Samstag , 31. Oktober 2020
Wiecheln
Hannes Lecht (r.) geht davon aus, 2021 den ersten Tropfen aus eigenem Anbau genießen zu können. Sein Vater Hans-Jürgen Meyer hilft ihm bei der Arbeit, die viel Zeit kostet. (Foto: phs)

Gute Sonne, schlechte Sonne

Wiecheln. Eines haben Hannes Lecht und sein Wein gemeinsam: Sie sind in Wiecheln tief verwurzelt – der eine im Geiste, der andere im Boden. Lecht, der nach einer Lösung suchte, um den elterlichen Hof zu halten. Und der Wein, der seit rund zwei Jahren auf dem ehemaligen Kartoffel­acker vor seiner Haustür wächst. Ob er Lechts Zukunft ist? Das wird sich zeigen. Denn nach Jahren des Wartens und Schuftens beginnt in einer Woche die erste Weinlese in Wiecheln. Der letzte Schritt zum ersten edlen Tropfen aus der Ostheide.

Klimawandel begünstigte Lechts Entscheidung

In diesen Wochen gilt für Lecht: „Je mehr Sonne, desto besser.“ Denn die bringt Zucker in die grünlich gelben Trauben an seinen Weinreben und nimmt ihnen die Säure. „Wenn die Wurzeln etwas mehr als zwei Meter lang sind, ziehen sie Wasser aus der Tiefe. Dann sollte die Trockenheit kein Problem mehr sein“, erklärt der Winzer. Auch deshalb fiel seine Wahl vor rund fünf Jahren auf den Weinbau: der Klimawandel. „Die Rebe ist es gewohnt, lange ohne Wasser auskommen zu müssen. Sie hat viele Strategien, um mit Trockenstress umzugehen.“ Lechts Vater Hans-Jürgen Meyer nickt: „Wenn er ins dritte Jahr kommt, ist der Wein eigentlich unkaputtbar.“ Doch bis dahin galt es für das Duo eine lange Durststrecke zu überwinden.

Im Landkreis Lüneburg war Hannes Lecht der erste, der 2016 Weinbaurechte erhielt. Seitdem ist der Lehrer und Familienvater auch Winzer-Pionier. Unzählige Youtube-Videos und Fachbücher hat er studiert, Weingüter besucht und Expertentipps eingeholt. „Ich bin ein Workaholic“, gesteht der 35-Jährige. Noch bliebe ihm auch keine andere Wahl: Der Anbau hat bislang keinen Cent abgeworfen – im Gegenteil: „Wein ist teuer“, erklärt Lecht. „Das liegt nicht zuletzt an den vielen Handarbeitsstunden.“ Mehrere Kilometer Draht haben er und sein Vater gespannt, damit die Reben genügen Halt finden, täglich Zweige und Blätter zurückgeschnitten, zahlreiche Maschinen gekauft: Trecker, Laubschneider, Grubber, Mulcher. Das hat einiges gekostet, viele Nerven und viel Geld.

Rund 6500 Weinstöcke auf 1,4 Hektar  

Auf 1,4 Hektar haben Hannes Lecht und sein Vater inzwischen rund 6500 Weinstöcke gepflanzt – keine Klassiker, sondern besonders pilzresistente Sorten, die besser an die norddeutschen Klima­bedingungen angepasst sind. „Im Süden haben die Pflanzen im Durchschnitt einen Monat mehr Vegetationszeit“, erklärt der Junior. Die Beeren der „Solaris“, die in wenigen Tagen geerntet werden, sind frühreif und sehen im Idealfall kein Spritzmittel.

Inzwischen wachsen in Wiecheln auch vereinzelt rote Sorten. Die machen dem jungen Winzer allerdings Sorgen: Statt die erwarteten 1,70 Meter messen die Reben zum Teil lediglich 40 Zentimeter. Die Trockenheit habe das Wachstum der jungen Pflanzen verzögert, sagt Lecht. Im Dürrejahr 2018 hat er darum mehrere Hundert Gießkannen auf sein Feld geschleppt – mit dem Erfolg, dass die Reben zwar überlebt haben, aber sich über das dürftige Wurzelwerk in trockenen Zeiten noch immer nicht selbst mit Wasser versorgen können. Dennoch geht Lecht davon aus, 2022 den ersten roten Tropfen aus eigenem Anbau kosten zu können. Zunächst steht der Testlauf mit dem Weißwein an. Zusammen mit Nachbarn und Freunden wollen sie in wenigen Tagen Traube für Traube von den Reben pflücken. Dann muss der Saft mehrere Wochen in luftdichten Tanks lagern, bevor – vielleicht zu Weihnachten – der erste Geschmackstest gemacht werden kann. Die Winzer schätzen, dass sie dann im Frühjahr 200 Flaschen trockenen Weißwein auf ihrem Hof verkaufen können. „Ich würde gern auf die Flaschen schreiben: Wein aus der Lüneburger Heide“, sagt Lecht. „Das darf ich aber nicht – aus rechtlichen Gründen.“

Großes Potenzial für Weinanbau in der Region

Der 35-Jährige will sich als zweiter Vorsitzender des neu gegründeten Niedersächsischen Weinbauverbandes für eine konkretere Herkunftsbeschreibung im norddeutschen Raum einsetzen, denn er sieht in der Region großes Potenzial für den Weinanbau. Mittelfristig will er die Anbaufläche vervielfachen, seinen Beruf als Lehrer an den Nagel hängen und ganz in das Geschäft einsteigen. Darum hofft er – auf einen guten ersten Jahrgang und ganz viel Sonne.

Von Anna Petersen