Sonntag , 27. September 2020
Irmgard Sommermeier, Eleonore Klein und Renate Rudolph (v.l.) sind froh, dass sie langsam und vorsichtig wieder ihr soziales Leben aufnehmen können. Foto: t&w

„Du lebst im Edelknast“

Lüneburg. Die Corona-Pandemie ist eine große Herausforderung – für alle. In einer Interviewreihe kommen verschiedene Gruppen zu Wort. Besonders hart haben die Be- und Einschränkungen ältere Menschen getroffen, die als Teil der Risikogruppe noch mehr auf sich acht geben müssen als andere. Viele waren über lange Zeit sozial isoliert. Eleonore Klein (76), Irmgard Sommermeier (87) und Renate Rudolph (80) kennen sich seit vielen Jahren aus ihrer ehrenamtlichen Arbeit, alle drei Frauen sind Mitglied der Senioren-CDU. LZ-Volontärin Lea Schulze hat mit den drei Damen darüber gesprochen, wie sie die vergangenen Monate erlebt haben.

Wie waren die vergangenen Monate für Sie?

Eleonore Klein: „Gerade den Anfang habe ich als ganz fürchterlich empfunden. Mein Geburtstag, Ostern, alles fiel weg. Ich bin sonst sehr aktiv, fahre gerne nach Hamburg ins Theater oder zu Konzerten, besuche VHS-Kurse, den Gottesdienst. Karten spielen mit Freunden, Kaffee trinken, nichts davon war mehr möglich. Mein Sohn hat einmal gesagt, Du lebst im Edelknast. Das trifft es, denn wenigstens plagen mich keine finanziellen Sorgen. Bis auf die Isolation ging es mir gut. Aber die war hart.“

Irmgard Sommermeier: „Ich habe es ähnlich erlebt. Schlag auf Schlag von den Familienangehörigen getrennt zu sein, das war ein schwerer Schlag. Meine Kinder wohnen in Flensburg und München, wir haben uns erst Mitte Juli wiedergesehen. Dafür telefoniere ich seitdem etwa drei Stunden am Tag, mit Freunden, Kindern und Enkelkindern, das hat es vorher auch nicht gegeben. Ich will gar nicht klagen, ich habe das gut überstanden. Aber alles, was das Leben bereichert hat, das war von einem Tag auf den anderen nicht mehr da.“

Renate Rudolph: „Bei mir das gleiche. Ich bin in zig Vereinen aktiv, in der Kirche, treffe mich mit Freunden zum Scrabble, Doppelkopf oder Skat. Plötzlich ganz auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, das war ein komisches Gefühl. Außerdem fielen zwei Urlaube ins Wasser, auf die ich mich sehr gefreut hatte, nach Oberammergau und nach Armenien. Auch ich habe meine Tochter erst im Juli wiedergesehen. Sie ist Lehrerin, das wäre zu gefährlich gewesen. Aber eins habe ich mir nicht nehmen lassen: Seit siebzehn Jahren, damals starb mein Mann, bin ich jeden Tag bei Freunden zum Frühstück. Das ist ein Ritual, das ich geschenkt bekommen habe, und daran haben wir auch in dieser besonderen Zeit festgehalten, sonst wäre ich ja ganz allein gewesen.“

Erinnern Sie sich noch daran, wie alles begann?

Renate Rudolph: „Oh ja, am 14. März habe ich noch ziemlich groß meinen Geburtstag gefeiert. Aber das war schon ein Tanz auf dem Vulkan, als die ersten absagten, wusste ich, dass das eine größere Sache werden könnte. Mein Geburtstag war der letzte Tag, an dem ich mit vielen Menschen zusammengewesen bin. Aber davon konnte ich gut zehren, auch von den vielen Karten und Glückwünschen, die mich noch in den Tagen darauf erreichten. Ich hatte dann ja viel Zeit und habe mich bei jedem Gratulanten persönlich mit einer selbst gemalten Karte bedankt.“

Wie haben sie die Zeit erlebt, haben sie sich gelangweilt?

Eleonore Klein: „Lesen, Aufräumen, Putzen, irgendwann fiel mir wirklich nichts mehr ein. Ich habe dann sogar angefangen, Marmelade einzukochen, dabei hatte ich damit eigentlich längst abgeschlossen.“

Renate Rudolph: „Ich habe begonnen, sehr viele Briefe zu schreiben und war jeden Tag mindestens eine Dreiviertelstunde im Wald, habe angefangen, die etwas dickeren Bücher zu lesen, zu denen man sonst nie kommt. Irgendwann konnte ich es auch ein bisschen genießen: Ich habe an einer Chronik für die Kirche gearbeitet und Familienfotos meines Vaters geordnet. Keine Ahnung, ob sich irgendwann jemand dafür interessieren wird, aber ich hatte Spaß daran und mir hat es gut getan. Mir ging es deutlich besser, nachdem ich mir eine Struktur für meinen Tag zurechtgelegt hatte: Vormittags Chronik, 12 Uhr kochen, dann Zeitung lesen bis 15 Uhr.“

Irmgard Sommermeier: „Natürlich gab es Momente, in denen es einem mal nicht so gut ging, Telefonate hin oder her, man war allein. Der persönliche Kontakt hat gefehlt. Es war nicht so, dass die ganze Welt mich verlassen hat, aber nicht mehr das tun zu können, was man will – das war schlimm.“

Renate Rudolph: „Für mich war es ein einschneidender Moment, als meine Familie mich bat, mal ein Video von mir zu schicken. Ich erinnere mich noch genau, wie schockiert ich gewesen bin, als ich es mir angeschaut habe. Ich habe mir sofort die Haare gewaschen, eine Bluse angezogen und eine Kette umgelegt. Das ist die Gefahr, wenn man allein ist, man droht zu verlottern. Und wenn man nicht mehr gut drauf ist, ruft man auch niemanden mehr an, das ist ein Teufelskreis.“

Alle drei Frauen müssen an ihre Freunde und Bekannten in Alters- und Pflegeheimen denken.

