Montag , 21. September 2020

„Absoluter Vorrang für das Trinkwasser“

Lüneburg. Die Bandbreite reichte von sachlich-nüchtern bis politisch-emotional. 25 Bürger nahmen das Angebot des Coca-Cola-Konzerns an, kamenam Mittwochabend zur Bürgersprechstunde direkt an der Brunnenbaustelle im Brockwinkler Weg. Betriebsleiter Thorsten Kiehn, Projektleiter Dieter Reckerman und der Geologe Frank Bärle stellten sich den Fragen der Bürger. Und davon gab es reichlich.

Ist mit Absackungen zu rechnen? Könnten Häuser unter anderem in Vögelsen geschädigt werden? Ist die Wasserversorgung insgesamt in Gefahr? Warum benötigt Coca-Cola noch einen Brunnen? Geduldig und sehr sachlich beantwortete das Trio viele der Fragen. Geologe Bärle versicherte, dass nicht mit oberirdischen Schäden zu rechnen ist: „Bei den Häusern passiert garantiert nichts.“ Und er räumte mit der Vorstellung auf, dass das Wasser, das der Konzern künftig hier fördern möchte, aus einer Art Blase stammt, die irgendwann leergepumpt ist. „Der gesamte Grundwasserkörper ist in Bewegung. Auch das extrem reine Wasser, das mehrere Hundert Jahre alt ist, fließt langsam Richtung Elbe. Und wird stetig erneuert.“ Die große Frage ist aber, wie schnell und wie viel Grundwasser sich im Grundwasserkörper „Ilmenau Lockergestein links“ neu bildet.

„Ich kann mir keine Fehler leisten“

Einige Bürger haben Zweifel an der Aktualität der von Coca-Cola auf Postern am Bauzaun präsentierten Zahlen. „Aktuelle Zahlen sind niedriger als hier behauptet. Nicht 274 Millionen Kubikmeter, sondern nur 230 Millionen Kubikmeter sind es“, sagte Marianne Temmesfeld von der Bürgerinitiative „Unser Wasser“. Sie und andere Teilnehmer betonten, dass sich die Grundwasserneubildung durch die vielen trockenen Jahren in den vergangenen beiden Dekaden reduziert hat. Bärle versicherte hingegen, dass laufend alle Zahlen aktualisiert werden. Der Gutachter wehrte sich zugleich gegen den Vorwurf der Parteilichkeit, weil seine Gutachten von Coca-Cola bezahlt wurden. „Alle Zahlen werden von Experten des Landesamtes, dem NLWKN, genau überprüft. Ich kann mir keine Fehler leisten.“

Thorsten Kiehn und Dieter Reckermann versicherten, dass die Trinkwasserversorgung „natürlich absoluten Vorrang“ hat. Wieso muss ein dritter Brunnen sein? Reichen die beiden nicht aus? Und warum ausgerechnet hier? Der Standort wurde auch gewählt, weil es mächtige schützende Deck- und Tonschichten von insgesamt rund 80 Metern Dicke gibt. Und weil es in der Nähe einen alten Brunnen für das damalige Landeskrankenhaus gegeben hat. Das sorge für eine gute Daten-Ausgangslage.

Es ging um Gewinnspannen

Klar ist: Coca-Cola will mit dem dritten Brunnen sicher aufgestellt sein, die Vio-Linie gegebenenfalls ausbauen können. „Wir haben aber nie behauptet, dass wir bald doppelt so viel Wasser fördern wollen“, sagte Kiehn. Derzeit sind es 350.000 Kubikmeter pro Jahr für die vorhandenen Brunnen. Wie viel Wasser bei Coca-Cola in Lüneburg maximal verarbeitet werden könne, will ein Teilnehmer wissen. Kiehn: „Maximal wären es rund 500.000 Kubikmeter“.

Nach rund einer Stunde wurde die Diskussion sehr politisch. Es ging um Gewinnspannen. Um Verantwortung für nachfolgende Generationen. Und vor allem um die eine Frage: Darf das Allgemeingut Wasser überhaupt so kommerzialisiert werden? Viele Teilnehmer lehnten genau das strikt ab. Auch wenn es in diesem Punkt unversöhnlich sein musste, zog das Trio nach zwei Stunden eine positive Bilanz. „Das war vor allem konstruktiv“, sagte Frank Bärle. Thorsten Kiehn versprach, „dass wir auch in den kommenden Jahren stets transparent und nachvollziehbar sind“.

Die Bürgersprechstunde hat gezeigt, dass es noch offene Fragen und Unklarheiten gibt. Die LZ wird das Thema Wasser in den kommenden Wochen vertiefen – und den im Oktober geplanten Pumpversuch genau verfolgen.

Von Werner Kolbe

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