangen, dass man Wähler für Sandförmchenschmeißer mit ausgebranntem Dachstuhl hält? Schluss damit, findet Imre Grimm. Politische Willensbildung beginnt mit der Bildung von ganzen Sätzen.

Neben “Aerosolwolke” und “Ausnahmenormalität” (”Tagesthemen”) hat jüngst ein vergleichsweise unterkomplexes Wort Karriere gemacht: “Wumms”. Wir erinnern uns kurz: Ein Wumms ist laut Vizekanzler Olaf Scholz die erforderliche Maßeinheit an Finanzkraft zur wirtschaftlichen Überwindung der Corona-Krise. Ein Wumms sind 130 Milliarden Euro Schulden oder umgerechnet zehn Karacho, 20 Rattazong oder zweieinhalb Krachbummpeng. Umgekehrt entspricht eine Million Euro exakt 0,000076923 Wumms.

Zuständig für den Wumms sind Olaf Scholz und Peter Altmeier (oder wie wir sagen: Wumms und Wendelin). Mehr muss man über die deutsche Bundesregierung gar nicht wissen. Man müsse aufpassen, dass aus dem “Wumms kein Bumms” wird, hat Altmeier gesagt. Das war Wirtschaftspolitik endlich mal so erklärt, dass auch ich es verstehe. Nix “Exportüberschuss” und “Nettokreditaufnahme”! Wir brauchen Wumms, sonst Plumps und die Wirtschaft rummsbumms! Das ist die Sprache des Wählers.

“Der Bund macht Wumms, Jamaika macht leider Rumms”

Scholz’ Karachovokabel zieht inzwischen Kreise. So sagte jüngst die schleswig-holsteinische SPD-Landesvorsitzende Serpil Midyatli mit Blick auf die Kieler Landesregierung: “Der Bund macht Wumms, Jamaika macht leider Rumms.” Und Julia Willie Hamburg, Grünen-Fraktionsvorsitzende im niedersächsischen Landtag, warnte einprägsam: “Ohne Wumms kein Rumms!”. Das ist für den Normalverbraucher verwirrend, denn für Midyatli scheint der “Rumms” etwas Negatives zu sein, der Wumms dagegen etwas Positives; für Hamburg dagegen umgekehrt oder doch ganz anders, was weiß ich denn.

Ob Wumms, Rumms, oder Bumms: Die Infantilisierung der Politrhetorik schreitet voran. Kurze Frage: Wäre es bitte möglich, mit Wählern nicht so zu sprechen, wie mit Waldmenschen, deren Vorfahren noch gemolken wurden?

Früher sollte ein “Ruck” durch Deutschland gehen, heute ist es ein “Wumms”

Früher sollte ein “Ruck” durch Deutschland gehen, heute ist es ein “Wumms”. Einziger Unterschied: Der Ruck war kostenlos, der Wumms ist teuer. Der Wumms ist das größte deutsche Konjunkturprogramm seit der Erfindung der CSU-Herdprämie. Aber das Tolle ist: Wir müssen’s nicht bezahlen. Das ist wie bei der “Zahlpause” beim Otto-Versand. Bezahlen tut die nächste Generation. Deshalb ist “Wumms” auch das Geräusch, das unsere Kinder machen, wenn sie in 60 Jahren angesichts ihres Rentenbescheids vor Schreck in Ohnmacht fallen. Rummsbumms!

Überhaupt – der Scholz. Vor ein paar Wochen erst sagte er, er werde die “Bazooka auspacken”, um die Wirtschaft zu schützen. Und wie macht die Bazooka? Wumms! Aber wenn du Olaf Scholz heißt und aussiehst, wie ein Klempner aus einem Heinz-Rühmann-Film, lässt du es wenigstens sprachlich so oft wie möglich krachen. Eine Panzerabwehrrakete, benannt nach einem historischen Blechblasinstrument (Bazooka!) plus eine onomatopoetische Krawallmetapher (Wumms!) – das ergibt zusammen ein SPD-Tischfeuerwerk von einem Bundesminister.