Eleonore Klein: „Da wurde über lange Zeit nur das Essen reingeschoben, das war‘s. Natürlich zum Schutz der Menschen, die dort leben, aber was für eine schreckliche Situation.“

Renate Rudolph: „Ich kenne jemanden, dessen Frau kurz bevor das alles losging, ins Heim gebracht wurde. Er konnte sie monatelang nicht besuchen. Wie müssen die beiden sich gefühlt haben?“

Irmgard Sommermeier: „Den Kontakt zu Bekannten aufrechtzuerhalten, war teilweise nicht möglich, weil sie kaum den Hörer halten konnten oder man durch die Maske nicht verstehen konnte. Früher habe ich immer gedacht, ich will mal ins Heim, da ist immer was los. Jetzt denke ich: Für kein Geld der Welt, jetzt habe ich Angst davor. Ich habe in jedem Monat jemanden verloren. Dass man sich vorher nicht nochmal sehen und nicht einmal am Grab verabschieden konnte, das hat bitter weh getan, das ging unter die Haut.“

Gab es denn auch Positives, was sie aus der Krise mitnehmen können?

Eleonore Klein: „Ich bin technisch fitter geworden. An meinem Geburtstag habe ich mit meiner Familie über Skype gemeinsam gefrühstückt, das war toll. Und ich habe angefangen, Podcasts zu hören. Mit Drosten und Kekulé habe ich mich immer gut informiert gefühlt.“

Irmgard Sommermeier: „Ich fand es schön zu sehen, wie die Menschen füreinander einstehen. Dieses Gefühl der Gemeinschaft gab es in der Form lange nicht mehr. Für mich haben zum Beispiel meine lieben Nachbarn oft mit eingekauft, das war schön. Oder mein Arzt, der hat Rezepte für mich bestellt, das Rezept an die Apotheke geschickt, und der Apotheker hat es mir dann vorbeigebracht. Solche Dinge klappten gut, auch die ganzen Hilfsangebote in der LZ.“

Renate Rudolph: „Stimmt, die habe ich alle ausgeschnitten und aufgehoben, für den Fall der Fälle. Zum Glück hat mein Sohn meine Einkäufe erledigt, ich war das erste mal im Juli wieder selbst in Geschäften. Das war eine tolle Erfahrung: Mein Sohn ist eigentlich sehr viel weg, weil seine Lebensgefährtin in Nordrhein-Westfalen lebt. In der Zeit, in der er nicht zu ihr konnte, haben wir uns wieder viel öfter gesehen und sind so wieder näher aneinander gerückt.“

Irmgard Sommermeier: „Verglichen mit dem, was in der ganzen Welt passiert ist, lebten wir in Deutschland ja wirklich auf der Insel der Glückseligen, weil unsere Regierung das so gut in den Griff bekommen hat. Ich hatte zu jeder Zeit das Gefühl, in guten Händen zu sein.“

Macht es Sie wütend zu sehen, wie leichtfertig einige Menschen mit dem Virus umgehen?

Irmgard Sommermeier: „Manchmal bin ich innerlich böse, dass die Leute so leichtsinnig sind. Ich frage mich dann immer, wieso die sich nicht mal für ein paar Monate zusammenreißen und spartanisch leben können. Aber ich komme eben auch aus einer ganz anderen Zeit. Ich habe den Krieg noch miterlebt. Was es bei den jungen Leuten auslöst, wenn mal was nicht geht, das hat mich erschrocken.“

Renate Rudolph: „Da hast Du recht. Allerdings gab es auch viele junge Leute, die sich in dieser schweren Zeit engagiert haben, das war schön zu sehen. Und was diese Spinner da im Internet von sich geben, die meinen, sich produzieren zu müssen, das lasse ich gar nicht an mich ran.“

Was haben sie am meisten 29genossen, als die Einschränkungen gelockert wurden?

Irmgard Sommermeier: „Als die Kinder kommen konnten. Und die erste Einladung zu einem Geburtstag. Dass jetzt alles langsam wieder anläuft, Gottesdienste, Veranstaltungen, das ist eine große Freude.“

Eleonore Klein: „Ja, ein bisschen was geht ja schon wieder, zum Beispiel im Theater.“

Renate Rudolph: „Im Juni war ich das erste mal bei der Geburtstagsnachfeier einer Freundin. Was für eine Erleichterung. Das ist doch was anderes, endlich mal wieder herzlich zusammen lachen, diskutieren, sich fetzen, von Angesicht zu Angesicht. Ich bin bis halb 1 Uhr nachts geblieben, so sehr hatte ich das vermisst. Am Telefon erzählt man sich ja doch nicht alles. Erst als ich meiner Tochter im Garten bei einem Glas Sekt erzählt habe, wie es mir ergangen ist, war mir wohl.“