Samstag , 26. September 2020
Das Bildungszentrum im Alten Gärtnerhaus ist eröffnet. Rolf Sauer, Dr. Carola Rudnick und Henryk Reimers (v.l.) mit der Schleife, die die Eingangstür zierte. (Foto: t&w)

Gedenkstätte für Opfer der „Euthanasie“ auf PKL-Gelände: Ein Ort des Erinnerns und Lernens

Lüneburg. Nach eineinhalb Jahren Sanierungs- und Bauzeit wurde gestern das „Alte Gärtnerhaus“ auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) seiner neuen Bestimmung übergeben. Im Beisein von rund 50 geladenen Gästen wurde das neu geschaffene Bildungszentrum der „Euthanasie“-Gedenkstätte eingeweiht und die Sonderausstellung „Erinnerungsräume“ eröffnet. Symbolisch wurden die Fensterläden des Gebäudes geöffnet, in dem es darum geht, Licht in ein Stück dunkle Psychiatrie-Geschichte zu bringen.

„Wir wollten kein Denkmal, als wir 2001 diskutierten, wie wir die Auseinandersetzung mit der grauenvollen Geschichte der Klinik im Nationalsozialismus verstetigen können“, sagte Dr. Sebastian Stierl, Vorsitzender des Trägervereins „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg. Ziel sei es gewesen, die Erinnerung an die Ermordung und Verstümmelung durch Zwangssterilisation von Psychiatriepatientinnen und -patienten sowie anderer Gräueltaten in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt wachzuhalten.

Im November 2004 wurde die „Euthanasie“-Gedenkstätte als „Bildungs- und Gedenkstätte ‚Opfer der NS-Psychiatrie‘ Lüneburg“ eröffnet. Seit 1. September 2015 trägt sie den neuen Namen „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg. Sie befindet sich im ehemaligen Badehaus am Wasserturm. 2004 kam es zur ersten Dauerausstellung. Die wissenschaftliche Leiterin der Gedenkstätte, Dr. Carola Rudnick, hat dazu das Los vieler Patienten erforscht. Das zog viele Interessierte, darunter auch Schulklassen, zu Seminaren. Doch dafür brauchte es mehr Platz.

„Die Eröffnung des Bildungszentrums im vorbildlich sanierten Alten Gärtnerhaus ist nun der zweite große Schritt in einer Entwicklung, die wir zu Beginn nicht für möglich gehalten haben“, sagte Stierl. Entstanden sei ein Raum, der die Erinnerung mit Information, Forschung und Reflektion verbindet.

„Die Gedenkstätte ist für den Landkreis ein ganz wichtiger Ort.“
Jens Böther, Landrat

Rolf Sauer, Geschäftsführer der Gesundheitsholding und der PKL, machte deutlich, „dass mit der Eröffnung des Bildungszentrums ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Aufarbeitung der Lüneburger Psychiatrieverbrechen erreicht wurde“. Dank der Unterstützung von Mitfinanzierern sei etwas Besonderes entstanden.

Landrat Jens Böther sagte, es sei ihm ein großes Anliegen gewesen, zu der Einweihung zu kommen. „Die Gedenkstätte ist für den Landkreis ein ganz wichtiger Ort – als Bildungseinrichtung, Erinnerungsraum und Mahnmal für künftige Generationen.“ Die Gedenkstätte sei die einzige Einrichtung bundesweit, die sich explizit mit der Kinder-„Euthanasie“ während der Nazi-Herrschaft beschäftigt. Von 1941 bis 1945 seien in der Heil- und Pflegeanstalt rund 350 geistig oder körperlich behinderte Kinder und Jugendliche ermordet worden. In bewegenden Worten berichtete er über den Artlenburger Jungen Heinz Knorr, dessen Schicksal wie das vieler anderer aufgearbeitet wurde.

Dr. Carola Rudnick, die für ihr Wirken großen Applaus bekam, blickte zurück, wie ab 2016 mit Architekt Henryk Reimers und Ausstellungsgestalterin Martina Jung die Konzeptionen fürs Bildungszentrum entwickelt wurden. Dass dafür schließlich das Alte Gärtnerhaus als Ort gewählt wurde, sei Hans-Herbert Sellen vom Arbeitskreis Lüneburger Altstadt und Rolf Sauer zu verdanken. Umgesetzt werden konnte das Projekt letztlich mit finanzieller Hilfe der PKL und Gesundheitsholding sowie vieler anderer Förderer, darunter die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung sowie die Niedersächsische Sparkassenstiftung und der Landkreis. Die Kosten belaufen sich auf rund 750 000 Euro. Das Haus bietet auf 200 Quadratmetern Platz für Seminare, Fortbildungen und Begegnungsprojekte. Es kann auch von externen Veranstaltern angemietet werden. Die Sonderausstellung und 60-seitige Broschüre „Erinnerungsräume“ wurden von Rudnick und ihrem Team mit 51 Schülerinnen und Schülern der beiden Lüneburger Pflegeschulen erarbeitet.

Von Antje Schäfer