Deutschland – ein Kindergarten

Deutschland – ein Kindergarten. Als seien wir allesamt Mitglieder der “Adlergruppe”, und Cheferzieherin Angela klimpert lustig mit den Wimpern wie der Elefant in der “Sendung mit der Maus” und sagt alle naselang: “Bitte nicht mit Sandförmchen werfen, Horst! Wir haben das doch besprochen.” Manchmal scheint es, als sähen Teile des deutschen Politbetriebs den Wähler als realitätsfernes, instinktgesteuertes Kindheitswesen, dem man in! deutlichen! Worten! und! einfachen! Sätzen! erklären muss, was Sache ist. Die permanente Unterforderung des Wählers ist ein anhaltendes Ärgernis.

Natürlich ist gegen ein bisschen menschliche Wärme in der Politik nichts einzuwenden. Die Politerzieherinnen der Achtziger hießen noch Anke Fuchs, Jutta Ditfurth oder Rita Süssmuth. Sie versahen den Dienst am Vaterland in zweckmäßiger Kleidung und mit dem rauen Charme einer Wüstenkaktee. Wärme? Nicht in einer Million Jahren. Süssmuth konnte mit dem Zucken ihres Mundwinkels ganze CDU-Fraktionssitzungen entemotionalisieren.

Ursula von der Leyens ex-tra-deut-li-cher Schonton

Spätestens aber, seit Ursula von der Leyen in ihrer allerersten Wahlkampfbroschüre ihre sieben Sprösslinge David Echter, Sophie Charlotte, Maria Donata, Victoria Ursula, Johanna Gertrud, Egmont Ulrich und Gracia Diotima im Gänsemarsch über eine Wiese spazieren ließ, ist die Infantilisierung der deutschen Politik in vollem Gange. Ursula von der Leyen – das sogenannte “Windelröschen” – hat das “Prinzip Ponyhof” einst in der Bundespolitik etabliert: Alles reitet im Kreis, und wer nicht spurt, kriegt kein Heu.

Wenn ich mich mal wieder fühlen möchte wie ein Vierjähriger, dann höre ich einfach Ursula von der Leyen zu. Dieses passiv-aggressive Seufzen. Dieser nachsichtige, ex-tra-deut-li-che Schonton im Stile einer dampfenden Kindergärtnerin kurz vor der Eskalation, die sich mit letzter Kraft in einem intellektuellen Gnadenakt auf das Niveau von uns rückenmarksgesteuertem Wahlpöbel herabbegibt. Als würde sie extra für uns mit angezogener Handbremse sprechen.

Mein Appell: Mehr Komplexität wagen

Aber Wumms, Bumms und Rumms zeigen: Von der Leyen ist eben nicht mehr die Einzige, die Politik als Wettbewerb um die billigste Metapher, den blödsinnigsten Vergleich und die keckste Verkürzung versteht. Je besser verpackt, je hübscher die virtuelle Schleife um das Paket, desto leichtgängiger und akzeptabler. Und so heißen Gesetze heute “Gute-Kita-Gesetz” oder “Starke-Familien-Gesetz”. Jede ARD-Ratgebersendung klingt inzwischen wie die Teletubbies in Zeitlupe. Die Infantilisierung der Gesellschaft breitet sich schneller aus als Burgerläden, Boxspringbetten und Social-Media-Berater. Verzweifelte Banker, denen Koks zu teuer ist, testen auf Bierbikes die Grenzen der Menschenwürde. Und im Fernsehen verkaufen sie in einfachen Sätzen ihre Bällebadpolitik.

Politisch interessierte Medienkonsumenten aber sind keine Sandförmchenschmeißer mit ausgebranntem Dachstuhl. Politische Willensbildung beginnt mit der Bildung von ganzen Sätzen. Mein Appell: Mehr Komplexität wagen.

Von Imre Grimm/RND