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Die niederländische Band Vengaboys hat vor 20 Jahren den Hit „We're Going to Ibiza“ herausgebracht. Quelle: Friso Gentsch/dpa

Das schönste Comeback des Jahres: Warum die Vengaboys nie wieder gehen dürfen

Die Vengaboys wagen ein Comeback und bringen ihren Neunziger-Hit “Up & Down” neu heraus. Unser Autor hat sich durch alte Alben der Band gehört und festgestellt: Die unbeschwerte Leichtigkeit der bunten Truppe können wir in diesem schweren Jahr wirklich gebrauchen.

Hannover. Diese Nachricht ist mindestens so wunderbar wie der Geburtstag der Diddl-Maus, die Wiedereinführung des Frufoo-Kinderquarks oder das Comeback der Kultserie “Prinz von Bel Air”: Die Vengaboys sind wieder da! Ja, genau: Die vier verrückten Holländer mit ihrem bunt verschnörkelten Partybus und lyrischen Meisterwerken wie “Boom Boom Boom Boom” oder “We’re Going to Ibiza”.

Zusammen mit dem niederländischen DJ Timmy Trumpet hat die vierköpfige Tanzcombo am Freitag ihren Neunziger-Oldie “Up & Down” neu herausgebracht. Das Ergebnis klingt mindestens genauso fürchterlich wie damals vor 22 Jahren, als man noch ohne Mindestabstand und Maskenpflicht mit dem Vengabus durch mediterrane Landschafen brettern konnte. Doch das hier soll kein Diss gegen die Musik der Neunzigerjahre werden. Das Comeback der Vengaboys ist tatsächlich die bislang schönste Nachricht des Horrorjahres 2020. Und ich erkläre Ihnen gerne, warum.

Eine bunte Tanztruppe

Damals, im Jahr 1998, als die große Eurodance-Welle eigentlich längst vorbei war, landeten zwei niederländische Produzenten und vier Tänzerinnen und Tänzer noch mal einen Überraschungshit: “Up & Down”. Dennis van den Driesschen und Wessel van Diepen hatten die Vengaboys gegründet, nachdem van Diepen in den Neunzigern jahrelang mit einem Schulbus (wow, daher also die Idee mit dem Vengabus) durch Spanien getourt sein soll. An den Stränden soll der Produzent und DJ Partys veranstaltet haben, gleichzeitig produzierte er mit seinem Kollegen einige weniger erfolgreiche Underground-Dancehits.

1996 rekrutierte man dann einige Sängerinnen und Tänzer für das Projekt Vengaboys, schaffte mit Songs wie “Parada de tettas” und “To Brazil!” einige Achtungserfolge in den niederländischen Charts. Der große Durchbruch folgte dann jedoch zwei Jahre später: “Up & Down” wurde zum europaweiten Hit, hielt sich in Deutschland ganze 19 Wochen in den Charts. Die Konstellation der Vengaboys bestand fortan aus Kim Sasabone, Denise van Rijswijk, Roy den Burger und Robin Pors als Quartett. Und schon damals zeigte man mit den Bandmitgliedern, wie bunt und divers Popmusik eigentlich sein kann.

Zu dieser Zeit dürfte auch ich auf die Vengaboys aufmerksam geworden sein. Während sich andere Neunziger-Kids zu dieser Zeit mit hochgradig unseriöser Britpop- oder Hip-Hop-Musik vergnügten, feierte ich die hochwertige Hitmusik der Vengaboys – und den Saw-Synth von “Up & Down”. Damit ist die “Tröte” gemeint, die in diesem und eigentlich sämtlichen Vengaboys-Songs zu hören ist – oder noch freier übersetzt: Das “Dö dö dö dö dö dööö dö”.

Lyrische Meisterwerke und eine Tröte

Die Tröte steht heute stellvertretend für eine ganze Reihe von erfolgreichen Dance-Hits Ende der Neunzigerjahre. Da wäre etwa das legendäre “Better of Alone” von Alice Deejay. Für die Jüngeren: Das ist der Song, der später noch mal von Akon und David Guetta verhackstückelt wurde. Oder “Dear Jessie” von Rollergirl – produziert von Alex Christensen. Oder, mindestens ebenso legendär: “Ayla” von Kosmonova. Sie alle hatten die Tröte. Und die Vengaboys hatten dazu noch einen Bus – und eine Extraportion Fun.

