Samstag , 19. September 2020
Schäferin Verena Jahnke zieht mit ihren Schnucken und Ziegen durch die Ellerndorfer Heide. Foto: phs

Kritisches Echo auf Klageruf

Amelinghausen. Der Förderverein der Deutschen Schafhaltung fordert einen politischen Kurswechsel im Umgang mit dem Wolf. Vorsitzender Wendelin Schmücker erklärte das Wildtier jetzt bei einem Pressegespräch in Amelinghausen wiederholt zum existenzbedrohenden Faktor der Weidetierhaltung. Mit drastischen Worten skizzierte er düstere Prognosen für seine Branche. Es sei davon auszugehen, dass in den kommenden zehn Jahren die Hälfte der Betriebe aufgibt, sagte er. Beschleunigt werde diese Entwicklung maßgeblich durch den Wolf. Um dem etwas entgegenzusetzen, hat der Förderverein der Deutschen Schafhaltung sechs Forderungen an die Politik gestellt. Dafür erntet er harsche Kritik vonseiten der Nabu-Kreisgruppe Lüneburg. Deren Vorsitzender Thomas Mitschke bezeichnet das Papier als „Wünsch-dir-was-Katalog“. Die LZ gibt Einblick in Forderungen und Kritikpunkte beider Seiten.

Sofortige Einführung eines Wolfsmanagements

„Wir müssen den Wolf dem deutschen Jagdrecht unterstellen“, fordert Schmücker, denn Wölfe die bejagt werden, zeigten größere Scheu vor dem Menschen. Dabei seien Jagd- und Schonzeiten, konsequenter Muttertierschutz und am Zuwachs orientierte Abschussquoten zu berücksichtigen. „Übergriffige“ Wölfe, die einmal einen Zaun überwunden haben, müssten zudem konsequent entnommen werden, heißt es in dem Forderungspapier. „Wer will das kontrollieren?“, fragt sich Nabu-Kreisvorsitzender Thomas 29Mitschke. Er verweist im selben Atemzug auf die Rissstatistik aus dem Jahr 2019: „80 Prozent der gerissenen Tiere hatten keinen Grundschutz. Was wir durchsetzen müssen, ist flächendeckender Herdenschutz und die Umsetzung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung, die weder kontrolliert noch sanktioniert wird.“

Entbürokratisierung bei den Ausgleichszahlungen

Für Schmücker steht fest: „Wir müssen dazu kommen, dass wir alle Kosten, die uns der Wolf verursacht, zu 100 Prozent bezahlt bekommen.“ Der Mehraufwand, etwa durch die Herdenschutzhunde-Ausbildung, werde derzeit nicht entschädigt. Aus Schmückers Sicht ein Unding: „Das kann kein Betrieb bezahlen.“ Sein Verein spricht sich gegen rechtsverbindliche Vorgaben für Mindeststandards beim Herdenschutz aus. „Tierhalter sind überall von Haftungsansprüchen zu befreien, sollten Weidetiere infolge eines Wolfsangriffs ausbrechen und Verkehrsunfälle oder andere Schadensereignisse verursachen“, heißt es vom Verein.

„Hier verteidigt man vor allem die eigene Komfortzone, nämlich Weidetiere mit dem geringstmöglichen Aufwand zu halten“, so Mitschke. Er vermisse in der Diskussion innovative Ideen und Projekte, wie zum Beispiel den Einbezug von Teilnehmern des Bundesfreiwilligendienstes und des Freiwilligen Ökologischen Jahres bei der Schafhaltung. Doch auch der Nabu-Vorsitzende findet, die Maßnahmenkosten müssten stärker gefördert werden, „zumal die Ministerien dafür bereitstehende EU-Fördertöpfe noch nicht einmal angegangen noch diese ausgeschöpft haben“. Eine Entbürokratisierung bei Verfahren über Ausgleichszahlungen oder Herdenschutzanträge hingegen sei unrealistisch.

Festlegung von Weidetierschutzzonen

Der Förderverein der Deutschen Schafhaltung lehnt eine flächendeckende Wiederbesiedlung Deutschlands durch den Wolf ab und betrachtet diesen als gebietsfremde, invasive Art. „Deshalb sind, insbesondere in ökologisch wertvollen Gebieten mit einer hohen Dichte an Weidetieren, in denen Präventionsmaßnahmen nicht möglich und zumutbar sind, sogenannte Weidetierschutzzonen festzusetzen“, heißt es im Forderungspapier. Entlang der Deiche müsse es eine Schutzzone von mindestens 70 Kilometern geben, konkretisiert Schmücker. „Und wenn der Wolf in diesen Gebieten auftaucht, muss er entnommen werden.“ Mitschke aber merkt an, dass wolfsfreie Gebiete weder mit der geltenden Rechtslage vereinbar noch in der Realität umsetzbar seien. „Die Jagd auf Einzelwölfe in Schleswig-Holstein und Niedersachsen beweist das eindrucksvoll.“

Ausrufen des günstigen Erhaltungszustandes

Der Förderverein ruft die Politik dazu auf, den Schutzstatus des Wolfes in Europa und insbesondere in Deutschland zu streichen, denn ein günstiger Erhaltungszustand sei bereits erreicht, müsse nur auch so definiert werden, sagt Schmücker. Damit solle die Möglichkeit eröffnet werden, in den Wolfsbestand steuernd einzugreifen. Mitschke bezeichnet das als „eigene subjektive Betrachtungsweise und Wunschdenken“, immerhin obliege die Entscheidung über den günstigen Erhaltungszustand der EU-Kommission und allen beteiligten Ländern.

Hybriden der Landschaft entnehmen

Schmücker und seine Verbandskollegen verlangen eine Untersuchung aller Wolfsrudel von unabhängigen und anerkannten ausländischen Wolfswissenschaftlern, um zu klären, „ob es sich hier tatsächlich um reine Wölfe handelt“. Ihr Argument: Sogenannte Hybriden gefährdeten die Art Wolf. Mitschke zeigt sich überrascht, „dass sich Schäfer um die Tierart Wolf Sorgen machen“. Die Forderung nach Entnahmen von Hybriden kollidiere aber mit der aktuellen Rechtslage. Hybriden seien bis in die vierte Generation den Wölfen im Schutzstatus gleichgesetzt. Mitschke: „Der Hybridisierungsgrad in Deutschland liegt praktisch bei null.“

Zulassung weiterer Referenzlabore

Der Förderverein der Deutschen Schafhaltung fordert die Zulassung von anderen Referenzlaboren. „Die Vergleichs-DNA des Wolfes darf nicht länger Betriebsgeheimnis des von offizieller Seite bezahlten Senckenberg-Institutes sein“, heißt es im Forderungspapier. Eine zweite Probe von Rissen müsse zu Kontrollzwecken und zur Umgehung einer „Monopolstellung“ des Senckenberg-Institutes zulässig sein. In diesem Punkt mangelt es Mitschke an Beweisen. Er habe keinen Zweifel an der seriösen Arbeitsweise des Instituts. „Für eine Prüfung besteht keine Notwendigkeit.“

Von Anna Petersen