Montag , 26. Oktober 2020
Die mobile Küche macht‘s möglich: Mariam (7) und Laith (8) bekommen die Teller von den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Kindertafel Elke Mattausch (vorne) und Beate Albers gereicht – mitten in der Kirche. Foto: t&w

Eine Küche in der Kirche

Lüneburg. Das Innere der Paul-Gerhardt-Kirche sah jahrzehntelang aus, wie eine Kirche eben aussieht: 14 sieben Meter lange Holzbänke standen aufgereiht im Schiff, natürlich mit Blick zum Altar. Doch seit einigen Monaten ist alles anders: Die Bänke sind in mehrere Teile zersägt, es stehen Tischgruppen in dem großen Raum – und eine mobile Küche. Die Paul-Gerhardt-Gemeinde hat sich umstrukturiert und möchte mit einem neuen Konzept die Gemeinschaft im Quartier stärken.

Anders vorgehen, als es vielfach üblich ist

Was dient den Menschen und dem Gemeinwesen? Diese Frage soll nun im Mittelpunkt der Gemeindearbeit stehen. Der Ansatz ist klar: Anders vorgehen, als es für Gemeinden vielfach üblich ist. „Wir wollen den Menschen nicht mehr einfach Angebote machen und darauf warten, dass jemand daran teilnimmt. Wir bieten Ihnen jetzt einen Raum, in dem sie ihre Ideen umsetzen können“, erklärt der Theologe Christoph Künkel, der an dem Umbau beteiligt ist.

Diese Ideen müssten nicht zwangsläufig einen klassischen religiösen Kontext haben, verdeutlicht Diakonin Antje Stoffregen, die das Paul-Gerhardt-Haus und die Kindertafel der Gemeinde leitet. Auch Menschen, die mit dem Glauben nichts am Hut haben, könnten den Raum nutzen. „Wir freuen uns über Engagement“, sagt Stoffregen. Ziel sei, einfach das zu tun, was alle in einer Kirche tun: Gemeinschaft feiern – und dadurch mit vielen verschiedenen Menschen ins Gespräch zu kommen.

„Es war wirklich ein Wunder“

Perfekt dafür sei auch die mobile Küche, sind sich Stoffregen und Künkel einig. „Mit Menschen an einem Tisch zu sitzen, schafft Gemeinschaft“, sagt Stoffregen. Außerdem ist sie überzeugt: „Essen und trinken ist etwas Ur-Biblisches. Jesus hat sehr oft mit Menschen gegessen und getrunken.“

Diese Idee, eine Küche in die Kirche zu bauen, hatte die Gemeinde schon lange, verrät Antje Stoffregen. Anfangs seien einige nicht wirklich überzeugt gewesen von der Idee, aber als dann um Spenden gebeten wurde, sei die Resonanz überwältigend gewesen. „Es war wirklich ein Wunder. Wir haben Mitte Juni angefangen, Spenden für die mobile Küche zu sammeln und konnten sie Ende Juni schon bestellen.“ Insgesamt wurden 17.500 Euro für die Anschaffung benötigt.

Die Küche besteht aus einzelnen Modulen und kann somit frei innerhalb der Kirche, aber auch auf dem Kirchplatz bewegt werden. „Dadurch gibt es unheimlich viele Möglichkeiten, um sie zu nutzen“, sagt Stoffregen. So könne gemeinsam draußen Obst oder Gemüse eingekocht werden, zudem könnte auch unter den jetzt geltenden Abstandsregeln gemeinsam gekocht werden.

Das gottesdienstliche Leben umstellen

Auch für die Kindertafel kommt die Küche in der Kirche gerade recht: Wegen der Corona-Pandemie konnte lange Zeit kein warmes Mittagessen angeboten werden. Das ist nun endlich wieder möglich. „Pro Tag kommen 20 Kinder zum Essen, insgesamt sind es 30, die hier regelmäßig zu Mittag essen“, klärt die Diakonin auf. Sie können jetzt an den Tischgruppen in der Kirche gemeinsam essen, Hausaufgaben machen und Spiele spielen.

„Das alles ist Kirchengemeinde in neuer Gestalt“, sagt Künkel. Natürlich sei die Umstellung auch ungewohnt, schließlich habe es vor Corona auch jeden Sonntag einen Gottesdienst gegeben. „Ziel ist es, auch das gottesdienstliche Leben umzustellen“, sagt er. Denn: „Das hier ist und bleibt eine Kirche, aber was wir hier jetzt machen ist eben etwas anderes, als um 10 die Glocken zu läuten und darauf zu hoffen, dass jemand zum Gottesdienst kommt.“

Von Lilly von Consbruch