Samstag , 31. Oktober 2020
Landon Whittaker alias Dirty Daddy Don legt im Club "Melancholie 2" bei dem Musikprojekt #UnitedWeStream auf. Quelle: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/

Clubs in der Corona-Krise: Wie lange kann Berlin noch still bleiben?

Seit vier Monaten steht die Partyhauptstadt Berlin ohne Clubs da. Und die neue Tourismus-Kampagne der Stadt wirbt ernsthaft mit Wald und Wasser. Hat die Metropole ihren Ruf verloren?

Berlin ist da, natürlich. Der Fernsehturm, die paar Hochhäuser und vielen Mietskasernendächer. Die Sommersonne und der Lärm aus den Straßenschluchten und der Baustelle gegenüber. Der Klunkerkranich ist auch da, der Club auf dem ehemaligen Parkdeck im 7. Stock eines Neuköllner Einkaufszentrums.

Aber es fehlt etwas, sagt Robin Schellenberg, Betreiber des Klunkerkranich, DJ und Club-Aktivist. Es fehlt die Musik. Der Mann mit dem blonden Zopf dreht sich noch eine Zigarette und sagt: “ Zurzeit fühlt sicher unser Laden ganz klar an wie ein alternativer Biergarten, nicht wie ein Club.”

Corona hat der Partyhauptstadt Berlin von einem Tag auf den anderen den Beat ausgedreht. Bereits am 12. März, vor Schulen, Restaurants und Großraumbüros, schlossen Berghain, Tresor, Renate, Gretchen, Kit Kat und all die anderen Clubs mit teils weltberühmten, teils einfach schräg-schönen Namen ihre Stahltüren. Auch der Klunkerkranich.

Berlin – arm und nicht mehr sexy?

Schellenberg hat nun das seltene Glück, dass seine Parkdeck-Idylle auch als Restaurant eingestuft ist, er also unter Abstands- und Hygieneregeln wieder öffnen kann. Er nimmt das sehr ernst. Überall sind Abstandsmarkierungen, die Leute sollen ihre Bestellungen möglichst per App aufgeben und bezahlen. Keine Kassenschlangen, kein Grund, zu später Stunde den Abstand zu vergessen. Aber eben auch: kein einsehbares DJ-Pult. Keine Party. Kein Nebel. Keiner, der tanzen darf. Keine Ekstase. Biergarten, das ist das höchste der Gefühle.

Berlin hat seinen Ruf als Partyhauptstadt über 30 Jahre hart erarbeitet. Oder, so sehen es andere, die Stadt hat diesen Ruf in den wilden 1990er Jahren erfeiert und danach gut davon gelebt. Es gibt kein einheitliches Wort für Berlins wichtigste Eigenschaft. Das berühmteste Urgestein der Branche, “Tresor”-Betreiber Dimitri Hegemann, spricht von der “Berlin experience”, Schellenberg nennt es einfach das “Berlin-Gefühl”. Beide meinen dasselbe: Einen Umgang miteinander, mit Zeit, Raum, Chancen und Substanzen, der in eine Mischung aus Freiheit und Toleranz mündet, von der eine Metropole leben kann. Oder zumindest eine, die so langsam und verstrahlt wirken kann wie Berlin.

Die Stadt wurde zu ihrer eigenen Sehenswürdigkeit, sagt Burkhard Kieker von der Landes-Tourismusagentur “Visit Berlin”. “Die Leute kommen, um den Berliner beim Leben zuzusehen.” 34,1 Millionen Übernachtungen zählte Kieker 2019, ein erneuter Rekord. 15 Prozent der Gäste kamen explizit wegen der Clubkultur. In einigen Clubs wie dem “Tresor” stellten ausländische Touristen drei Viertel der Feiernden.

Nun sind die Clubs dicht, die internationalen Flüge beginnen gerade erst wieder, die Messen sind abgesagt und mit der “Fashion Week” ist ein Aushängeschild des (kommerziellen) Berlin-Gefühls nach Frankfurt am Main gezogen. Kieker hofft, ein Drittel bis die Hälfte der Übernachtungen dennoch verbuchen zu können. 80 Prozent werden aus Deutschland kommen. Die größte Hostelkette A&O, die sonst gut von Partytouristen lebt, wirbt nun mit Familienrabatt.

