Sonntag , 25. Oktober 2020
Bei der Vertraulichen Geburt bekommen junge Mütter ärztliche Unterstützung sowie eine Folgebetreuung. Foto: AdobeStock

„Babyklappen sind kein Garant für weniger tote Kinder“

Lüneburg. Sollte in Lüneburg eine Babyklappe etabliert werden? Stefan Brumder spricht sich klar dagegen aus. Der 61-jährige studierte Sozialpädagoge arbeitete früher ehrenamtlich in Lüneburg im Stadtjugendring als stellvertretender Vorsitzender und war darüber bis 2006 im Jugendhilfeausschuss tätig. Er selbst ist als Baby adoptiert worden. Eine Babyklappe hält er für keine ideale Lösung – weder für die Kinder noch für die Mütter.

Stefan Brumder möchte das Hilfsangebot „Vertrauliche Geburt“ bekannter machen. Foto: Michael Behns

Herr Brumder, wenn eine Frau in einer Ausnahmesituation steckt, wäre eine Babyklappe da nicht die beste Option, anonym ein Kind abzugeben, bevor Schlimmeres passiert?

Das Problem ist, die meisten Menschen haben in solchen Fällen sofort die Babyklappe im Kopf, dabei gibt es eine bessere Möglichkeit: die Vertrauliche Geburt. Die greift über ein bundesweites Hilfetelefon, im besten Fall schon während der Schwangerschaft. Hier bekommen die Frauen alle Unterstützung, die notwendig ist. Hingegen haben die Frauen bei der Babyklappe keine ärztliche Unterstützung und auch keine Folgebetreuung. Die Frauen bekommen im Zweifel ihr Kind unter fürchterlichen Umständen und sind außerhalb jedweder Hilfenetze. Und ganz alleine zu gebären, kann auch immer große gesundheitliche Risiken bergen, von einer Nabelschnur, die sich um den Hals des Kindes legt, bis zu einer Entzündung im Unterleib der Mutter.

Die Babyklappe ist ja nun ein sehr niedrigschwelliges Angebot an Menschen in Ausnahmesituationen. Ist die Hürde, sich selbst Hilfe übers Telefon zu organisieren, für einige nicht noch zu groß?

Bei der Vertraulichen Geburt können auch Eingeweihte, sprich Freunde der werdenden Mutter anrufen und sich beraten lassen. Wir müssen dahin kommen, dass vor dem Gedanken an die Babyklappe bereits der Gedanke an die Vertrauliche Geburt aufkommt und viel mehr Menschen davon erfahren. Die Vertrauliche Geburt funktioniert streng anonym. Frauen, die sich beim Hilfetelefon melden, bekommen als Anlaufstelle eine Schwangerenberatungs- oder Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle in ihrer Nähe genannt. Dort können sie sich unter einem Pseudonym registrieren lassen. Nur einmal werden ihre richtigen Daten dort erfasst und beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hinterlegt, ansonsten taucht der Name der Mutter weder bei einer Behandlung im Krankenhaus noch in der Geburtsurkunde des Kindes auf – nur das gewählte Pseudonym. Das gilt auch für minderjährige Mütter. Wichtig dabei: es entstehen für die Frauen keinerlei Kosten.

Bekommen die Frauen auch Unterstützung, wenn sie sich für eine Abtreibung entscheiden?

Ja, den Frauen werden alle Optionen aufgezeigt. Entscheiden sie sich für eine Geburt, werden sie ärztlich oder durch eine Hebamme ihrer Wahl betreut. Und auch die emotionale Last müssen sie nicht alleine tragen. Die Frage, was wird denn aus meinem Kind, wenn ich es zur Adoption frei gebe, kann dort beantwortet werden. In solchen Krisensituationen kann sich kaum jemand selbst genügend Hilfe organisieren. Und Partner stehen oft nicht zur Verfügung, denn, das muss man sagen, sonst wäre die Notsituation meist ja gar nicht entstanden. Oder aber die Familie darf nichts von der Schwangerschaft wissen, die Hintergründe sind da vielfältig.

Könnte nicht die Sorge, irgendwann meldet sich mein Kind bei mir, Frauen abschrecken, die Vertrauliche Geburt zu nutzen? Weil sie sich eventuell vor diesem Moment fürchten oder sich schämen?

Ein adoptiertes Kind kann mit 16 Jahren erfragen, wer seine leiblichen Eltern sind. Das wird der Mutter ein Jahr vorher, 15 Jahre nach der Geburt des Kindes, noch einmal schriftlich mitgeteilt. Bei manchen Müttern hat sich die Lebenssituation dann bereits so sehr geändert, dass sie dem zustimmen wollen. Andere Mütter können aber auch erneut sagen, dass sie das nicht wollen und die Offenlegung gegenüber dem Kind verhindern.

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, um die Vertrauliche Geburt mehr publik zu machen. Ist das Aufgabe der Politik?

Schon. Ich denke etwa an Aufklärung im Schulunterricht, wo Verhütungsmittel vorgestellt und auf die Möglichkeit der Vertraulichen Geburt hingewiesen werden kann. Oder an die Kampagne, die die Bundesregierung zur AIDS-Aufklärung angestoßen hat. Da gab es Plakate in Bussen, an Litfaßsäulen, im Internet – so etwas müsste es auch für die Vertrauliche Geburt geben.

Und dann ließen sich mehr Taten wie die der Kindstötung in Bardowick verhindern?

Dafür gibt es keine Garantie. Aber auch existierende Babyklappen sind kein Garant für weniger tote Kinder, und mit der Vertraulichen Geburt haben manche Kinder immerhin nach Jahren noch die Chance, ihre Identität zu klären. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einem das sonst den Boden unter den Füßen wegziehen kann. Und natürlich spricht die medizinische Betreuung der Frauen ebenfalls für die Vertrauliche Geburt.

Von Laura Treffenfeld

Hintergrund

Bereits 760 „Vertrauliche Geburten“

Das Angebot der Vertraulichen Geburt gibt es seit dem 1. Mai 2015 in Deutschland. Es ist bundesweit über alle anerkannten Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatungsstellen organisiert und an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben angegliedert. Seit der Einführung des Hilfsangebotes sind laut Bundesamt 760 Kinder vertraulich geboren worden. Informationsbroschüren sind in mehrere Sprachen übersetzt – am Telefon kann mittels Dolmetscher in 18 Sprachen beraten werden – das Telefon ist rund um die Uhr besetzt.

Die Nummer des Hilfetelefons zur Vertraulichen Geburt lautet: (0800) 4040020, die Website ist unter www.geburt-vertraulich.de zu finden. Hier kann auch über eine Suchmaschine die nächste Beratungsstelle vor Ort gefunden werden. In Lüneburg sind das die Caritas in der Johannisstraße 36, pro familia in der Glockenstraße 1, der Verein donum vitae in der Schlägertwiete 19 sowie MaDonna, Am Weißen Turm 9.