Die “deutsche J. K. Rowling” im Hörbuchstudio: Ihr neues Buch “Die Feder eines Greifs” liest Cornelia Funke zum Teil selbst ein.

Starautorin Cornelia Funke: “Ich habe keine Angst vor dem Tod”

Die Proteste, die derzeit die USA erschüttern, sind weit entfernt von ihrer Farm in Malibu. Für Bestsellerautorin Cornelia Funke aber haben sie sogar etwas Tröstliches. Warum, erzählt sie im Interview. Die 61-Jährige verrät auch, warum sie Corona nicht fürchtet: Sie empfinde keine Angst vor dem Tod.

Frau Funke, ich erreiche Sie telefonisch auf Ihrer Avocadofarm in Malibu, wo Sie leben und arbeiten. Man liest, es gibt Hunde dort, Esel, Hühner, viele Avocadobäume. Können Sie diesen Ort genauer beschreiben?

Also, Hühner gibt es nicht. Enten gibt es, Pekingenten, die mein Sohn vor dem Kochtopf gerettet hat. Dann ist gerade ein kleiner Babyesel geboren worden, Mateo, der ist jetzt eine Woche alt, und meine zwei Hunde Jake und Tabby. Als ich dieses Grundstück vor zweieinhalb Jahren kaufte, waren die meisten Bäume am Sterben. Viele andere Pflanzen sahen auch traurig aus. Es war trotzdem ein sehr verzaubertes Grundstück. Viele Bäume sind so alt: Die Nachbarn erzählen, dass sie sie als Kinder gepflanzt haben.

Sie sollen 60 alte Avocadobäume versorgen.

Eher 70. Ich habe so viel gelernt über moderne Bewässerungstechnik. Als Mensch, der aus dem Regenklima Deutschland kommt, war das für mich eine neue Erfahrung: Wie kommt man in einem Land zurecht, in dem es den ganzen Sommer nicht regnet? Aber ich teile meine Farm nicht nur mit Tieren und Pflanzen. Ich habe vier kleine Gästehäuser, in denen junge Künstler einige Zeit leben können, um zu arbeiten. Mein Haupthaus ist nicht groß, was mir sehr gefällt, weil ich allein darin lebe.

Es ist jetzt 18 Uhr in Deutschland, aber erst neun Uhr morgens in Malibu. Wie sieht ein typischer Morgen für Sie aus?

Das ist immer ein bisschen anders. Gleich bleibt aber: In der Frühe müssen die Tiere gefüttert werden. Dann frühstücke ich sehr ausführlich und lese dabei – immer ein Sachbuch. Und dann beantworte ich E-Mails. Europa ist mir ja wegen der Zeitverschiebung so weit voraus, dass ich alles erledigen muss, bevor die Menschen dort nach Hause gehen. Dann kommt es darauf an, was auf meinem Schreibtisch liegt. Im Moment ist es das Lektorat von “Reckless 4”. In den nächsten vier Wochen werde ich acht bis zehn Stunden täglich daran arbeiten. An normaleren Tagen schreibe ich drei, vier Stunden, dann koche und esse ich mit meinen Gästen, Freunden. Dann gehe ich meistens durch meinen Garten, schaue nach meinen Obstbäumen, meinen Tieren. Danach zeichne ich oft.

“Bedrohlicher, wenn Rassismus, Unrecht, Armut totgeschwiegen werden”

Das klingt idyllisch. Aber wie ist es jetzt in Zeiten der Unruhen nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd. Wird da selbst Ihre Farm ein Unruheort?

Nein, die Proteste sind für mich sogar eher eine tröstliche Erfahrung. Als das Coronavirus in den vergangenen Monaten das Leben bestimmte, habe ich mir große Sorgen gemacht, dass wir danach einfach zurückgehen in unser normales Leben. Ich finde es sehr gut, dass die Probleme, die Amerika seit so vielen Jahren hat, jetzt so wortgewaltig und weitgehend friedlich auf die Straßen getragen werden. Für mich ist es viel bedrohlicher, wenn Rassismus, Unrecht, Armut totgeschwiegen werden. Als Deutsche weiß ich, was passierte, als viele Menschen stillhielten und dachten, es geht vorbei. Nichts ist vorbeigegangen.

