Samstag , 24. Oktober 2020
Das Auge des Tigers: Alina Serban (l.) als Boxerin Ali und Tobias Moretti als Tanne in einer Szene des Films “Gipsy Queen“. Quelle: Lukas Gnaiger/Majestic Filmverle

“Gipsy Queen”: Das Porträt einer Kämpferin

Ein Romamädchen wird zum Boxprofi aufgebaut, dann jedoch wegen ihrer unehelichen Kinder verstoßen. In Hüseyin Tabaks Kämpferinnenporträt “Gipsy Queen” bekommt sie in Hamburg eine zweite Chance. Wie in den großen klassischen Boxerdramen wird der Ring auch für die von Aliba Serban pathosfrei gezeichnete Ali zum Ort der Selbstfindung.

“Du schwebst wie ein Schmetterling und stichst wie eine Biene”, hat der Vater zu Ali (Alina Serban) gesagt. Der Boxtrainer baute die Tochter als Kämpferin auf. Nur im Ring seien sie frei von den Regeln der Weißen, in deren Welt sie als Roma allenfalls geduldet würden. Ali war der Stolz der Familie, bis der Stolz des Vaters alles zerstörte.

Als die Tochter mit dem zweiten unehelichen Kind in das rumänische Dorf zurückkehrte, verstieß er sie – und stieß sie damit auch aus der Gesellschaft und Kultur der Roma, in der Ali aufgewachsen war. Das war vor knapp zehn Jahren.

Eine Boxerin als Putzfrau in Hamburgs “Ritze”

Inzwischen wohnt Ali mit ihren beiden Kindern in Hamburg und schlägt sich mit Niedriglöhnen durch. Eine stolze Kämpferin ist sie geblieben. Aber die Gegner stehen nicht im Ring, sondern bestimmen aus der Deckung ihrer Privilegien die Regeln jeden Tag neu. Die Leiterin der Putzkolonne steckt einen Teil von Alis Lohn in die eigene Tasche. Der Auftraggeber fährt auf dem Tagelöhnerstrich vor und will für die Asbestarbeiten nur noch 5 statt 7 Euro die Stunde zahlen.

Ali weiß, wofür sie kämpft: für die Zukunft ihrer Tochter Esmeralda, die aufs Gymnasium gehen soll, und den jüngeren Sohn Mateo. Doch als Ali einen Aushilfsjob in der legendären Kiezkneipe Die Ritze bekommt, scheint sich ihr Schicksal zu wenden. Betreiber Tanne (Tobias Moretti) ist ein abgewrackter Boxer, der im Keller seines Etablissements in St. Pauli Schaukämpfe veranstaltet. Es dauert nicht lange, bis Tanne das Talent seiner Putzkraft erkennt.

Der Ring als Ort der Selbstfindung

Mit “Gipsy Queen” zeichnet Regisseur Hüseyin Tabak das sensible und kraftvolle Porträt einer Frau, die sich im Ring wie im Leben nicht unterkriegen lässt. Dabei benutzt er die Metaphorik des klassischen Boxerfilms, in dem mit dem Kampf im Ring immer auch ein Prozess der Selbstfindung und des Ringens um gesellschaftliche Anerkennung verhandelt wird. Schlüssig überträgt Tabak das Genremuster auf das Leben einer alleinerziehenden Mutter, die sich als Roma in Deutschland ein neues Leben aufzubauen versucht.

Mit Alina Serban hat er die ideale Hauptdarstellerin gefunden. Sie überzeugt nicht nur in den Boxkämpfen mit ihrer fokussierten Performance. Pathosfrei zeichnet sie eine Frauenfigur, die einstecken und austeilen kann und wie eine Löwin für sich und ihre Kinder kämpft.

Tobias Moretti glänzt in der Rolle des Kiezveteranen

Ihr gegenüber begibt sich ein fabelhafter Tobias Moretti mit Feingespür in die Rolle des abgewirtschafteten Kiezveteranen, der gern den großen Macker markiert, aber von der ersten Begegnung mit Alis aufgeweckten Kindern überfordert ist. Schön, dass die Beziehung der beiden nicht zwanghaft in romantische Klischees gesteuert, sondern als echte Sportsfreundschaft ausgeleuchtet wird.

Genauso gelingt es dem Regisseur, den Konventionen des Boxerfilms zu trotzen, der seine schlagkräftigen Helden ja gern über Niederlagen in einem harten finalen Kampf zum Triumph führt. Stattdessen wartet “Gipsy Queen” mit einer poetischen Schlusswendung auf, die den Film samt Heldin leicht wie einen Schmetterling davonflattern lässt.

“Gipsy Queen”, Regie: Hüseyin Tabak, mit Alina Serban, Tobias Moretti, 113 Minuten, FSK 12, ab 25. Juni im Kino