Freitag , 25. September 2020
Kerstin Kathke, Kerstina Peck und Anja Schweimer vor ihrer Einrichtung Am Weißen Turm: Im Arm halten sie Babypuppen, mit denen bei Beratungsgesprächen praktische Hinweise gegeben werden können. Foto: Michael Behns

Das Schlimmste verhindern

Lüneburg. „Unter welch unglaublichem Druck muss diese junge Frau gestanden haben“ – das ist der erste Gedanke von Kerstina Peck, als sie von der Kindstötung in Bardowick erfährt. Eine 22-jährige Frau hat gestanden, ihr Neugeborenes getötet und in einem Plastiksack auf dem elterlichen Grundstück abgelegt zu haben. Schwangeren Frauen und jungen Müttern in schier hoffnungslosen Ausnahmesituationen zu helfen, ist die alltägliche Aufgabe der Mitarbeiterinnen von „MaDonna“ Lüneburg. In der Anlaufstelle des Lebensraums Diakonie sind Beratung und Betreuung von Menschen in schwierigen Lebenslagen ein Schwerpunkt ihrer Arbeit. „Unsere zentrale Botschaft ist: Du bist nicht allein, du bekommst Hilfe. Anonym, kostenlos und vertraulich“, sagt Sozialpädagogin Uta Nörenberg.

Mit Babypuppen den Alltag als Mutter simulieren

„MaDonna“ ist neben pro familia und donum vitae eine von drei Anlaufstellen in Lüneburg, die unter anderem auch eine Schwangerschaftskonfliktberatung anbieten dürfen. Das heißt: Ein Beratungsgespräch im Schwangerschaftskonflikt über ein Austragen des Babys mit offenem Ausgang, die Entscheidung trifft letztlich die Frau. „Entscheidend aber ist, dass es nicht bei diesem Gespräch bleibt, sondern dass wir auch danach noch eine Vielzahl von Hilfsmöglichkeiten haben“, sagt Kerstina Peck. Dabei ist das Angebot von MaDonna so umfassend wie kein Zweites in der Hansestadt.

Es hätte vielleicht nur ein Anruf oder eine E-Mail sein müssen, dann hätte sich für die Bardowickerin in einer Situation der extremen Verzweiflung womöglich ein anderer Weg aufgetan. „Sie war wohl gefühlt für sich allein, obwohl es da doch ein familiäres Umfeld gab“, sagt Sozialpädagogin Anja Schweimer. Sozial- und Heilpädagoginnen, Kinderkrankenschwestern, Erzieherinnen und eine Psychologin stehen dann bereit, um Wege aus einer Situation aufzuzeigen, die für die Betroffenen aussichtslos erscheinen.

Da ist das Projekt „Frühe Hilfen“, das vor allem von jungen Müttern in Anspruch genommen wird. Mütter, zum Teil auch mit den Vätern, werden dabei auf ihre Elternrolle vorbereitet. Was brauche ich für mein Kind? Welche Belastungen kommen auf mich zu? Was geschieht im Kreißsaal? „Es geht darum, mit dem Ungeborenen eine Bindung aufzubauen, die Betroffenen in ihrer Elternrolle zu stärken“, erläutert die Leiterin der Einrichtung Kerstina Peck. Hilfreich ist dabei das sogenannte Realcare Baby, eine Puppe, die versorgt werden muss, wie ein Baby auch schon mal nachts schreit und den werdenden Eltern den Schlaf raubt. Sie verfügt über ein spezielles Programm, das man auswerten und so feststellen kann, welche Situationen gut bewältigt wurden, ob man den Alltag mit einem Baby gut organisiert und was noch besser gelöst werden kann.

Dabei packen die MaDonna-Mitarbeiterinnen die jungen Mütter nicht in Watte. Auch plötzlicher Kindstod und Schütteltrauma werden thematisiert. „Es ist wichtig, sich damit einmal auseinandergesetzt zu haben“, betont Anja Schweimer. Und auch wer sich letztlich dazu entscheidet, das Baby nicht zu bekommen, wird weiter begleitet.

Botschaft lautet: Niemand ist mit seinem Problem allein

Die Hilfe von MaDonna beschränkt sich aber nicht auf Gespräche und die Vermittlung weiterer Unterstützungsangebote. Vielmehr bietet die Einrichtung auch die stationäre Aufnahme von Schwangeren oder Müttern nach der Geburt an. „Zumeist werden uns diese Frauen von Jugendämtern aus der Region zugewiesen“, schildert Kerstina Peck. Grund dafür kann zum Beispiel die Befürchtung einer Überforderungssituation oder Kindeswohlgefährdung sein. Die 13 Plätze sind oftmals voll belegt, das Betreuungsnetz ist engmaschig. Rund um die Uhr gibt es in der Einrichtung einen Ansprechpartner. Auch hier ist die zentrale Botschaft: Man ist nicht allein mit seinem Problem, das einem selbst unlösbar erscheint.

Ein immer wiederkehrendes Thema ist auch die Babyklappe für Mütter, die sich in ihrer Verzweiflung nicht trauen, Kontakt zu Beratungsstellen aufzunehmen. Die nächste Einrichtung dieser Art ist in Hamburg – zu weit weg, meint das Team von MaDonna. Für sie wäre es wünschenswert, an ihrem Standort im Familienzentrum Plus, Am Weißen Turm 9, ebenfalls so eine Klappe zu installieren. „Unsere Einrichtung ist rund um die Uhr besetzt, das Klinikum für die Erstversorgung ist um die Ecke – es bietet sich einfach an“, sagt Kerstina Peck.

Finanziert werden könnte die Babyklappe durch Spenden. Ob das Drama von Bardowick so hätte verhindert werden können? Niemand weiß es. „Aber nichts sollte unversucht bleiben“, fordern die Beraterinnen.

Von Thomas Mitzlaff

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