Dennoch: Sogar der Bürgermeister von Malibu hat unlängst betont, dass die Polizei in absoluter Alarmbereitschaft sei. Er sagte, dies sei für viele eine beängstigende Zeit. Wie ist das für Sie?

Mir macht Angst, wie viel Ungerechtigkeit in der Welt nicht angefasst wird. Aber die Proteste? Sie sind nicht einmal in die Nähe von Malibu gekommen. In dieser Hinsicht ist Malibu ein verschlafenes Dorf am Ozean. Die wenigen Demonstranten standen an einer Kreuzung. Es hat keine Zerstörung gegeben. In Santa Monica sah das schon sehr anders aus.

Sie beschäftigen sich tagsüber so viel mit Wörtern, dass Sie abends oft, so nennen Sie es, “Wortvergiftung” haben. Wie nah lassen Sie Nachrichten wie die vom Tod von George Floyd an sich heran? Haben Sie sich das Video von seinem Tod angeschaut?

Ich schaue mir nicht an, wie ein Mensch stirbt. Ich käme mir vor wie ein Voyeur. Ich habe genug Fantasie, mir vorzustellen, wie furchtbar das ist. Natürlich habe ich alle Berichte darüber gelesen. Ich habe mir auf den Rat eines Freundes hin die unvergessliche Dokumentation “The 13th” angeschaut. Sie zeigt, wie das Gefängnissystem in den USA als moderne Form der Sklaverei missbraucht wird, und analysiert auf brillante Weise, wie Schwarze kriminalisiert werden. So viele Menschen sind hier im Gefängnis, ohne dass sie je vor Gericht kommen. Ich spende derzeit große Summen an Organisationen, die Kautionen stellen und afroamerikanische Frauen und Mädchen unterstützen. Aber der Rassismus richtet sich natürlich wie in Europa und überall in der Welt gegen alles Fremde und Andere. Ich spende auch für die Kinder in den Lagern an der mexikanischen Grenze. Kurz: Ich sitze nicht auf meiner idyllischen Farm und tue so, als passierte nichts. Wenn man das Glück hat, an so einem Ort zu wohnen, muss man ihn teilen. Wir machen hier viele Veranstaltungen für kranke Kinder, Familien aus der Stadt, Naturschutzaktivisten und so weiter und so weiter.

Cornelia Funke hält Gerede über Nationalitäten für Blödsinn

Sie bezeichnen sich als “Wortfischerin”, als eine Erzählerin, die ihre Antennen ausfährt, die Empfindungen anderer Menschen förmlich aufsaugt. Spielt die Situation in den USA für Ihr Schreiben eine Rolle?

Wenn das nicht so wäre, wäre ich eine sehr schlechte Schriftstellerin. Wenn man den Anspruch hat, in Worte zu fassen, was unsere Erfahrung als Menschen ist, darf man sich nicht von dem isolieren, was uns Angst macht. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich Leser in allen Farben dieser Welt habe. Ich freue mich, wenn mir ein Junge schreibt, dass der Schwarze Prinz aus “Tintenblut” ihm jahrelang durchs Leben geholfen hat. Oder wenn mir indische Jugendliche sagen, dass ich ihre Kindheit bin, obwohl ich die Bücher in Hamburg geschrieben habe. Als Geschichtenerzählerin habe ich auch die Aufgabe, zu zeigen, dass all das Gerede über Nationalitäten schlicht und einfach Blödsinn ist.

Sie haben gerade die ersten Kapitel des vierten Bandes der “Tintenwelt” veröffentlicht. In “Die Farbe der Rache” geht es um die unterschiedliche Kraft der Bilder und der Worte. Wird sich Ihr Blick darauf durch George ­Floyd verändern? Sein Tod sorgt ja auch deshalb weltweit für Aufsehen, weil es ein Video von der Tat gibt.

Mein Buch spielt ja in einer mittelalterlichen Welt. Es geht darum, ob wir mit Bildern, die wir selbst erschaffen haben, mehr erreichen können als mit Worten. Als ich mit “Die Farbe der Rache” anfing, habe ich viel gezeichnet, illustriert, meine Figuren gezeichnet, bevor ich sie beschrieb. Mir schien tatsächlich, dass Bilder das mächtigere Werkzeug sind. Dann aber schrieb ich das Buch zu meinem Lieblingsfilm, Guillermo del Toros’ oscarprämiertem Meisterwerk “Pans Labyrinth”. Da haben mir die Worte bewiesen, wie mächtig sie sind. Sie konnten dem Film erstaunlicherweise noch etwas hinzufügen.