Für das erste Album der Niederländer herrschte natürlich “Kaufbefehl”, wie man damals in den Neunzigern sagte. Es trug den vielsagenden Titel “The Party Album” und enthielt zahlreiche Songs, die “Boom Boom Boom Boom” und “Up & Down” lyrisch noch mal übertreffen dürften. Etwa der Song “Superfly Slick Dick”, in dem Sängerin Kim davon singt, dass ihr Ex-Freund trotz Versace-Anzug und teurem Handy trotzdem der schlechteste Liebhaber sei, den sie jemals gehabt habe. Zitat: “I thought this love would take us to the heights of sensuality. But now I know that you’re not even half the man you said you’d be.” Es ist so wunderschön.

Alle Hits, die man heute mit den Vengaboys in Verbindung bringt, waren natürlich auch auf diesem Album. Etwa “We’re Going to Ibiza”, damals noch in einer etwas smootheren Version als der Radio-Edit, der später zum Hit wurde. Und natürlich “Boom, Boom, Boom, Boom”. Und selbstverständlich auch “We Like to Party! (The Vengabus)”. Übrigens der einzige mir bekannte Song, bei dem nicht Sängerin Kim, sondern Kollegin Denise van Rijswijk die Main-Vocals beisteuerte.

Der erfolgreichste und trotzdem vergessene Vengaboys-Hit

Und doch, trotz all der Hits: Letztendlich war das “Party Album” die reinste Kundenverarsche. Nur etwa sieben der 15 Songs waren tatsächlich echte oder mindestens halbe Vengaboys-Hits. Den Rest füllten die Produzenten mit experimentellen Instrumental-Trance-Hits auf, die zwar allesamt dem Zeitgeist der Endneunziger entsprachen, aber eben für die Vengaboys viel zu undergroundig und vor allem viel zu seriös klangen.

Etwas mehr Mühe gab man sich bei Album Nummer zwei, das den Titel “The Platinum Album” trug. Auf diesem befindet sich ein Song, der “24/7 in my Nine-Eleven″ heißt. Gemeint ist damit wohl der Porsche 911, aber 11.-September-Verschwörungstheoretiker sollten sich den Song vielleicht noch mal ganz genau rückwärts anhören.

Auch der bislang größte Hit der Vengaboys ist auf dem “Platinum Album” zu finden: “Shalala Lala”. Auch wenn man die Niederländer immerzu mit “Boom Boom Boom Boom” oder dem Vengabus assoziiert, so waren diese Songs in Deutschland nie so erfolgreich wie dieser. “Shalala Lala” schaffte es bis auf Platz drei der Single-Charts und blieb auch mindestens bis zum Oktoberfest in den Köpfen der Feiernden. In dem Song wurde nämlich vermeintlich bayerische Musik gesampelt, im Video zur Single tanzte man in Dirndls.

Das Ende der Vengaboys

Ebenfalls interessant auf dem Platinum-Album: Die Single “Cheekah Bow Bow”, in der Sängerin Kim erstaunlicherweise kein einziges Wort singt, sondern dies einem animierten Computer überlässt. Umso mehr gesungen wird hingegen in der ersten (und offenbar auch einzigen) Vengaboys-Ballade mit dem Titel “Forever as One”. Mir ist bis heute nicht ganz klar, wo genau die Produzenten plötzlich die ganzen ausgefallenen Harmonien herhatten – offenbar war man aus Versehen auf die schwarzen Keyboardtasten gerutscht. Fest steht: Mit dem Lied, das mit einem herzzerreißenden Fanvideo veröffentlicht wurde, leitete man drei Jahre Jahre nach “Up & Down” das vorläufige Ende der Vengaboys ein.

Glaubt man einem Bericht des Magazins “Vice”, so widmeten sich die Niederländer anschließend der Familienplanung. Später ging die Combo erneut auf Tour, war gern gesehener Gast auf Neunziger-Events. 2016 sollen die Vengaboys sogar satte 100 Shows gespielt haben und unzählige Hardcore-Fans von damals reisten mit. Einige von ihnen sollen sogar Vengaboys-Tattoos tragen, erzählt Tänzer Donny Latupeirissa in dem Bericht: einige mit Kims Gesicht, einige mit dem Bandnamen und einige mit dem Vengabus.

