Sonntag , 20. September 2020
Beleuchtete Fenster im “Seattle Hyatt Regency Hotel” in der Innenstadt von Seattle formen auf der Fassade des Gebäudes ein Herz und die Buchstaben “BLM” für Black Lives Matter. Quelle: Ted S. Warren/AP/dpa

USA: Diese Wut im Land lesen

Von Rassismus, Gewalt und einer gespaltenen Gesellschaft erzählen zwei herausragende neue Bücher aus den USA: “Friday Black” des jungen Afroamerikaners Nana Kwame Adjei-Brenyah und “Jenseits der Erwartungen” von Richard Russo. Bücher wie diese können auch deutschen Lesern die Realität in den USA näherbringen.

Der Platz auf dieser Skala ist entscheidend: Er bestimmt darüber, wie man im Bus behandelt wird, ob man einen Job bekommt – und möglicherweise auch, wie die Überlebenschancen sind. “Wenn er lächelte, in Zimmerlautstärke sprach und die Hände eng und ruhig am Körper herabhängen ließ, konnte er seine Schwarzheit auf 4,0 verringern”, erklärt Emmanuel in der Erzählung “Die Finkelstein Five” von Nana Kwame Adjei-Brenyah. Doch meist liegt sein Wert auf dieser Skala, die zwar nur in seiner Vorstellung existiert, ihn jedoch ständig beschäftigt, weitaus höher. Etwa, wenn er in dunklen Klamotten, mit Basecap und finsterer Miene die Wohnung verlässt. Dann schaut man ihn misstrauisch an, rückt im Bus von ihm ab, und im Einkaufscenter wollen die Sicherheitsleute, weil sie ihn für einen Dieb halten, die Quittung für das Hemd sehen, das er gerade gekauft hat.

Tagtäglich wächst seine Wut. Vor allem, als er in den Medien den Gerichtsprozess gegen einen weißen Familienvater verfolgt. Mit einer Kettensäge hat er fünf schwarze Kinder, das jüngste sieben Jahre alt, vor der Finkelstein-Bibliothek massakriert. Angeblich wollte er seinen Sohn, seine Tochter und sich selbst beschützen. Zwar gibt es keine Indizien dafür, dass die fünf ihn angegriffen haben, doch die Geschworenen sprechen den Mann frei.

Das ist der Punkt, an dem sich nicht nur Emmanuels unbändiger Zorn entlädt: Zahlreiche Schwarze gehen auf die Straße, verprügeln Weiße und schlagen einige tot. Auch Emmanuel trifft sich mit alten Freunden, um die Wut herauszulassen, um Diskriminierung und Ungerechtigkeit zu rächen.

Geschichte liest sich wie ein Kommentar zum brutalen Mord an George Floyd

Mit der Erzählung “Die Finkelstein Five” beginnt der Erzählband “Friday Black” von Adjei-Brenyah, der 1990 als Sohn ghanaischer Eltern in den USA geboren wurde. Die knapp 30-seitige Geschichte liest sich wie ein literarischer Kommentar zu den Unruhen, die seit der Tötung des Afroamerikaners George Floyd die USA erschüttern. Die meisten der zwölf Storys handeln von Gewalt und Rassismus, von Erbitterung und Konsumgier. Als der Band 2018 in den USA erschien, wurde er von zahlreichen Kritikern und Lesern gefeiert, für mehrere Literaturpreise nominiert und machte den Debütautor zum Nachwuchsstar der Literaturszene.

Der Afroamerikaner führt den Lesern vor Augen, wie jahrhundertelanger Rassismus das Land ausgehöhlt und zerrissen hat, wie “Schwarzheit” darüber entscheidet, welche Chancen auf Bildung, Gesundheit und Wohlstand man bekommt. Einige der Erzählungen sind grelle, überzeichnete Dystopien einer Gesellschaft, in der es stets um hemmungslosen Konsum geht.

Colson Whitehead hat Adjei-Brenyah für das Programm “5 under 35” ausgewählt, mit dem die National Book Foundation junge Autoren unterstützt. Der 50-jährige Whitehead ist die aktuell wichtigste Stimme der afroamerikanischen Literatur. In seinem Roman “Underground Railroad” etwa schildert er ein geheimes Fluchtnetzwerk, mit dessen Hilfe Sklaven aus dem Süden im 19. Jahrhundert in den freien Norden gelangen konnten. Und in dem dokumentarischen Roman “Die Nickel Boys” erzählt er von Gewalt in einer sogenannten Besserungsanstalt für junge Schwarze in den Sechzigerjahren.

