Montag , 21. September 2020
Weitere Polizei- und Rettungskräfte wurden nach Bardowick beordert.

Großeinsatz am Bahnhof in Bardowick

Bardowick. So eine Armada von Polizeikräften haben Angelika Priebe und Dieter Bender noch nicht erlebt. Direkt vor ihrer Haustüre. Die beiden Bardowicker sowie ihre Nachbarin Eyleen Beck waren gestern Zeugen des wohl größten Polizeieinsatzes in Bardowick. Gut 200 Beamte von Bundespolizei sowie der Polizeiinspektionen Lüneburg und Harburg sperrten den Bereich des Bahnhofes. Alarmiert worden waren die Beamten, weil im Regionalexpress von Lüneburg nach Winsen bei der Ticket-Kontrolle die Zugschaffnerin von Teilnehmern der kurdischen Jugendbewegung angefeindet und auch körperlich angegangen worden sein soll. Auch, weil wohl nicht alle im Besitz eines Fahrausweises waren. Die Situation eskalierte, es gab Schlägereien. Der Zug, der wenige Minuten zuvor in Lüneburg gestartet war stoppte daraufhin in Bardowick und die Polizei rückte mit einem Großaufgebot an Fahrzeugen und Beamten an. Der Vögelser Weg war daraufhin über Stunden für den Durchfahrtverkehr gesperrt.

„Eigentlich wollte ich heute Baumaterialien holen“, berichtet Dieter Bender. Aufgrund des Polizeieinsatzes musste er umdisponieren – beobachten statt betonieren. Er nahm’s gelassen: „Endlich mal was los“, stellten er und seine Nachbarn schmunzelnd fest.

Offenbar gute Laune zeigten auch die Demonstranten, die zuvor noch das Zugpersonal bedroht haben sollen: Jedes eintreffende Polizeifahrzeug wird klatschend begrüßt, es erklingen kurdische Gesänge und Parolen. Es hat fast schon Happening-Charakter unter Aufsicht der Polizei, die die festgesetzten Männer und Frauen zudem mit Mineralwasser versorgt.

Die Polizei verhält sich bei der Feststellung der Personalien auffallend zurück. Warum, wird deutlich, als ein Bundespolizist die Lage über Funk seinem Vorgesetzten schildert: „Das Ganze ist auch ein Politikum“, hört man in sagen. Bloß nichts falsch machen. Bloß keine Bilder von prügelnden Polizisten liefern. Schließlich wird die Szenerie minutiös gefilmt und fotografiert – offenbar von kurdischen Journalisten. Ein Bundespolizist lässt sich davon nicht einschüchtern: „Wir arbeiten die Lage sorgfältig und rechtsstaatlich ab“, ruft er einen Reporter zu.

Und Olaf Meyer, Antifa-Sprecher und Mitorganisator des kurdischen Camps in Lüneburg, ist inzwischen ebenfalls am Bahnhof eingetroffen, ebenso Torben Peters, stellvertretender Landes- und Kreisvorsitzender der Partei „Die Linke“. Für ihn ist schnell klar: Die Aktion sei von der Polizei gesteuert, um zu verhindern, dass die Kurden am „Marsch der Freiheit“ für Addullah Öcalan teilnehmen können. Entsprechen Veranstaltungen fanden auch in Winsen und Hamburg statt. Beweise für seine These hat Peters nicht, er bleibt trotzdem dabei: „Alles sehr merkwürdig.“

Derweil stellen die Beamten die Personalien von rund 50 Personen fest, die im Zug auffällig geworden waren. Gegen sie werden unter anderem Strafverfahren wegen „Erschleichung von Leistungen“, Widerstand gegen Polizeibeamte und Körperverletzung eingeleitet werden. Auch eine Zugbegleiterin will laut Polizeisprecher Kai Richter Strafanzeige gegen die renitenten Fahrgäste stellen – wegen Beleidigung und Körperverletzung. Bei knapp einem Dutzend der kontrollierten Männer und Frauen stellten die Beamten zudem fest, dass sie gegen das Ausländerrecht verstoßen haben, sich illegal in Deutschland aufhielten. Der Einsatz der Polizei dauerte noch bis in den frühen Abend an.

Von Klaus Reschke