Dienstag , 29. September 2020
Matthias S. und Anwälte beim Auftakt des Prozesses wegen Kindesmissbrauchs. Foto: Michael Behns

Kindesmissbrauch in Tschechien geplant

Lüneburg. Es ist verstörend, was Matthias S. (53) über seine Anwälte an Taten einräumt: Mindestens 13 Mal soll er die Tochter seiner damaligen Lebensgefährtin über vier Jahre missbraucht haben. Zu Beginn der Taten war das Mädchen 11 Jahre alt. Von ihm penibel beschriftete Videos zeigen das unter Drogen gesetzte, hilflose Kind und ihn, wie er es vergewaltigt.

Es ist verstörend, was der Mann aus dem Landkreis Uelzen, nicht zugeben will: Dass er in öffentlichen Schwimmbädern junge Mädchen mit einer Unterwasserkamera filmte, dass er vor ihnen onanierte. Dass er als Fahrer für eine heiltherapeutische Einrichtung ein Kind entkleidet und gefilmt hat. Dass er seine „Modelagentur“ nutzte, um Kinder in die Falle zu locken. Vor der Kamera machten die Mädchen im Beisein ihrer Mütter normale Fotos. Was sie nicht wussten: Eine versteckte Kamera filmte die Mädchen, während sie sich umzogen. In einem Chat mit Heiko V. aus Dresden soll Matthias S. den Missbrauch von Kindern in Tschechien erörtert haben.

Begutachtung durch den Psychiater verweigert

Experten des Bundeskriminalamtes versuchen derzeit, den voll verschlüsselten PC Acer des Angeklagten zu knacken. Sie vermuten auf dem Computer kinderpornografisches Material.

Verstört zeigten sich am Dienstag vor der 2. Großen Jugendkammer des Landgerichts Staatsanwalt und die Rechtsanwaltin der missbrauchten Stieftochter, dass der psychiatrische Gutachter, Dr. Frank Wegener, keine kernpädophile Orientierung bei Matthias S. zu erkennen vermochte. Hauptgrund: Der Angeklagte mauert. Er schweigt zu seinem persönlichen Werdegang, zu seinem Sexualleben, zu den hinter Bilderrahmen und in Lampenschirmen versteckt gewesenen Datenträgern voll mit Kinderpornografie. Und weil er sich einer Begutachtung durch den Psychiater verweigert, kann der nichts zu seiner sexuellen Störung sagen.

Aus der Aktenlage attestierte Dr. Wegener ein „geplantes Vorgehen des Täters mit einer sadistischen Komponente“. Wiederholte Taten zwischen 2006 und 2009 reichten ihm aber nicht aus, um die Dauerhaftigkeit bei Missbrauchstaten festzustellen, die nötig sei, um den Angeklagten als „Hangtäter“ zu klassifizieren, bei dem eine unbefristete Sicherungsverwahrung angezeigt sein könnte.

„Ich bin in diesem Punkt nicht schlauer als der Gutachter“, beteuerte der Staatsanwalt zu Beginn seines Plädoyers. Dennoch verlangte er eine Haftstrafe von zwölf Jahren. Das Geständnis des Angeklagten könne nicht strafmindernd gewertet werden, meinte er, „weil es nur ein Teilgeständnis ist, weil seine vermeintliche Reue angesichts seines Schweigens nicht überprüfbar ist und weil er es immer wieder relativierte.“ So hielt Matthias S. an der Darstellung fest, die Tochter seiner damaligen Partnerin hätte sich selbst berauscht und sei deshalb hilflos gewesen.

„Er erschlich sich ihr Vertrauen mit Geschenken“

„Es war ihm egal, was mit seinem Opfer passiert. Er ist nicht der Typ, der Kinder auf der Straße wegfängt, um sie zu vergewaltigen. Er erschlich sich ihr Vertrauen mit Geschenken.“

Rechtsanwältin Daniela Elger vertrat die Stieftochter, die als Nebenklägerin am Prozess teilnahm. Sie nannte die Videos, die sich die Beteiligten wegen des Leugnens des Angeklagten ansehen mussten, „unerträglich“. Aus ihrer Sicht hat Matthias S. „sein ganzes Leben danach ausgerichtet“, seine Pädophilie zu befriedigen.

Es dürfe nicht sein, dass sich die Opfer noch heute „in Grund und Boden schämen“, aber der Angeklagte ungerührt mauere. Sie hielt eine Sicherungsverwahrung durchaus für möglich.

Am 18. September geht der Prozess mit dem Plädoyer der Verteidigung weiter.

Von Joachim Zießler

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