Die neue Zielgruppe der Stadt sind die gesetzten Ehepaare und Familien, die Kultur und internationale Küche erleben wollen und dann vielleicht noch mal raus in’s Jrüne fahren. ”Berlin. Auch das”, heißt die neue Kampagne von “Visit Berlin”, sie zeigt Wald und Wasser. Nichts gegen Wannsee und Müggelberge, aber ist ein Berlin, dem der Beat abgedreht wurde, nicht einfach nur Brandenburg in voll?

Und was ist eigentlich dieses Berlin-Gefühl, das in der Trockeneisnebelwelt der Clubs gedieh? Die Triebfeder der Stadt, die nun stärker denn je von Pleiten und Verdrängung gefährdet ist?

Robin Schellenberg spricht von Freiheit in geschützten Räumen. “Clubs sind Schutzräume”, sagt er. “Oft ist die Clubkultur eine durch Türsteher kuratierte Gesellschaft, in der alle aufeinander achten sollen. Das ist oft die Bedingung dafür, dass die Leute in dem Raum alle frei sein können. Weil bei uns kein Mensch unter Rassismus, Sexismus oder auch Homophobie leiden soll. Diese Freiheit halten wir hoch. Und diese Freiheit macht auch unsere Vorstellung von Berlin aus.”

Dimitri Hegemann nennt die “Berlin Experience” das Selbstbewusstsein, das in solchen Räumen wachsen kann: “Wenn du den Club erlebt hast, traust du dich vielleicht, deinen eigenen Laden aufzumachen, deinen eigenen Plan zu verfolgen und irgendetwas in dieser Stadt anzufangen. Daher trifft die Corona” – Hegemann sagt immer “die Corona” – “Berlin auch so hart, weil all diese kleinen Pflänzchen kurz davor sind, einzugehen.”

Wer konnte damit auch schon rechnen? “Meine schlimmste Vorstellung als Betreiber war bisher: Was machen wir, wenn es einen richtig verregneten Sommer gibt?”, sagt Schellenberg auf seiner Dachterrasse, die noch nicht wieder ein Club sein darf. “Ich habe niemals damit gerechnet, dass uns ein Virus so dermaßen aus der Bahn wirft.

Pamela Schobeß, Clubchefin des “Gretchen” und Vorsitzende des Branchenverbandes “Clubcommission”, sieht die Stadt abgeschnitten und abhängig vom Easyjetset: “Berlin ist bunt, weil es auch Menschen aus dem Ausland anzieht. Wenn die Reisebeschränkungen bleiben, wenn die internationalen Künstler*innen nicht kommen können, wenn die internationalen Besucher*innen nicht kommen können, wird sich auf jeden Fall total viel verändern.”

Das Paradox der vergangenen Monate war: Die Clubs waren zwar dicht, aber präsenter denn je. Und das lag vor allem an der Initative “United We Stream”. Täglich wurden DJ- und Bandauftritte live ins Netz gestreamt, arbeitnehmerfreundlich schon ab 19 Uhr. Millionen waren online dabei, bis Mitte Mai kam bereits eine knappe halbe Million Euro an Spenden zusammen. “Menschen, die normalerweise ins Bett gehen, wenn wir aufmachen, hatten so die Möglichkeit, zumindest virtuell dabei zu sein”, sagt Schobeß. Wie die Clubkultur selbst nahm die Streaming-Initiative in Berlin ihren Anfang und verbreitete sich mit Ablegern um den Globus. Schellenberg nennt es “eine weltweite clubsolidarische Bewegung”.

Eine Bewegung, die auch beim Berliner Senat und der Kulturstaatsministerin Eindruck machte. “Jetzt haben auch in der Politik viele verstanden, dass wir Kultur machen und relevante Kultur sind”, bilanziert Schellenberg. In Berlin sollen Clubs bald nicht mehr als Vergnügungsstätten wie Bordelle und Spielhallen, sondern als Kulturräume anerkannt werden. Von besserem Schutz vor Verdrängung bis zum ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Eintritt und DJ-Honorare hätte das ganz konkrete Folgen. Und der Bund will den Clubs finanziell großzügig unter die Arme greifen (siehe Kasten).

