Samstag , 24. Oktober 2020
Obwohl größere Veranstaltungen bis Ende Oktober coronabedingt nicht erlaubt sind, wird das Hamburger Reeperbahnfestival vom 16. bis zum 19. September wie geplant über die Bühne gehen, weil es eine dezentrale Veranstaltung mit vielen kleinen Einzelkonzerten ist. Quelle: Axel Heimken/dpa

Reeperbahn-Festival findet statt – und will Corona-Versuchsballon für andere sein

Alle großen Konzerte werden wegen Corona bis Ende Oktober abgesagt. Das Reeperbahn-Festival dagegen findet statt. Kamen da nicht immer 50 000 Besucher? Wie kann das sein? Festivalchef Schulz erklärt dies und verrät, warum es auch ein wichtiger Experimentier-Ort ist.

Hamburg. Obwohl größere Veranstaltungen bis Ende Oktober coronabedingt nicht erlaubt sind, wird das Hamburger Reeperbahnfestival vom 16. bis zum 19. September wie geplant über die Bühne gehen. Der Hauptgrund dafür ist, dass das viertägige Clubfestival seinem Wesen nach eine dezentrale Veranstaltung mit vielen kleinen Einzelkonzerten ist, wie Festivalchef Alexander Schulz der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg sagte. So könnten die derzeit gültigen Abstands- und Hygieneregeln komplett eingehalten werden. Und das soll auch streng beachtet werden.

Zu dem mehrtägigen Musikspektakel und Branchentreff waren im vergangenen Jahr nach Angaben der Veranstalter mehr als 50 000 Gäste gekommen, es gab rund 600 Konzerte an 90 Spielorten. Als „pandemiegerechtes“ Festival ist das 2020 so nicht mehr möglich. Stattdessen sind es 350 Konzerte, nicht mehr als 4200 Besucher pro Tag, nur noch gut 30 Clubs, Theater und Open-Air-Spielorte und dort nur noch drei statt bis zu fünf Konzerte pro Abend. Nach jedem Konzert muss der Ort komplett geräumt, gelüftet und desinfiziert werden. Zudem werden die unbestuhlten Spielorte mit nicht mehr als 30 Prozent der Kapazität ausgelastet werden.

Experimentierfeld für andere Veranstalter

Das Festival werde so zum Experimentierfeld für andere Veranstalter, sagte Schulz: „Wir machen diese ganzen Aufwände, weil wir vor allem herausfinden wollen, wie es sich atmosphärisch verhält – sowohl für die Künstler als auch für die Zuschauer – wenn man pandemiegerecht die schwierigsten aller Konzertveranstaltungen durchzieht.“ Das seien unbestuhlte Konzerte. „Das ist die höchste Kür. Dagegen ist eine Museumsöffnung eine Lachnummer.“

Mithilfe des Reeperbahn-Festivals könnten Künstler, Veranstalter und Zuschauer nun überprüfen, ob pandemiegerechte Konzerte für sie Sinn machen. „Denn wir gehen davon aus, dass es bestimmt noch recht lange dauert bis der Impfstoff da oder die Herdenimmunität erreicht ist“, so Schulz weiter.

“Wenn das klappt, dann haben wir unseren Job gut gemacht”

Damit bleibt sich das Reeperbahn-Festival treu: Es will auch 2020 ein Pionier auf der Spielwiese der Konzertveranstaltungen sein. „Das sind wir gerne. Das waren wir ja vorher auch – und diesmal nur anders“, so Schulz. Das Festival zeigt der europäischen Musikwirtschaft seit 15 Jahren neue Wege auf und bietet eine Plattform, um sie zumindest zu diskutieren.

„Das war auch schon den Vorjahren unsere Aufgabe und das ist in diesem Jahr natürlich eine besondere Situation.“ So ist ein Konferenzprogramm mit rund 100 Sessions geplant, die sich im Schwerpunkt intensiv mit allen ökonomischen und künstlerischen Fragen und Herausforderungen rund um die Corona-Pandemie auseinandersetzen.

Das Reeperbahn-Festival kann dieses Corona-Konzert-Experiment angehen, weil es von Bund und Land öffentlich unterstützt wird. So wird 2020 ein Teil des Geldes vom Bund, das eigentlich für das diesjährige Programm eingeplant war, nun für die pandemiegerechte Umsetzung genutzt.

„Ich glaube, wenn wir das ordentlich machen – und das heißt leider auch sehr restriktiv – dass wir dann wahrgenommen werden als die, die das mal gewagt haben. Diese Pionierarbeit, an der sich dann viele orientieren können. Wenn das klappt, dann haben wir unseren Job gut gemacht.“

RND/dpa