Samstag , 31. Oktober 2020
Weißer Ring
Ein Mann für spektakuläre Fälle: Jürgen Schubbert ist seit 45 Jahren bei der Polizei tätig. Foto: t&w

Auf der Suche nach Schutz

Lüneburg. Hauptkommissar Jürgen Schubbert ist knifflige Fälle gewohnt. Sie sind sein Job. Doch der Fall, der ihn derzeit nach Feierabend beschäftigt, ist anders. Kein Verbrechen, kein Täter, aber ein Problem: Der Weiße Ring hat keinen eigenen Raum.

Als Leiter der Lüneburger Außenstelle betreut Schubbert zusammen mit seinem Team Kriminalitätsopfer aus der Region, doch nicht immer gelingt es ihm, dafür auch einen geschützten Ort zu finden. Wenn im Behördenzentrum Auf der Hude, bei der Lüneburger Polizei oder der Kirche alle Räume belegt sind, kommt es mitunter vor, dass er Betroffene im Café beraten muss: eine denkbar ungünstige Umgebung für derart sensible Themen, weiß Schubbert.

Ein bis zweimal am Tag klingelt das Telefon beim Weißen Ring in Lüneburg. Es geht um häusliche Gewalt, Stalking, sexuellen Missbrauch und andere Taten. Schubbert und seine zehn ehrenamtlichen Helfer versuchen, den Opfern kostenfrei und auf Wunsch auch anonym zu helfen. Sie leisten menschlichen Beistand nach einer Straftat, zeigen Möglichkeiten auf, begleiten zu Terminen bei Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht oder sonstigen Behörden.

Doch immer wieder komme es auch vor, dass Kriminalitätsopfer die Straftaten nicht zur Anzeige bringen wollen, erzählt Schubbert. In solchen Fällen wirke die polizeiliche Nähe im Lüneburger Behördenzentrum, das immer mal wieder als Treffpunkt für ein erstes Beratungsgespräch genutzt werden kann, abschreckend. Das mache den ohnehin schon großen Schritt, sich einem fremden Menschen anzuvertrauen, noch einmal größer.

Einen eigenen Raum kann der Weiße Ring nicht anmieten. Diese Lösung ließe die Satzung des gemeinnützigen Vereins für keine der mehr als 400 Außenstellen in Deutschland zu, erklärt Schubbert. Das würde womöglich auch die Mittel für Opferberatung und Gewaltprävention schmälern. Aus der Not heraus sucht der 61-Jährige darum nun Institutionen oder Privatpersonen in Lüneburg, die langfristig einen Raum kostenlos zur Verfügung stellen können, um die Arbeit des Weißen Rings zu unterstützen. Diesen wollen die Ehrenamtlichen zum einen für die Opferberatung nutzen – derzeit etwa zehnmal pro Woche – und zum anderen für die monatlichen Helfertreffen.

Die Raumnot macht sich im Augenblick besonders stark bemerkbar. „Die Zahl der Anrufe ist sehr hoch“, berichtet Schubbert. Bei fünf bis sechs Erstkontakten habe er in den letzten Monaten in den öffentlichen Raum ausweichen müssen. Die Gründe für den gestiegenen Unterstützungsbedarf sind ihm ein Rätsel. Auf das Coronavirus jedenfalls sei diese Entwicklung nicht zurückzuführen: „Die Opfer häuslicher Gewalt sind in häuslicher Isolation außerstande, uns zu kontaktieren.“

Jetzt, wo der Alltag in viele Bereiche zurückkehrt, habe er eigentlich vermehrt mit solchen Meldungen gerechnet. „Aber diese Welle blieb bislang aus.“ Stattdessen gehe es vermehrt um Stalking, Einbruchsdelikte oder Cyberkriminalität. Schubbert hofft, dass er den Opfern solcher Straftaten schon bald an einem sicheren und geschützten Ort helfen kann.

Wer dem Weißen Ring einen Raum anbieten möchte, kann sich unter (0151) 55164858 an Jürgen Schubbert wenden.

Kontakt

Raum gesucht

Wer dem Weißen Ring einen Raum zur Verfügung zu stellen möchte, kann sich telefonisch unter (0151) 55164858 an Jürgen Schubbert wenden. Der Außenstellenleiter möchte vorab keine Kriterien festlegen, sondern sich lieber vor Ort einen Eindruck von den jeweiligen Räumlichkeiten machen.

Von Anna Petersen