Dienstag , 29. September 2020
Philipp M. (25) ist wegen versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Foto: Michael Behns

Mord als Weg zurück in die Klinik

Lüneburg/Lüchow. Der „Gedanke, jemanden umzubringen oder etwas anzustecken“, spukte schon seit Jahren im Kopf von Philipp M. herum. Das räumte der 25-Jährige gegenüber dem Psychiater Dr. Reiner Friedrich ein. Am 15. April um 14 Uhr wurden aus Hirngespinsten Taten. Phi­lipp M. zündete die Obdachlosenunterkunft im Lüchower Stadtteil Bösel an, in der sich zu diesem Zeitpunkt vier Menschen befanden. Zudem stach er zwei Mal mit einem Küchenmesser auf seinen Mitbewohner Christoph S. (30) ein. Das Landgericht Lüneburg verurteilte ihn dafür am Mittwoch unter anderem wegen dreifachen versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung zu lebenslanger Haft.

Die 4. Große Kammer ging damit über die Anträge von Verteidigung und Staatsanwaltschaft hinaus, die zehn beziehungsweise elf Jahre Haft gefordert hatten. Sowohl Staatsanwalt Konstantin Paus als auch Rechtsanwalt Nils Anders berücksichtigten bei ihren Plädoyers eine „kombinierte Persönlichkeitsstörung“ als strafmindernd, die der Sachverständige Friedrich zuvor festgestellt hatte. Die fünf Richter konnten dagegen auf der Anklagebank keinen psychisch Kranken erkennen. Sondern vielmehr jemanden, der „schlicht und ergreifend kriminell ist“ und seinen Mordplan „auf perfide Weise umgesetzt hat“, wie der Vorsitzende Richter Franz Kompisch in der Urteilsbegründung sagte.

In der Verhandlung schloss Philipp M. meist die Augen, legte den Kopf auf den Tisch. Gegenüber der Polizei, die ihn am Tatort aufgriff, dem Dannenberger Haftrichter und dem Psychiater war er nicht so schweigsam. Geboren in Salzwedel, aufgewachsen im Wendland und in Uelzen, ging er ab der 4. Klasse auf die Sonderschule, verließ diese nach der 9. Weder machte er eine Ausbildung, noch arbeitete er. Stattdessen war er seit seinem 12. Lebensjahr immer wieder Insasse psychiatrischer Anstalten. Die Ärzte stellten unterschiedliche Diagnosen: ADHS, verminderte Intelligenz und eine bipolare Störung. Er selbst attestierte sich einen mannigfachen Drogenmissbrauch.

Nervender Nachbar nur ein vorgeschobenes Motiv

Nichts davon glaubte ihm die Kammer. Der toxikologische Befund wies den 25-Jährigen als Gelegenheitskiffer aus. Friedrich fand in den Akten der psychiatrischen Kliniken den Vermerk, dass Philipp M. „die Diagnosen und die Symptome anderer Patienten übernahm“.

Hier verortete Kompisch das Motiv des Täters: „Er instrumentalisierte auffälliges Verhalten, um sich von Heim zu Heim zu hangeln, wo er rundum versorgt wurde.“ Deshalb sei sich offenbar auch kein Arzt einer Diagnose sicher gewesen. Friedrich attestierte dem Angeklagten in der Verhandlung eine normale Intelligenz. Kurze Zeit vor der Lüchower Brandstiftung war der 25-Jährige aus einer Einrichtung im schleswig-holsteinischen Glückstadt geflogen, nachdem er einen Mitbewohner attackiert hatte. „Im Obdachlosenheim gefiel es ihm nicht. Dort wurde nicht für ihn gekocht, dort war Eigeninitiative gefordert“, sagte Kompisch.

Das vom Täter behauptete Motiv, das Lärmen und die angebrannten Pizzas seines Opfers hätten ihn genervt, seien lediglich „vorgeschobene Gründe“. Vielmehr habe Philipp M. „völlig empathielos“ zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollen: Den ihn nervenden Mitbewohner umbringen und das Heim abfackeln, um wieder in eine psychiatrische Klinik eingewiesen zu werden. Dass mindestens zwei weitere der vier anwesenden Bewohner gefährdet waren, sei ihm egal gewesen. Er zündete eine Matratze unter Schwierigkeiten mit einem Feuerzeug an, stach mit einem Messer auf Christoph S. ein. Ein Nachbar des Heims, Carsten H., entwaffnete ihn schließlich, trennte ihn zweimal von seinem Opfer. Zwischendurch rettete er einen verzweifelten Bewohner des Obdachlosenheims aus dem verqualmten Obergeschoss. Es war diesem heldenhaften Einsatz von Carsten H. zu verdanken, dass der Plan von Philipp M. „scheiterte – wie so vieles in seinem Leben“.

Selbst in den Geständnissen des Täters vermochte Kompisch „kein reuevolles Bedauern der Tat“ zu entdecken, sondern „nur Selbstmitleid und das Abwälzen der Verantwortung auf andere“. Ein Verhalten, das ihn am Ende der Verhandlung entgegen seiner Gewohnheit dazu bewog, auf persönliche Worte zum Verurteilten zu verzichten. „Das macht mich sprachlos.“

Von Joachim Zießler