Samstag , 26. September 2020
Pia Steinrücke vor dem Geschwister-Scholl-Haus. In diesem und anderen Stadtteilhäusern ist inzwischen die Flüchtlingssozialarbeit angesiedelt. (Foto: t&w)

„Wir können vieles schaffen“

Lüneburg. Mit Blick auf die Aufnahme von Flüchtlingen sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015 auf der Bundespressekonferenz den Satz „Wir schaffen das“. Lüneburg wie auch viele andere Kommunen stellten Unterbringung und Integration vor große Herausforderungen. Federführend für die Stadt war das die Aufgabe von Sozialdezernentin Pia Steinrücke und ihren Mitarbeitern. Was ist gelungen und was blieb auf der Strecke?, wollte die LZ von Steinrücke wissen.

Frau Steinrücke, haben Sie damals auch gedacht: Wir schaffen das? Immerhin waren Anfang September 2015 rund 600 Menschen in Lüneburger Unterkünften untergebracht, Oberbürgermeister Ulrich Mädge schätzte, dass bis Ende 2016 weitere 1000 Flüchtlinge ins Stadtgebiet kämen.

Pia Steinrücke: Damals war ich neu im Amt und mir durchaus bewusst, dass Unterbringung und Integration von Flüchtlingen eine Herausforderung sein würden. Dennoch habe ich mit Blick auf Lüneburg gedacht: Wir können vieles schaffen. Denn wir hatten ein gutes Konzept. Zu diesem gehörten die dezentrale Unterbringung, begleitende Flüchtlingssozialarbeit, und es gab ein Netzwerk, zu dem der Landkreis, die Wohlfahrtsverbände, Kirchen sowie Ehrenamtliche zählten. Auch wenn ich manchmal dachte, wie bringen wir die nächste Quoten unter, ließ sich das mit allen Beteiligten gut schaffen. Meist haben wir das alle zusammen in der Verwaltung und mit den extern Akteuren im Rahmen unserer Möglichkeiten hinbekommen – mit voller Unterstützung der Politik, die pragmatisch und ohne Populismus agierte.

Wie viele Menschen sind seit 2014 bis heute in unsere Stadt gekommen? Wann kamen die meisten und wie viele sind es aktuell?

Über die Quote und den Familiennachzug (etwa 700 Personen) sind von 2014 bis heute insgesamt rund 2700 Personen in die Hansestadt gekommen. Die meisten Zuweisungen erfolgten im Dezember 2015 mit 230 Menschen. Im vergangenen Monat waren es vier Personen, da Lüneburg – wie auch andere Städte – in der Zeit von 2016 bis 2018 mehr Menschen aufnahm, als die Quote vorgab. Hinzu kommen in etwa 1500 Personen, die als Anerkannte, sei es aus dem Landkreis oder aus anderen Regionen, in die Stadt gezogen sind, die ebenso auf dem Wohnungsmarkt, in Kitas und Schulen zu berücksichtigen sind.

Die Unterbringung erfolgte in Gemeinschaftsunterkünften, kurz GU, die übers Stadtgebiet verteilt waren. Warum hat man sich für dieses Konzept entschieden?

Ganz große Unterkünfte an einem Standort bieten Konfliktpotenzial. Deshalb hat die Stadt Lüneburg von Anfang an auf dezentrale, kleine Unterkünfte gesetzt, die die Integration ins Umfeld fördern.

Überwiegend bestanden und bestehen diese aus Wohneinheiten mit zwei oder drei Zimmern sowie Küche und Bad. Das ermöglicht auch ein Stück selbstverantwortliches Leben. In jeder GU befinden sich Büros der Flüchtlingssozialarbeiter*innen, die offene Sprechstunden für die Bewohner anbieten.

Wie viele Unterkünfte gab es zu Hochzeiten, wie viele sind es inzwischen und werden weitere geschlossen?

2016 waren es 15, inzwischen gibt es noch vier. Da die Zuweisungen nach Quote weiter zurückgehen, planen wir zwei weitere zu schließen. Da sich die Anlagen am Ochtmisser Kirchsteig und in Rettmer etabliert haben, werden wir diese voraussichtlich weiter vorhalten.

Die Unterkunft in Schaperdrift wurde in Festbauweise errichtet mit Blick darauf, dass eine Nachnutzung erfolgen könnte, wenn die Flüchtlingszahlen zurückgehen. Wie ist der Stand?

Wir sind derzeit mit der Lüneburger Wohnungsbaugesellschaft im Gespräch, die diesen Gebäudekomplex mit 22 Wohnungen in die Vermietung bringen soll – auch für geflüchtete Familien.

Wenn Sie mit Mitarbeitern und dem Oberbürgermeister bei Info-Veranstaltungen Anwohner von neuen Standorten informierten, waren diese nicht überall willkommen. Wie haben Sie das empfunden?

Bevor eine Einrichtung an den Start ging, haben wir immer zu einer Bürgerversammlung eingeladen. Manchmal waren wir auch mehrfach vor Ort. Es gab Kritiker, aber auch immer Befürworter. Ich erinnere, dass es bei einer Veranstaltung nach den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln sehr laut wurde, Bürger schilderten ihre Sorgen. Dem Oberbürgermeister und mir war immer wichtig, Ängste ernst zu nehmen und dazu in den Dialog zu treten. Gleichzeitig haben wir aber auch immer klar Position bezogen, dass der Standort in dieser Nachbarschaft – wie auch in anderen Stadtteilen – sein muss.