Es ist jetzt 13 Jahre her, dass Sie den dritten Teil der “Tintenwelt” veröffentlicht haben. Die Kinder von damals sind heute erwachsen. Wer wird jetzt Ihr Publikum sein?

Ich glaube, dass ich es bei “Farbe der Rache” mit Lesern zu tun haben werde, die “Tintenherz” wesentlich später gelesen haben, als es entstanden ist, mit 20- bis 45-Jährigen. Mein Vorteil ist, dass meine Tintenwelt immer recht alterslos war. Es ist nicht das klassische Kinderbuch.

Würden Sie sich überhaupt noch als Kinderbuchautorin bezeichnen?

Ich habe mich nie Kinderbuchautorin genannt. Ich bezeichne mich als Geschichtenerzählerin. Natürlich macht es einen Unterschied, ob ich ein Bilderbuch für Zweijährige oder einen “Reckless”-Band schreibe. Aber am Ende bedeutet meine Arbeit doch immer: Man erzählt abends am Lagerfeuer Geschichten, um die Dunkelheit zu vertreiben. Aber man erzählt auch von der Dunkelheit. Und bei denen, die sich ans Feuer setzen, sagt man nicht: Wie alt bist du denn? Kannst du dieser Geschichte schon lauschen?

Sie haben mit Ihrer “Reckless”-Reihe etwas sehr Ungewöhnliches getan. Sie haben den ersten Band umgeschrieben und noch einmal veröffentlicht. Warum?

Bei “Reckless” habe ich das erste Mal mit einem Freund, Lionel Wigram, an der Entwicklung der Geschichte gearbeitet. Er hat natürlich nicht mitgeschrieben, aber wir haben Verläufe diskutiert, Figuren, Motivationen. Weil ich immer wieder zwischen dem Deutschen und dem Englischen hin- und her springen musste, ist die Sprache sparsamer geworden, als ich eigentlich wollte. Nach den “Tintenbüchern” war ich die barocke Sprache, die ich dort verwende, so leid, dass ich tatsächlich für das 19. Jahrhundert in “Reckless” nach einer neuen Sprache suchte. Beim ersten Band bin ich aber weit über das Ziel hinausgeschossen. Ich habe meinen Lesern den Einstieg unnötig schwer gemacht. Als das Buch in England bei einem neuen Verlag herauskam, habe ich die Chance genutzt, das zu ändern.

Schreiben Sie Wigram, den Produzenten mehrerer Harry-Potter-Filme, jetzt also wieder aus dem Buch heraus?

In mancher Hinsicht. Aber einige Änderungen hatte Lionel schon damals vorgeschlagen. Und er steckt in tausend Filmprojekten und freut sich, dass ich die “Reckless”-Welt weiter wachsen lasse und das mit großer Leidenschaft.

“Ich habe ein so fantastisches Leben gehabt”

Sie haben die ersten Kapitel aus dem vierten Band Ihrer “Tintenwelt” als Geschenk in Zeiten der Corona-Pandemie veröffentlicht. Wie nahe ist Ihnen die Krankheit gekommen? Hatten Sie Angst, sich anzustecken?

Nein, ich habe diese Angst einfach nicht. Irgendwann werde ich das Virus vermutlich kriegen. Es wird sich nicht so schnell aus der Welt verabschieden. Ich glaube, ich habe eine gute Chance, es zu überleben. Aber wenn nicht, dann nicht. Ich habe ein so fantastisches Leben gehabt. Ich habe keine Angst vor dem Tod.

Ist das wirklich so?

Ja, das war schon immer so, selbst als Kind. Aber ich habe natürlich Angst vor dem Tod anderer. Deshalb ist das Virus für mich bedrohlich: wegen all der Menschen, die ich liebe. Ich wäre sicher nicht glücklich, wenn ich es mir einfangen würde, aber das ist nichts, was mich emotional beschäftigt. Schade finde ich, dass all die jungen Künstlerinnen, die ich zum Arbeiten auf meine Farm eingeladen hatte, wegen Corona nicht kommen konnten. So viele Projekte musste ich aufs nächste Jahr verschieben. Da ist mir das Virus schon nahegekommen.