Musikalisch meldeten sich die Niederländer in dieser Zeit immer mal wieder zurück. 2010 etwa versuchte man es mit dem housigen Song “Rocket to Uranus” (immerhin Platz sieben der niederländischen Charts) und tauschte dafür offenbar den Vengabus gegen ein anderes Verkehrsmittel aus: eine Rakete. 2013 folge der Song “Hot Hot Hot”, 2014 eine Neuauflage des Vengaboys-Klassikers “To Brazil” und im selben Jahr der Weihnachtssong “Where Did my Xmas Tree Go?”.

Strache-Affäre: Ibiza-Lied wird zum Protestsong

Das sagt Ihnen alles gar nichts? Kein Wunder: Keiner dieser Songs kam je an die großen Erfolge Ende der Neunzigerjahre heran. Und der größte musikalische Absturz dürfte sich im Jahre 2016 ereignet haben. Da versuchte man sich an einer Art deutschen Ballermann-Nummer mit dem Titel “Supergeil”. Das hätte nun wirklich nicht sein müssen. 2017 kollaborierte man mit den deutschen Produzenten von R.I.O. für den Song “The Sign”, und 2019 veröffentlichte man allen Ernstes noch eine Unplugged-EP großer Hits. Wer also “Boom Boom Boom Boom” mal mit Akustikgitarre hören möchte, hat hier die Gelegenheit.

Auslöser für die Unplugged-EP dürfte im vergangenen Jahr aber ein eher unfreiwilliges Comeback gewesen sein: Der Hit “We’re Going to Ibiza” stand 20 Jahre nach Veröffentlichung plötzlich wieder an der Spitze der österreichischen iTunes-Charts. Grund war die Ibiza-Affäre des früheren FPÖ-Chefs und Vizekanzlers Heinz-Christian Strache. Satiriker Jan Böhmermann waren die Strache-Aufnahmen offenbar vor der Veröffentlichung bekannt und twitterte bei Bekanntwerden einfach nur den Song “We’re Going to Ibiza” von den Vengaboys. Der Song wurde zum inoffiziellen Protestsong einer ganzen Generation gegen die österreichische Mitte-rechts-Regierung.

Die Reaktion der Gruppe dürfte sie aber endgültig zur besten Dance-Band der Welt machen: Inmitten Tausender Demonstranten performten Kim und Co. am 30. Mai 2019 ihren Hit “We’re Going to Ibiza” auf dem Wiener Ballhausplatz. Selbstverständlich stilecht auf einem Vengabus. Was für ein wunderschönes Zeichen. Ein politisches Zeichen. Von einer bis dato eigentlich völlig belanglosen Tanzgruppe.

Mehr Leichtigkeit in einer schweren Zeit

Die neue Zusammenarbeit mit DJ Timmy Trumpet ist laut der Gruppe “just for fun” enstanden. Man habe die Tomorrowland-Auftritte des DJs beobachtet, wird die Gruppe vom Magazin “Katsch Tratsch” zitiert. Dann habe man gemeinsam eine Festivalversion des Hits “Up & Down” produziert. Für Trumpet seien die Vengaboys schlichtweg große Vorbilder: “Künstler wie die Vengaboys haben die Musik, die ich heute mache, geprägt. Als ich die Gelegenheit erhielt, mit einer so fantastischen Band zu arbeiten, habe ich natürlich nicht lange überlegt”, wird er zitiert.

Bleibt zu hoffen, dass der erneute Ausflug der Vengaboys in die Musikwelt keine Ausnahme bleibt. Mit “We’re Going to Ibiza” wird es in diesem Jahr wohl nichts mehr – die Bundesregierung hat die Insel zuletzt wieder als Risikogebiet eingestuft. Aber diese wunderbare Leichtigkeit der Vengaboys, die können wir in diesem schweren Jahr 2020 ganz sicher gebrauchen.

Von Matthias Schwarzer/RND