Angespitzt

Lüneburg in Bewegung

Verkehrspolitisch haben Politiker, Behörden, Verbände und Bürger in dieser Woche nahezu alle Register gezogen, Lüneburg war in Bewegung. Im Begleitausschuss zum Bau der geplanten Autobahn 39 war einmal mehr der Tunnel im Bereich Lüne und Moorfeld zentrales Thema, eine Allianz aus Wirtschaftsministerium in Hannover, Wirtschaftsbehörde in Hamburg sowie die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg hat eine Info-Seite zum Neubau der Schleuse neben dem Schiffshebewerk in Scharnebeck sicher in die Kanäle des weltweiten Datennetzes manövriert, und die Initiative „Radentscheid Lüneburg“ hat sich öffentlichkeitswirksam in die Fluten der Ilmenau gestürzt, damit die Verkehrswende nicht ins Wasser fällt. Lediglich das Minenfeld „Ausbau der Bestandsstrecken im Dreieck Bremen-Hamburg-Hannover“ der Deutschen Bahn, kurz „Alpha-Variante E“, war in der zurückliegenden Woche für die Öffentlichkeit gesperrt – vielleicht, weil das Thema auch so schon genug Sprengstoff birgt.

Allen vier Projekten ist gemein, dass immer mehr Menschen und Güter auf unterschiedlichen Wegen in und um Lüneburg, aber auch im ganzen norddeutschen Raum sowie bundes-, europa- und weltweit unterwegs sind. Im Kern soll mit Blick auf die Zukunft verhindert werden, dass wir den Großteil unserer Lebenszeit in Waren- und Personenstaus feststecken. Deshalb verbringen Planer der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr schon seit vielen Jahren eine ganze Menge Arbeitszeit damit, gedanklich ein 105 Kilometer langes Asphaltband möglichst umwelt- und menschenschonend in die Landschaft zwischen Lüneburg und Wolfsburg einzupflegen – um natürlich ebenfalls fast täglich von Naturschützern darauf hingewiesen zu werden, dass sie sich genauso gut mit der Quadratur des Kreises beschäftigen könnten. Und weil das Planen so viel Spaß macht, lässt der ursprünglich für Ende 2013 avisierte erste Spatenstich immer noch auf sich warten.

Gleichwohl soll die Autobahn irgendwann dazu beitragen, dass die Containerberge im Hamburger Hafen schneller abschmelzen. Dazu beitragen sollen auch die „Alpha Variante E“ und der Schleusenneubau bei Scharnebeck, schließlich muss schon aus den immer drängender werdenden Gründen des Klimaschutzes ein solider Anteil des Güterverkehrs auf Schiene und Schiff verlagert werden. Doch weil die Anteile noch immer gering sind, unter anderem die über den Elbe-Seitenkanal geschipperte Tonnage die gesteckten Prognosen erst mit Jahrzehnten Verspätung erreicht hat, wird seitens der Politik natürlich auch dem Feigenblatt Umstieg aufs Rad ein Plätzchen eingeräumt.

Wie dies zu werten ist, hat die Initiative „Radentscheid Lüneburg“ um ihren Sprecher Ronald Orth trefflich analysiert. Demnach hat Lüneburg „beste Voraussetzungen, um eine richtige Fahrradstadt zu werden“. Auch habe es in den vergangenen 30 Jahren durchaus gute Strategien zu dem Thema gegeben – nur umgesetzt worden seien sie nie.

Welches Gewicht den einzelnen verkehrspolitischen Bereichen zukommt, lässt sich auch an den Investitionssummen ablesen: Bahnprojekt „Alpha E“ mehrere Milliarden Euro, Autobahnbau 1,3 Milliarden Euro, Schleusenbau 300 Millionen Euro, Umbau Lüneburgs zur Fahrradstadt unbestimmt, Entscheidung und Konzept stehen noch aus.

Ich frage mich immer, wie es Stadt- und Kreisverwaltung überhaupt schaffen, angesichts der Komplexität der Vorhaben den Überblick zu behalten? Und welche Prioritäten in Rat- und Kreishaus gesetzt werden? Ab und an sitzt dann Mark Twain auf meiner Schulter und flüstert mir ins Ohr: „Wer nicht weiß, wohin er will, der darf sich nicht wundern, wenn er ganz woanders ankommt.“ Malte Lühr