Mittwoch , 30. September 2020
Bürgermeister Thomas Maack (l.) und Richard Meier, damals Leiter des Adendorfer Ordnungsamts, vor der Unterkunft am Grüner-Jäger-Weg, die Anfang 2016 eingeweiht wurde. (Foto: A/be)

„Anfangs hat uns das wirklich überrollt“

Adendorf. Mit Blick auf die Flüchtlingskrise und die Aufnahme von Flüchtlingen sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015 auf der Bundespressekonferenz den Satz „Wir schaffen das“. Adendorf, wie viele andere Gemeinden auch, stellte in der Folgezeit der Zustrom von Flüchtlingen vor große Herausforderungen.

Schon in den Monaten vor dem 31. August war die Anzahl der Flüchtlinge, die nach Adendorf gekommen waren, kontinuierlich angestiegen. 60 waren Anfang Juli 2015 untergebracht und wurden betreut. Die Gemeinde sorgte für Unterkünfte, die Awo Soziale Dienste als Sozialraumträger war für die Betreuung zuständig, schon etwa 20 Mitglieder hatte zu diesem Zeitpunkt die Adendorfer Flüchtlingsinitiative, gebildet aus engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Bewegende Schicksale

Dann, im Spätsommer, gingen die Zahlen rasant in die Höhe: 109 Menschen, darunter wenige deutsche Obdachlose, waren Ende 2015 in den Unterkünften der Gemeinde registriert. Aber viele Flüchtlinge mehr waren es gewesen, die in jenen Wochen kamen, dann entweder blieben oder weiterreisten. 147 waren es Ende 2016, seitdem geht die Zahlen kontinuierlich nach unten. Zurzeit sind 90 Menschen – Flüchtlinge mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus und einige deutsche Obdachlose – in den Gemeindeunterkünften angesiedelt.

Adendorfs Bürgermeister Thomas Maack (SPD) erinnert sich: „Kleidung wurde von den Bürgern im Rathaus abgegeben, Spielzeug, Fernsehapparate, Regale, Sofas und Betten. Wir wussten zeitweise schon nicht mehr, wo wir das alles lagern sollen.“ Er sagt: „Ich glaube, es war der am meisten belastende Abschnitt meiner Amtszeit.“

Auch Sandra Eddelbüttel, heute Leiterin des Fachbereichs Ordnung und soziale Angelegenheiten, damals schon Stellvertreterin von Amtsleiter Richard Meier, erinnert sich an eine beeindruckende Zeit ab Spätsommer 2015. Wöchentlich seien Busse voller Flüchtlinge aus den Aufnahmelagern geschickt worden „Und die Schicksale der Flüchtlinge gingen natürlich nicht spurlos an uns vorbei, die vielen Familien, die auf den Fluren warteten, die weinenden Kinder.“

Mit der steigenden Zahl der Flüchtlinge stieg auch die Zahl der Aufgaben. „Und ich muss sagen: Hut ab vor den vielen, vielen Ehrenamtlichen, die sich in dieser Zeit für die Neuankömmlinge eingesetzt haben“, lobt Thomas Maack die Flüchtlingsinitiative und viele weitere Freiwillige. Darüber hinaus hätten sich auch Vereine, Verbände und die Kirchen tatkräftig engagiert.

„Anfangs hat uns das wirklich überrollt“, erinnert sich Bürgermeister Maack an den Spätsommer. „Und wir hatten Probleme, die Menschen alle unterzubringen, denn es gab in Adendorf so gut wie keine Leerstände an Wohnungen.“ Eine Unterkunft am Papageienweg mit 20 Plätzen habe man damals „aus dem Boden gestampft“, eine weitere mit 24 Plätzen im Gemeindebesitz wurde Anfang 2016 am Grüner-Jäger-Weg eingeweiht.

Auch skeptische Anwohner

Allerdings seien die meisten Flüchtlinge im Ort dezentral untergebracht worden, erläutert Maack. Nicht immer war das leicht, mancher Anwohner sei skeptisch gewesen angesichts der neuen Nachbarn. „Insgesamt glaube ich, die dezentrale Unterbringung ist ein Vorteil gewesen.“ Das habe die Integration erleichtert.

„Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass wir die Sache gut in den Griff bekommen haben. Ab 2016 und 2017 hat sich die Lage beruhigt“, sagt Bürgermeister Maack. Dafür spricht auch, was Saskia Elvers, bei der Gemeinde zuständig für Obdachlosen- und Asylangelegenheiten, über die Flüchtlinge im Ort berichtet: „Ich kenne alle persönlich.“

Gemeinde musste kräftig investieren

Den Blick auf die Finanzen hat in Adendorf Gemeindekämmerer Matthias Gierke – einen steilen Anstieg der Kosten für die ankommenden Flüchtlinge verzeichnet er in seinen Bilanzen: Rund 85 000 Euro an Personal- und Mietaufwendungen gab die Gemeinde im Jahr 2014 aus, ein Jahr später lagen die Ausgaben bei 326 000 Euro, im Jahr 2016 war der Höhepunkt mit einem Betrag von 625 000 Euro erreicht. Danach gingen die Ausgaben zurück, bis auf 446 000 Euro im vergangenen Jahr. Enthalten sind auch Abschreibungen.
Allerdings wurden große Teile davon auch vom Land erstattet. So blieb von rund 2,85 Millionen Kosten in den Jahren 2014 bis 2020 am Ende ein Minus von 323 000 Euro für die Gemeinde übrig.

Auch bei den Investitionen musste sich die Gemeinde Adendorf strecken: Knapp 247 000 Euro wurden 2014 ausgegeben, rund 662 000 Euro waren es 2015, ein Jahr später waren es noch einmal knapp 180 000 Euro. Im vergangenen und in diesem Jahr waren bisher keine Investitionen notwendig.

Von Ingo Petersen