Sonntag , 27. September 2020
Anatoli T. muss sich vor dem Landgericht verantworten. Foto: be

Warten auf die Zeugin aus einer anderen Welt

Lüneburg. Das Martyrium der jungen Frau dauert Stunden. Immer wieder wird sie brutal vergewaltigt, es hagelt unzählige Faustschläge ins Gesicht, immer wieder wird die 25-Jährige bewusstlos. Erst als der Morgen graut, lassen die Täter von ihr ab und werfen sie wie einen Müllsack in den Wald. Das Opfer bleibt mit schwersten Kopf- und Gesichtsverletzungen zurück, unter anderem erleidet sie einen Bruch des Nasenknochens und ein Schädel-Hirn-Trauma. Erst neun Jahre später muss sich der mutmaßliche Haupttäter Anatoli T. seit Donnerstag vor dem Landgericht Lüneburg verantworten.

Das Verbrechen geschah unweit der Stadt Brest in Weißrussland, das heute Belarus heißt. Die dortigen Strafverfolgungsbehörden bekamen T. nicht zu fassen. Er spricht zwar nur gebrochen Deutsch und benötigt in dem Prozess einen Dolmetscher, aber er besitzt einen deutschen Pass und wird daher nicht ausgeliefert.

Der Angeklagte zerrte das Opfer in ein anderes Auto

Laut Anklage hatte sich der heute 38-Jährige, der als Wohnort Celle angibt, am frühen Morgen des 26. Januar 2011 vor einer Disco mit dem späteren Opfer, das er zuvor nicht kannte, gestritten. Die junge Frau saß bereits in einem Taxi nach Hause, das Anatoli T. dann stoppte. Als die 25-Jährige aus Verärgerung ausstieg, zerrte T. sie laut Staatsanwaltschaft in den Wagen eines Bekannten. Die Fahrt führte in einen Wald. Dort hagelte es über Stunden brutalste Schläge, die Frau wurde mehrfach vergewaltigt. Auch der Freund von T. soll das Opfer missbraucht haben.

Den zweiten Täter konnte die belarussische Polizei schnell fassen, er wurde zwischenzeitlich zu fünf Jahren Haft wegen Vergewaltigung verurteilt. Anatoli T. aber konnte sich absetzen – der Weg bis zur polnischen Grenze ist von Brest nicht weit, und in einem EU-Land ist man vor der Strafverfolgung der belarussischen Behörden sicher. Doch die dortige Justiz informierte die in Deutschland zuständige Staatsanwaltschaft Lüneburg, und die ließ sich die Akten kommen.

Eine zeitaufwendige Angelegenheit, über Jahre ging der Austausch hin und her. Letztlich aber schien den Lüneburger Strafverfolgern der Vorwurf so konkret, dass sie eine Anklage verfassten. Nicht wie die belarussischen Kollegen „nur“ wegen Vergewaltigung, sondern wegen erpresserischen Menschenraubs in Tateinheit mit räuberischer Erpressung und Vergewaltigung – Mindeststrafe: fünf Jahre Gefängnis.

Zwei Zeugenaussagen würden fehlen

Doch eine Überführung und Verurteilung ohne Zeugen dürfte kaum gelingen. Und die Lüneburger Justiz holte sich in Belarus nur Absagen. Keine Ermittler dürfen nach Deutschland kommen, keine Ärzte oder andere Verfahrensbeteiligte waren dazu bereit. Schließlich ist eine Reise aus einem Land, in dem gerade Aufruhr herrscht, eine Angelegenheit voller Unwägbarkeiten, von Hindernissen durch die Corona-Pandemie ganz zu schweigen.

Letztere aber war noch nicht ausgebrochen, als das Landgericht das Opfer doch dazu bewegen konnte, nach Deutschland zu reisen. Vor einem Jahr wurden die Pläne konkretisiert, zum nächsten Prozesstag am 15. September will die heute 34-Jährige erscheinen. „Ich hoffe, dass das auch klappt“, sagt Rechtsanwalt Lars Hinners aus Stadthagen, der am Donnerstag für die Nebenklage am Prozessauftakt teilnahm. „Ich gehe davon aus, dass sie kommt, aber jeder weiß, wie kompliziert die Situation in Belarus gerade ist.“ Kurzfristig können Genehmigungen zurückgezogen, Flüge abgesagt werden.

Anatoli T. schwieg am Donnerstag zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Der Fensterbauer ist mittlerweile verheiratet und hat ein zweijähriges Kind. Sein Verteidiger beantragte, das Verfahren auszusetzen. Die aus Belarus zugesandten Ermittlungsakten seien unvollständig, zwei Zeugenaussagen würden fehlen. Und angeblich habe das Opfer sich mit dem zweiten Täter auf die Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von drei Millionen Rubel geeinigt. Das habe eine Anwältin in Erfahrung bringen können, die vor Ort beauftragt wurde.

In dem Prozess gibt es viele Unwägbarkeiten

Das Verfahren dürfe erst fortgesetzt werden, wenn wirklich alle Unterlagen aus Brest übersandt seien, fordert der Anwalt. Die 1. Große Strafkammer unter Leitung von Michael Herrmann will sich dazu ihre Gedanken machen. Es ist eine von vielen Unwägbarkeiten in diesem Prozess. Jetzt schauen alle mit Spannung auf den 15. September und stellen sich die Frage, ob wirklich das Opfer auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen wird.

Von Thomas Mitzlaff