Dienstag , 29. September 2020
Totes Baby
Mit diesem Foto berichteten wir erstmals über das Drama um das getötete Baby von Bardowick. (Foto: A/be)

Das Unbegreifliche erklären

Lüneburg. In Solingen werden fünf tote Kinder entdeckt, ihre Mutter soll sie umgebracht haben. In Bardowick gesteht eine 22-Jährige, ihr Neugeborenes getötet zu haben. Und jedes Mal ist das Entsetzen groß. Zum einen wegen der Taten an sich, aber auch weil es scheinbar aus dem Nichts geschah, in der eigenen Nachbarschaft, in der „ganz normale“ Menschen leben.

Für die Medien stellt sich dann die Frage, welche Form der Berichterstattung angemessen ist. Doch auch die Leser verfolgen genau, wie der Fall in der Presse aufgearbeitet wird. Auch die Landeszeitung erreichten zu den Beiträgen über den Säuglingstod von Bardowick viele Anfragen. Warum stand die Story auf der Titelseite? Warum wurde das Haus gezeigt, in dem die Familie lebt? Wir wollen diese zahlreichen Reaktionen zum Anlass nehmen, einmal Einblicke darin zu geben, wie ein lokales Tötungsdelikt wie dieses in einer Zeitungsredaktion aufgearbeitet wird.

Auch für die Ermittler sind noch viele Fragen offen

Am Dienstagnachmittag vergangener Woche erreichte die LZ-Redaktion erstmals die Mitteilung der Polizei: Fund einer Babyleiche in Bardowick. Die ersten Informationen sind vage, auch für die Ermittler selbst sind noch viele Fragen offen. Handelt es sich vielleicht um eine Totgeburt? Oder um ein Tötungsdelikt? Schnell ergeben Recherchen, wo der Fundort ist. Ein Bericht soll im Regelfall mit einem Foto dokumentiert werden. In diesem Fall belassen wir es vorerst bei einem allgemeinen Bild der Ortschaft Bardowick.

Einen Tag später dann gibt die Obduktion grauenvolle Gewissheit. Der kleine Junge lebte zunächst noch, er ist kurz nach der Geburt umgebracht worden. Es beginnt auch die Diskussion um die richtigen Begrifflichkeiten. Ist „umgebracht“ das angemessene Vokabular? Ist „Kindstötung“ zu verharmlosend?

Fakt ist: Ein kleiner Mensch ist getötet worden. Er lebte wahrscheinlich nur einen Tag. Der Fall hat eine andere Qualität bekommen. Am Folgetag zeigt die LZ erstmals die Straße, in der die Polizei mit einem Großaufgebot tätig wurde.

Zwei Tage später ist klar: Hintergrund ist eine Familientragödie. Die Polizei hat die 22-jährige Mutter des Säuglings festgenommen. Und offenbar ist das Haus, in dem die junge Frau mit ihren Eltern und ihrem Bruder lebt, zentraler Ort der Geschehnisse. Hier legte die junge Mutter den Leichnam auf dem Grundstück ab, hier wurde das Baby womöglich getötet, hier irgendwo wurde es möglicherweise ein Jahr lang versteckt. Neben der Berichterstattung veröffentlicht die LZ auch ein Foto von Haus und Grundstück – es ist ein Ort des Verbrechens, womöglich auch ein Tatort. Dies wird in Wort und Bild dokumentiert.

Doch hinter dem Tötungsdelikt steht ein Drama mit vielen Facetten. Und es ist die eine Aufgabe der Presse, dies darzustellen. Doch eine weitere ist es, das Unbegreifliche zu erklären. Dabei spielen die Umstände und auch das Lebensumfeld der Betroffenen eine wichtige Rolle.

Ein Fall mit vielen Mosaiksteinchen

Schnell ist der Name der jungen Frau bekannt, der Facebook-Account mit ihrem Foto ist zunächst für jedermann einsehbar. Zumindest ihren Vornamen zu nennen und ein gepixeltes Bild von ihr zu zeigen, wäre presserechtlich zulässig angesichts der Dimension der Vorwürfe. Doch die Redaktion entscheidet sich dagegen. Für die Erklärungen dieser unfassbaren Tat scheint das nicht relevant zu sein.

Andere Fakten aber sind es dagegen schon. So auch der Umstand, dass die junge Frau erst im Sommer 2018 ihr Abitur abgelegt hat, die Klischees gewisser sozialer Umstände in diesem Fall sich nicht bestätigen. Dass aber offenbar schon in den letzten Monaten auf der Schule, wenn nicht sogar schon viel früher, irgendetwas ganz fürchterlich in die falsche Richtung abgeglitten sein muss.

Wenige Monate nach dem Abitur wird die 22-Jährige schwanger, bekommt im Sommer darauf ihr Kind, tötet es und versteckt es ein Jahr lang, bevor sie erneut schwanger wird und den Leichnam des ersten Kindes im eigenen Garten ablegt. Die Ermittlungen der Polizei zu dem Fall sind noch lange nicht abgeschlossen, die Rolle des Vaters wird ebenso zu hinterfragen sein wie die anderer Personen ihres persönlichen Umfeldes.

Es sind viele Mosaiksteinchen, die sich zu einem Gesamtbild fügen und die das Unfassbare erklären sollen. Über viele dieser Steinchen hat die LZ bislang berichtet, über genauso viele (noch) nicht. Jeden Tag wird in der Redaktion abgewogen, welche neuen Erkenntnisse für die Öffentlichkeit relevant sind, nicht immer sind die Redakteure da einer Meinung. Letztlich ist die Berichterstattung die Summe einer Vielzahl von Entscheidungsprozessen.

Von Thomas Mitzlaff

DNA-Test bestätigt Mutterschaft

Ermittlungen zu Babytötung

Die 22-jährige Frau, die vergangene Woche gestanden hat, ein in Bardowick aufgefundenes Baby getötet zu haben, ist tatsächlich dessen Mutter. Das hat laut Staatsanwaltschaft Lüneburg ein entsprechender DNA-Abgleich ergeben.

Derweil konzentrieren sich die Ermittlungen aktuell auf die Frage, wo der Leichnam sich elf Monate lang befand. Die junge Frau hatte angegeben, das Kind bereits im September 2019 geboren und danach getötet zu haben. Gefunden wurde der kleine Junge aber erst vergangene Woche auf dem Grundstück des elterlichen Hauses in Bardowick. Die 22-Jährige hatte gegenüber der Polizei eingeräumt, den in zwei Handtücher und einen Plastiksack gehüllten toten Jungen dort vor Kurzem abgelegt zu haben. Wo er sich in den elf Monaten davor befand, ist noch unklar. „Die Ermittlungen dazu laufen auf Hochtouren“, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Wiebke Bethke.

Viele Indizien sprächen dafür, dass die Aussage der Verdächtigen, den Jungen im September vergangenen Jahres zur Welt gebracht zu haben, zuträfen, macht Bethke deutlich. Von der Hamburger Rechtsmedizin gibt es noch keine Aussage dazu, wieso man bei der Obduktion stattdessen zu dem Ergebnis gekommen war, dass das Baby erst im August diesen Jahres geboren und getötet worden sei.

Die Verdächtige, die mittlerweile wieder schwanger ist, sitzt derzeit wegen Totschlags und Fluchtgefahr in Untersuchungshaft und wird anwaltlich vertreten. Bis auf das Eingeständnis, den Jungen getötet und auf dem elterlichen Grundstück abgelegt zu haben, mache sie keine weiteren Angaben, so Bethke. So sei bislang auch nicht klar, wo das Kind geboren wurde. tm