Sonntag , 25. Oktober 2020
Tafel
Konstanze Dahlkötter (vorne l.), Martina van Clewe (vorne r.) und weitere ehrenamtliche Helfer, die Kisten und Tüten mit Lebensmitteln gepackt haben. Die Ausgabe erfolgt in Corona-Zeiten im Freien vor dem Gebäude. (Foto: t&w)

Soziales Engagement auf Distanz

Lüneburg. Es ist fast wie in Vor-Corona-Zeiten: Menschen mit Plastiktaschen mit der Aufschrift von Discountern warten an der Einfahrt zum Grundstück Im Tiefen Tal 64. Die meisten sind schon eine halbe Stunde vor der eigentlichen Öffnungszeit der Lüneburger Tafel um 12 Uhr gekommen. Aber einiges ist doch anders seit der Pandemie. Während die Kunden früher im Ausgaberaum an den Tresen auswählen konnten, was sie an Brotwaren, Milchprodukten, Wurst, Gemüse und Obst mitnehmen wollten, bekommen sie nun gefüllte Tüten rausgereicht. Und auch für die ehrenamtlichen Mitarbeiter hat sich im Laufe der vergangenen Monate einiges geändert.

Zweimal 20-Euro-Gutscheine an 400 Haushalte verteilt

Nach dem Lockdown war die Tafel ab dem 16. März elf Tage komplett geschlossen. Gleichwohl war dem ehrenamtlichen Team um Leiterin Konstanze Dahlkötter bewusst: Es muss etwas passieren, damit den Menschen in schwieriger wirtschaftlicher Situation, die die Ausgabe regelmäßig ansteuern, auch in dieser dramatischen Situation geholfen wird. „Ab dem 27. März haben wir dann zweimal 20-Euro-Gutscheine an 400 Haushalte mit dem Lüneboten verschickt, der uns das Porto erließ. Das hat uns sehr geholfen“, berichtet die Vorsitzende der Tafel.

Dankbar sei man auch dem Ladies Circle Lüneburg und dem Tangent Club, Serviceorganisationen für Frauen, für eine finanzielle Unterstützung gewesen. In der Kartei habe man zwar wesentlich mehr Kunden, „aber wir mussten eine Regelung finden und haben uns auf die konzentriert, die die Ausgabe ab dem 1. Januar 2020 angesteuert hatten“. Die Gutscheine konnten bei Discountern und Supermärkten für Lebensmittel eingelöst werden.

Pro Kunde zwei Taschen

Einen Monat später ging ein Lieferservice an den Start. Da es unter den Ehrenamtlichen manche gab, die den Risikogruppen angehörten, mussten weniger helfende Hände die Taschen für die Auslieferung bestücken. Pro Kunde zwei Taschen: die eine mit Obst und Gemüse, die zweite mit anderen Lebensmitteln. „All das, was wir zuvor bei Märkten abgeholt hatten.“ Per Anzeige wurden zusätzliche ehrenamtliche Fahrer gesucht, die nach genauem Tourenplan in Stadt und umliegenden Gemeinden die 400 Haushalte wöchentlich belieferten. „Anfang Juni haben wir dann die Kunden informiert, dass sie ab dem 16. wieder zur Ausgabestelle kommen können.“

In Vor-Corona-Zeiten glich die Tafel einem Tante-Emma-Laden, der Waren appetitlich präsentiert. Die Ehrenamtlichen zugewandt und freundlich, ein Schnack mit den Kunden gehörte einfach dazu. Denn mancher ist Stammkunde, erzählt schon mal sein persönliches Schicksal. Die Tafel ist eben ein besonderer Ort, auch weil sich von den Kunden einige in der Ausgabe ehrenamtlich engagieren.

„Der symbolische Euro ist derzeit gestrichen, weil unsere Kunden jeden Cent selber brauchen.“ – Konstanze Dahlkötter, Tafel-Teamleiterin

Die „Mannschaft“ – wie Konstanze das Team nennt – ist derzeit immer noch kleiner. Denn die, die zu den Risikogruppen gehören, sollen weiter geschützt werden. Und jene Ehrenamtlichen, die zum Beispiel beim Fahrdienst eingesprungen waren, weil in ihrem Unternehmen zum Beispiel Kurzarbeit gefahren wurde, sind jetzt wieder Vollzeit im Job. 45 statt 70 Helfer sind deshalb derzeit pro Woche an vier Tagen in der Ausgabe im Einsatz. Die packen zwei unterschiedliche Tüten. Die eine enthält auch Wurstwaren und Produkte aus Schweinefleisch. Die andere ist mit vegetarischen Waren bestückt und solchen, die keine Gelantine enthalten.

Einen Euro zahlt eigentlich jeder Kunde – damit soll dem Gefühl begegnet werden, dass die Kunden Almosen empfangen. „Das ist derzeit gestrichen, weil unsere Kunden jeden Cent selber brauchen“, ist Konstanze Dahlkötter überzeugt. Wie lange die Tafel das ermöglichen kann, sei aber nicht absehbar mit Blick auf die laufenden Kosten wie Miete, Strom und Sprit für das Tafelmobil.

Zeitfenster-Karten regulieren den Ablauf

Damit nicht zu viele Menschen zeitgleich zur Ausgabestelle strömen und die Abstandsregeln eingehalten werden, wurden sogenannte Zeitfenster-Karten ausgegeben. Auf denen ist vermerkt, wann sie kommen können. Die Kunden zeigen diese mit dem Tafelausweis vor, beides registriert an diesem Tag Martina van Clewe im Computer, der an der offenen Tür zum „Laden“ steht. Dann geht es draußen entlang des Gebäudes zum Aufenthaltsraum, dessen Fenstertüren geöffnet sind. Christopher Daams, der an diesem Tag mit anderen Ehrenamtlichen im Einsatz ist, stellt die Tüten mit langem Arm auf einen Tisch, so dass sie von dort mitgenommen werden können.

Es ist ein soziales Engagement für andere Menschen auf Distanz. Notwendig und der Pandemie geschuldet. Aber es fehlt halt etwas: Sich mal in den Arm zu nehmen oder auch nach der Ausgabe im Kreise der Helfer zusammenzusitzen, geht zurzeit leider nicht, bedauert Konstanze Dahlkötter.

Von Antje Schäfer