Auch in Deutschland sind Whiteheads Romane erfolgreich. Generell ist seit den Fünfzigerjahren die US-Literatur hierzulande sehr präsent. Romane über den Rassenkonflikt wie die von Nobelpreisträgerin Toni Morrison oder Alice Walker zählen ebenso dazu wie James Baldwin. Die Neuübersetzungen seiner Bücher, die bei dtv erscheinen, haben ihm zahlreiche neue Leser und Wiederleser gebracht.

Deutsche Leser haben bislang eher Einblicke in die weiße Mittelschicht erhalten

Bisher jedoch haben deutsche Leser vor allem Einblick in Leben und Lebensgefühl der weißen US-Mittelschicht bekommen. Vor einigen Jahrzehnten waren John Updike und John Irving in deutschen Bestsellerlisten zu finden. Seit einigen Jahren sind es vor allem Romane von Richard Ford, Meg Wolitzer und besonders von Star-Autor Jonathan Franzen, die uns über “Die Lage des Landes”, so der Titel eines Ford-Romans, erzählen.

Um die Stimmung in den USA und die Befindlichkeit dreier Freunde aus der weißen Mittelschicht geht es in Richard Russos Roman “Jenseits der Erwartungen”. Der Pulitzer-Preisträger erzählt von drei Mittsechzigern, die sich nach vielen Jahren für einen Wochenendurlaub auf der Insel Martha’s Vineyard treffen. Hier waren sie schon mal nach dem Ende ihres Studiums mit einer gemeinsamen Freundin, in die sie alle verliebt waren. Doch nostalgisch fällt die Rückschau nicht aus: Mickey hatte seine Einberufung zum Einsatz in Vietnam in der Tasche, Teddy kämpfte gegen Angstattacken, Lincoln litt unter seinem herrschsüchtigen Vater – und wollte doch nichts lieber, als nach dem Studium an der Ostküste möglichst schnell ins heimische Arizona zurückzukehren. Aufgewachsen war er in einer Kleinstadt. Dort “praktizierte man eine unumwundene Rassentrennung, auf der einen Seite der Bahngleise lebten die Weißen, auf der anderen die ‘Mexikaner’, wie sie genannt wurden, selbst jene, die seit über einem Jahrhundert legal dort wohnten”.

Russo, Jahrgang 1949, schreibt das Porträt seiner Generation – und beschreibt eine gespaltene Gesellschaft. Die Konfliktlinie verläuft hier nicht zwischen Schwarz und Weiß, sondern zwischen denjenigen, die es geschafft haben, und denjenigen, die sich abgehängt fühlen. Der Roman spielt im Sommer 2015 – also ein Jahr, bevor Donald Trump US-Präsident wird – und schildert unter anderem die Ressentiments, die auch die Bewohner der Ostküsteninsel gegen jegliche “Eliten” haben. Als Lincoln einem von ihnen erzählt, dass er vielleicht für einen Urlaub nach Martha’s Vineyard wiederkommen wolle, sagt dieser: “Kommen Sie bloß nicht im August … Da kommt Obama. Und die ganzen anderen Linken.” Aber Trump würde er doch wohl nicht wählen, fragt Lincoln. “Ne”, antwortet der Nachbar. “Andererseits, wenn er nominiert wird, warum nicht?”

Beide Autoren haben Tragödien zum Schreiben motiviert

Zwischen Adjei-Brenyah und Russo liegen fast vierzig Lebensjahre und unterschiedliche Lebenserfahrungen. Gemeinsam ist ihnen, dass Tragödien sie zum Schreiben ihrer Bücher gebracht haben. In einem Interview erzählte Russo, dass seine Generation nach wie vor das Grauen des Vietnamkriegs verfolge. Adjei-Brenyah erklärte in einem Artikel, dass er als Student nach dem Tod von Trayvon Martin ein politisches Pamphlet geschrieben habe. 2012 war der 17-jährige Schwarze, als er nachts von einem Einkauf zurückkam, von einem Nachbarschaftswachmann erschossen worden, dem Martin verdächtig erschienen war. Später sprach man den Schützen vor Gericht frei.

Nana Kwame Adjei-Brenyah: “Friday Black”. Deutsch von Thomas Gunkel. Penguin-Verlag, 230 Seiten, 20 Euro. Richard Russo: “Jenseits der Erwartungen”. Deutsch von Monika Köpfer. DuMont, 430 Seiten, 22 Euro.

Von Martina Sulner/RND