Sie haben schon öfter gesagt, dass Sie mittlerweile Amerika als Ihr Zuhause empfinden. Ist das auch nach Corona, auch nach diesen Unruhen, noch so?

Das ist es, ohne Zweifel. Meine beiden Kinder und viele meiner engsten Freunde leben hier. Ich bin immer noch verzaubert vom Multikulturellen dieser Nation. Auch wenn man sich in Amerika gegenseitig das Leben so schwer macht, ist es dennoch eine Gesellschaft, die sich nicht wie Europa hauptsächlich durch Weiße, sondern ebenso durch Latinos, Asiaten und Afroamerikaner definiert.

Dennoch wollen Sie 2021 ein Art Begegnungsstätte für junge Künstler in Deutschland gründen, den Spiegelhof in der Nähe von Hamburg. Schwingt da das Bedürfnis mit, in beiden Welten zu leben?

Es gibt immer viele Auslöser für eine solche Entscheidung. Ich plane tatsächlich, einen Monat im Jahr auf dem Spiegelhof zu verbringen. Aber ein zentraler Anstoß war für mich die Beschäftigung mit den Künstlerinnen des Bauhauses, der so unendlich einflussreichen Schule, die von den Faschisten geschlossen wurde. Eine, Friedl Brandeis, hat mich besonders bewegt. Sie hat im Getto und später noch im Konzentrationslager mit Kindern Kunst gemacht, um ihnen Augenblicke von Schönheit zu schenken. Ich habe ein Porträt von ihr gemalt und in den Hintergrund all die Namen der Kinder geschrieben, die sie unterrichtet hat. Keines hat überlebt. Das Porträt steht in meiner Kunstwerkstatt, dort, wo ich auch schreibe, und erinnert mich jeden Tag daran. Ich glaube, Friedl Brandeis hat mir klargemacht, was es für eine wunderbare Aufgabe ist, all das, was man gelernt hat, weiterzugeben, und wie glücklich künstlerisches Schaffen selbst an den finstersten Orten machen kann. Deshalb will ich den letzten Abschnitt meines Lebens nicht nur dem Schreiben, sondern auch der Aufgabe widmen, Kreativität nicht nur auf dem Spiegelhof, sondern auch an Orten zu fördern, wo dieses Glück bitter nötig ist.

Neuer “Spiegelwelt”-Band im November

Die Schriftstellerin Cornelia Funke ist Deutschlands international erfolgreichste Kinder- und Jugendbuchautorin. Sie hat seit ihrem ersten eigenen Bilderbuch “Die große Drachensuche” (1988) mehr als 60 Bücher veröffentlicht. Ihre Titel wurden in über 50 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 26 Millionen Mal verkauft. “Die wilden Hühner”, “Drachenreiter”, “Herr der Diebe”, die “Tintenwelt”-Trilogie und die “Reckless”-Reihe gehören zu ihren großen Erfolgen. Viele ihrer Bücher wurden verfilmt.

Die heute 61-jährige Mutter zweier erwachsener Kinder wuchs in Dorsten (Nordrhein-Westfalen) auf. Nach dem Abitur ging sie nach Hamburg, studierte Diplompädagogik und ließ sich zur Buchillustratorin ausbilden. Der erste Band ihrer “Tintenwelt”-Trilogie erschien 2003 zeitgleich in Deutschland, England, den USA, Kanada und Australien. Mit ihm erreichte Cornelia Funke erstmals auch viele erwachsene Leser. Der vierte Band – ”Die Farbe der Rache” – soll im Herbst 2021 im Dressler-Verlag erscheinen.

2005 übersiedelte Funke mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann und beiden Kindern von Hamburg nach Los Angeles, im selben Jahr wählte sie das “Time Magazine” in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. Am 23. November 2020 erscheint unter dem Titel “Reck­less. Auf silberner Fährte” der vierte Band der “Spiegelwelt”-Reihe. Diesmal hat sich die Schriftstellerin von japanischen und persischen Märchen inspirieren lassen.

Von Jutta Rinas/RND