Doch wie lange kann Berlin still bleiben? Der Polizeibericht vermerkt inzwischen jedes Wochenende Ansammlungen, Lärm, Müll und Randale in den innerstädtischen Parks, in Hasenheide, Gleisdreieck-Park, Mauerpark. Berlin, auch das. In der Hasenheide wird schon das ganze Frühjahr gefeiert, die Polizei will jetzt verstärkt kontrollieren. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) appelliert im RBB-Fernsehen: ”Es ist nach wie vor nicht die Zeit für sorgloses Feiern in großen Gruppen.”

Eine Stunde im post-apokalyptischen “Ghost Train”

Müsste dann nicht, als Ventil, wieder etwas aufgedreht werden? Draußen in Brandenburg sind die Corona-Regeln so weit gelockert, dass die ersten Mutigen wieder Festivals planen. Das “Wilde Möhre”-Festival in der Lausitz soll als “Milde Möhre” auf fünf Wochenenden im August und September verteilt werden, mit maximal 1000 Besuchern pro Mal.

“Der Bedarf ist einfach da”, sagt auch Schobeß, die auf rasche Genehmigungen für Freiluft-Veranstaltungen auch in Berlin setzt. “Die Leute machen es einfach, ohne jegliche Regelungen und Hygienekonzepte. Die Leute wollen rausgehen, Musik hören und sich bewegen. Ich glaube, dass es schlauer wäre, es rechtlich möglich zu machen, damit Veranstalter dafür Sorge tragen, dass es nicht zu einer Vermüllung kommt.”

Dimitri Hegemann hat die vergangenen Monate größtenteils auf dem Land in der Uckermark verbracht. Mit 65 zählt er sich zur Corona-Risikogruppe. Nun ist er zurück in der Stadt, zu dessen Inventar er gehört. 1991 zählte er zu den Mitbegründern des “Tresor” im ehemaligen Wertheim-Tresorraum an der Leipziger Straße, dem ersten Technoclub Berlins. Hier fing alles an. Seit 2007 residiert der Club im riesigen früheren Heizkraftwerk Mitte. Die Plakate zur 29. Geburtstagsfeier des Clubs hängen noch. Sie hätte am 13. März stattfinden sollen, einen Tag, nachdem die Clubs zumachten.

Hegemann sitzt beim Inder an einer Straßenkreuzung zwei Blocks vom “Tresor” entfernt und plant schon wieder. Nicht für die Zeit nach “der Corona”, das wäre müßig. Sondern für jetzt. Gedankenspiele. Telefonate. Ideen. Größenwahnsinnig und dennoch ganz konkret, wie es immer war. Warum nicht in den ungenutzen Teilen des Kraftwerks eine Art Geisterbahn mit riesigen Pflanzen aufbauen, einen post-apokalyptischen “Ghost Train”?

Endlich wieder Bass

Alle paar Minuten wird nur ein Besucher hineingelassen, das genügt allen Abstandsregeln. Die Berliner Clubkultur, sie wäre überwuchert und überwunden. “Eine Stunde da drin, und es hat dein Leben verändert”, glaubt Hegemann, fasziniert von seiner Idee, die mit den Konventionen der eigenen Branche bricht.. Er braucht nur noch einen Galeristen, der ihm das mit seinen Künstlern baut. Oder warum nicht die Jubiläums-Ausstellung zum 30. Geburtstag vorziehen?

Riesige Bilder im Kraftwerk, und den “Tresor” wieder öffnen, aber als Museum seiner selbst, mit der Musik von 1991? Endlich wieder Bass. Und ein Schlusspunkt mitten in der Krise.”Wir dürfen unseren Humor nicht verlieren”, sagt Hegemann zum Abschied. Und sagt es zur Sicherheit gleich nochmal, was für einen Techno-Pionier ja auch naheliegend ist. “Den Humor dürfen wir nicht verlieren.”

Von Jan Sternberg/RND