Freitag , 30. Oktober 2020

Stalking und Brandstiftung gestanden

Lüneburg. Ein Brief des Angeklagten an seine Eltern hat die Wende im Stalker-Brandstiftungs-Prozess gebracht. Am ersten Verhandlungstag hatte Tom M. (28) noch abgestritten, seine ehemalige Freundin Silvia A.* über Monate per SMS, Mails und WhatsApp-Nachrichten bedroht und belästigt, ihr aufgelauert und schließlich einen Unterstand am Haus ihrer Eltern angezündet zu haben. Eine Woche nach dem Termin schrieb er einen Brief an seine Eltern, den das Gericht beschlagnahmen ließ. Darin bezeichnet sich der Angeklagte selbst als krank und droht mit Suizid, falls er nicht in die geschlossene Psychiatrie, sondern ins Gefängnis komme.

Richter Thomas Wolter redete Tom M., der Mühe hatte, den Blickkontakt zu halten, nochmals massiv ins Gewissen, endlich Verantwortung zu übernehmen: Nur ein Geständnis würde die Strafe vermindern und die Chance auf eine Therapie eröffnen. Tom M. beriet sich mit seinen beiden Anwälten und räumte schließlich Psychoterror und Brandstiftung ein. Die Aussage eines ehemaligen Mithäftlings lässt allerdings die Deutung zu, dass er nur taktierte.

Hunderte Drohnachrichten fluteten ihr Handy

Am ersten Verhandlungstag hatte Tom M. der Frau, die ihn verschmäht, nichts erspart. Unter Tränen musste Silvia A. berichten, wie ihr Ex ihr beim Einkaufen, im Garten oder in der Tiefgarage nachstellte. Hunderte Drohnachrichten fluteten ihr Handy, zum Teil über Portale verschickt, die den Absender verschleiern. „Du wirst nicht mehr lange da sein, verabschiede Dich schon mal“, stand da oder: „Schlaf mal lieber bei Deinen Eltern, jetzt wird es noch schlimmer für Dich“. Ihren ersten Gewaltschutzantrag lehnte das Gericht noch ab, erst die zweite Instanz gewährte ihr Schutz. Dennoch gab die junge Frau ihre Wohnung auf, zog zu ihren Eltern. Waren die übers Wochenende weg, übernachtete eine Freundin bei ihr. Bis heute beeinträchtigt die Angst das Leben von Silvia A.

Denn am frühen Morgen des 3. November blieb sie wohl nur deshalb unbeschadet, weil ihr Vater Brandgeruch wahrnahm. Tom M. hatte die Polsterauflagen von Gartenstühlen mit dem Feuerzeug angezündet, gab er am Montag in Saal 21 zu. Als er den Rauch wahrgenommen habe, sei er davongelaufen. Ein Anruf bei seiner Ex habe diese wecken sollen, so seine Aussage.

„Warum war ich immer so ein Problemkind?“

Im Brief an seine Eltern stellt Tom M. die Frage: „Warum habe ich so eine Angst, Menschen zu verlieren?“ Und beantwortet sie auch mit dem Verweis auf die zwei Jahre, die er im Heim leben musste. Die ihn erziehende Oma war gestorben, seine Eltern hätten mit der eigenen Firma viel zu tun gehabt und obendrein Schwester und Bruder von ihm mehr geliebt. „Warum war ich immer so ein Problemkind?“, fragt er in dem beschlagnahmten Brief.

Die U-Haft selbst war nicht problembeladen, glaubt man den Schilderungen eines ehemaligen Mitgefangenen vor Gericht. „Der schlug wie eine Bombe ein, war immer bei den Leitwölfen.“ Der ehemalige Polizist, damals selbst inhaftiert wegen des Vorwurfs, Heuballen und Hochsitze angezündet zu haben, schildert Tom M. als „hoch manipulativ“. Ihm gegenüber habe er der Ex vorgeworfen, „sein Leben verpfuscht zu haben“. Und er habe angekündigt, „sich rächen zu wollen – möglicherweise über die Oma der Ex“. Sein Plan sei, als psychisch krank diagnostiziert in den Maßregelvollzug zu kommen – das sei günstiger als Haft.

Bis zum nächsten Verhandlungstermin am 24. September soll ein Psychiater Tom M. begutachten, was der Angeklagte bislang verweigert hatte. Dann wird sich erweisen, ob die Unterbringung in der Psychiatrie tatsächlich eine Option ist.

* Name geändert

Von Joachim Zießler