Freitag , 30. Oktober 2020
Auf dem Weg von der Dienerin zur Musikproduzentin: Dakota Johnson als Maggie Sherwoode und Kelvin Harrison Jr. als David Cliff in einer Szene des Films “The High Note”. Quelle: Glen Wilson/Universal Pictures/d

“The High Note” – Dakota Johnsons Emanzipationsversuch

Dakota Johnson versucht sich aus den thematischen Fesseln ihrer “Shades of Grey”-Filme zu befreien. Die Enkelin von Hitchcock-Star Tippi Hedren spielt in “The High Note” (Kinostart am 25. Juni) die Bedienstete einer kapriziösen Souldiva. Doch wenn sie bauchfrei am “Hollywood”-Signet entlangjoggt, wirkt es, als habe man Restmaterial der Erostrilogie verklappt.

Es ist nicht so einfach, sich von einer Rolle zu befreien, an die man sein ganzes Teenagerleben lang gefesselt war. Daniel Radcliffe, besser bekannt als Harry Potter, ist immer noch nicht damit fertig.

Seit seiner Zeit als Zauberlehrling in Hogwarts strampelt der nun auch schon 30-jährige Brite, um als Charakterdarsteller wahrgenommen zu werden – und erwischt regelmäßig die falschen Filme, wie gerade wieder die just heute in den Kinos startende pubertäre Gewaltorgie “Guns Akimbo” beweist, in der er mit zwei an seine Hände geschraubten Pistolen um sich ballert.

Die Jungstars Pattinson und Stewart haben sich erfolgreich emanzipiert

Landsmann Robert Pattinson, einst als “Twilight”-Vampir unterwegs (und zuvor ebenfalls in “Harry Potter” dabei), ist es ein wenig besser gelungen, sich von seiner Blutsaugervergangenheit zu emanzipieren. Allerdings mutete sich der 34-Jährige auch immer wieder Brachialaufgaben zu und spielte gegen das Image als bleicher Schönling mit geradezu selbstzerstörerischer Besessenheit an – man denke nur an Filme wie “High Life” (2018) oder “Der Leuchtturm” (2019).

Seine damalige “Twilight”-Geliebte Kristen Stewart hat wohl am erfolgreichsten in eine Zeit danach gefunden. Der französische Regisseur Olivier Assayas hat der Karriere der 30-jährigen Amerikanerin dabei den nötigen Schub gegeben. Weniger die Geistergeschichte “Personal Shopper” (2017) als “Die Wolken von Sils Maria” (2014) mit Juliette Binoche als alterndem Theaterstar stach dabei heraus. Das Kuriose ist: Gleich in beiden Filmen gab Stewart die Assistentin einer Berühmtheit.

Dakota Johnson ist dienstbarer Geist eines alternden Popstars

Auch Dakota Johnson arbeitet daran, sich ihrer Vergangenheit als fesselungswillige Anastasia Steele in der “Shades of Grey”-Trilogie zu entledigen – und wie es der Zufall will: Auch die 30-jährige Amerikanerin ist in “The High Note” eine Assistentin. Oder schwingt da bei den Jungstars etwa das Bedürfnis mit, sich nach so viel frühem Ruhm auch mal unterzuordnen?

 

Johnson trägt bei ihren schauspielerischen Befreiungsversuchen noch eine zusätzliche familiäre Bürde mit sich herum. Sie ist die Tochter der Schauspieler Don Johnson und Melanie Griffith und darüber hinaus die Enkelin von Hitchcocks Entdeckung Tippi Hedren (“Die Vögel”, “Marnie”).

Auf dem Papier klingt die Geschichte von “The High Note” tatsächlich vielversprechend: Hinter die Kulissen des Showbiz möchte der Film blicken. Johnson spielt die patente Maggie, die seit bereits drei Jahren in Diensten der kapriziösen Souldiva Grace Davis (Diana Ross’ Tochter Tracee Ellis Ross) steht.

Statt bitterer Verzweiflung gibt es Desperation light

Maggie ist Mädchen für alles, egal ob sie den Smoothie zum Privatjet bringt, die herumliegenden High Heels ihrer Chefin aufsammelt oder deren Termine organisiert. Grace hat ihre besten Zeiten hinter sich – und dieser Satz ist prinzipiell schon eine Frechheit sondergleichen bei einer Frau irgendwo zwischen 40 und 50. Doch Grace kennt ihre Branche nur zu genau: In ihrem Alter und bei ihrer Hautfarbe bleibt einer Sängerin nur mehr, nach dem “Greatest Hits Album” und dem “Live Album” noch das “Greatest Hits Live Album” herauszubringen – oder sich aufs Altenteil zur letzten Las-Vegas-Show zurückzuziehen.

Viel bittere Verzweiflung könnte, ja müsste in dieser Geschichte stecken, aber die fernseherprobte Regisseurin Nisha Ganatra belässt es bei ein paar Behauptungen. Nur einmal, als Grace den karrieristischen Jünglingen ihres Labels gegenübersitzt, bricht so etwas wie tief vergrabener Schmerz aus ihr hervor. Aber da ist Maggie auch schon wieder in der Damentoilette an ihrer Seite.

Drama und Komödie gehen hier nicht zusammen

Drehbuchautorin Flora Greeson verfolgt ganz andere Pläne mit diesem Film: Die Selbstverwirklichung Maggies als Musikproduzentin steht ganz oben auf ihrer Agenda. Ein selbstzweiflerischer Sängerprinz namens David (Kelvin Harrison Jr.) darf zu Maggies Glück ebenfalls nicht fehlen. Wie das zusammenpassen soll – Unterhaltungsindustrieselbstkritik hier und romantische Komödie da –, wissen wohl nur die Filmemacher. Die Hauptdarstellerin jedenfalls kriegt diesen Spagat nicht wirklich hin, wenn sie bauchfrei in Nähe des berühmten Hollywoodzeichens joggt, als sei hier noch Restmaterial aus “Shades of Grey” verklappt worden.

Zumindest gelingt es Dakota Johnson, ihrer Figur eine wieder aufblitzende Unabhängigkeit mitzugeben, die einen Gegensatz zu ihrem devoten Dasein als Assistentin bildet. Ihrem selbstbewussten Unschuldslächeln inmitten all der altgedienten Zyniker im Musikgeschäft (darunter Ice Cube) kann man sowieso schwer widerstehen.

Am Ende wird dann in “The High Note” das Hohelied auf Vertrauen, Rücksichtnahme und Ehrlichkeit in der Sangeskunst gesungen. Und das ist an Harmlosigkeit kaum mehr zu überbieten.

Dakota Johnson tritt berufsbezogen auf der Stelle

Maggie jedenfalls hat in diesem Anfängerkurs in Selbstverwirklichung ihre beruflichen Träume verwirklicht. Wenigstens sie. Dakota Johnson arbeitet noch dran und ist mit diesem unausgegorenen Film keinen Schritt weitergekommen.

“The High Note”, Regie: Nisha Ganatra, mit Dakota Johnson, Tracee Ellis Ross, Kelvin Harrison Jr., 114 Minuten, FSK 0, ab 25. Juni im Kino

Von Stefan Stosch/RND