Was mich positiv überrascht hat: Als wir unsere Pläne für die GU in Vrestorf vorstellten, gab es große Vorbehalte, die Stimmung war sehr angespannt. Doch als die Unterkunft dann stand, gab es viel Engagement seitens der Anwohner für die Flüchtlinge. Ein Phänomen, das wir auch an anderen Standorten beobachtet haben. Es zeigte sich ein Zusammenhalt. Rückblickend ist das für mich eine Zeit gewesen, von der wir viel mitnehmen können.

Es gab viele Ehrenamtliche, die für die Willkommenskultur in Lüneburg stehen. Wäre ohne diese überhaupt alles zu bewältigen gewesen?

Ohne sie wäre Integration auf jeden Fall nicht so schnell gelungen. Ehrenamtliches Engagement ist eine wesentliche Säule des gesellschaftlichen Zusammenhalts, und durch dieses sind auch viele Freundschaften mit Menschen aus anderen Kulturen entstanden. Sehr hilfreich fanden viele Ehrenamtliche, dass wir einen Ehrenamtskoordinator hatten.

Was waren aus Ihrer Sicht die größten Hürden bei der Integration und in welchen Bereichen ist sie gelungen?

Die größte Hürde ist und bleibt bis heute die Sprache. Sobald eine Verständigung und somit Kommunikation möglich ist, kann vieles erklärt und verdeutlicht werden. Menschen können von ihren Problemen, Vorstellungen, Krankheiten, Ängsten und Sorgen berichten, aber auch von ihren Zukunftsvorstellungen. Unser Anliegen war, dass Kinder schnell in Kita und Schule ankommen, um die deutsche Sprache zu lernen. Trotz des engen Wohnungsmarktes konnten mit der Zeit mehr und mehr Personen und Familien eine eigene Wohnung finden und sind auf einem guten Weg zur Integration in Nachbarschaft, Quartier, Stadtgesellschaft. Auch die Integration in den Arbeitsmarkt ist auf einem guten Weg. Zurzeit erschwert allerdings Corona den Besuch von Sprachkursen. Digitales Lernen für Geflüchtete sowie für andere benachteiligte Menschen ist ein Thema, mit dem wir uns dringend befassen müssen.

Bildung ist der Schlüssel für eine gute Zukunft. Dafür ist der Erwerb der deutschen Sprache eine Grundvoraussetzung. Wie sehen die Konzepte der Hansestadt Lüneburg für die Schulen aus? Welche Erfahrungen gibt es?

Unser Schwerpunkt war, die Kinder umgehend in Kita und Schule zu bringen und über Schulsozialarbeit die Kinder, Eltern und Schulen zu unterstützen. Um allen Schülerinnen und Schülern mit nichtdeutscher Erstsprache und mit unterschiedlichen Deutschkenntnissen das Lernen im Regelunterricht zu ermöglichen, gibt es im Primar- und Sekundarbereich jahrgangsübergreifende Sprachlernklassen. Im Regelunterricht wird die alltagsbezogene Sprache vermittelt. Daneben gibt es in den Schulen ergänzende Förderunterrichte und Förderunterricht in Deutsch als Zweitsprache. Zu den ehrenamtlichen Angeboten gab es in den Gemeinschaftsunterkünften ergänzende Bildungsangebote, z.B. Hausaufgabenhilfe.

Können Sie sagen, bei wie vielen der Asylsuchenden in Lüneburg das Asylverfahren positiv beschieden wurde? Und in wie vielen Fällen erfolgten Abschiebungen?

In der Regel erhalten Asylberechtigte bei einer positiven Bescheidung eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. Bestehen die Gründe der Anerkennung nach Fristablauf weiterhin, wird die Aufenthaltserlaubnis verlängert. Unter bestimmten Voraussetzungen, wie zum Beispiel Sicherung des Lebensunterhalts, kann danach auch eine unbefristete Niederlassungserlaubnis erteilt werden. Zum Stichtag 1. August 2020 haben rund 2000 Personen, aufgrund einer positiven Entscheidung des Asylantrages, eine Aufenthaltserlaubnis oder eine Niederlassungserlaubnis erhalten. Seit 2016 wurden in Lüneburg 50 Abschiebungen vollzogen.

Wo sehen Sie für die Zukunft Aufgaben für die Stadt, damit das Miteinander der Kulturen noch besser gelingt?

Inzwischen ist die Flüchtlingssozialarbeit in den Stadtteilhäusern angesiedelt, denn die Menschen sind ja in den Vierteln angekommen. Die Kinder besuchen dort Kitas und Schulen, Familien haben dort ihre Wohnungen und leben in Nachbarschaften. In den Stadtteilen gibt es inzwischen Angebote für Kinder und ihre Eltern, die viel genutzt werden. Gemeinsam mit der Stadtgesellschaft und der Politik sollten wir gucken, wie künftig alle Kulturen miteinander ein friedliches, buntes und menschliches Lüneburg gestalten können. Projekte wie das Stadtteilkonzept und die Zukunftsstadt 2030 bieten gute Möglichkeiten der Beteiligung.

Von Antje Schäfer