Sonntag , 25. Oktober 2020
Eine Informationsveranstaltung über die Einzäunung einer Teilfläche an der einstigen Sandkuhle in Breetze stieß auf reges Interesse. (Foto: t&w)

Der Redebedarf ist groß in Breetze

Breetze. Den enormen Redebedarf hatten die Verantwortlichen bei der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Lüneburg und dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) verkannt. Dass sie mit dem 1,30 Meter hohen Zaun, den sie auf einer fünf Hektar großen Teilfläche an der ehemaligen Sandkuhle in Breetze im März in die Landschaft bauen ließen, auf so viel Widerspruch stoßen würden, war ihnen bei der Vorbereitung des durch die EU geförderten Artenschutz-Projektes „Atlantische Sandlandschaften“ nicht klar.

Das räumten Stefan Bartscht, Fachdienstleiter Umwelt beim Landkreis, und NLWKN-Projektleiter Tom Kutter aus Hannover bei einer öffentlichen Diskussion mit Bürgern jetzt vor Ort am Zaun ein. Sie versprachen, den in Breetze bislang verpassten, aber jetzt begonnenen Dialog fortzusetzen. „Wir wollen Vertrauen zurückgewinnen.“

Bürger sollen stärker einbezogen werden

Künftig soll das Wissen über lokale Gegebenheiten und die Sachkunde der Menschen vor Ort bei Entscheidungen zu dem Projekt mit einfließen. Überdies wurden unter anderem Exkursionen durch das schützenswerte Areal, Info-Tafeln und Fachvorträge als begleitende Maßnahmen vorgeschlagen.

Rund 30 Interessierte, darunter Anwohner, Naturschützer, Jäger und Wolfsberater, nutzten die Möglichkeit, ihre Sicht auf das Projekt darzulegen. Es hagelte Kritik, doch auch Verbesserungsvorschläge machten die Teilnehmer.

Beweidung mit Schafen nötig

„Der Zaun muss weg“, war eine Forderung, für die es reichlich Applaus gab. Zumal zwei Rehkitze, drei Mutterschafe und ein Lamm auf der eingefriedeten Fläche schon starben: die jungen Rehe, weil sie den Weg nicht herausfanden und zumindest eines von beiden verhungerte. Das hat die Untersuchung durch das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit ergeben. Die Schafe wurden wahrscheinlich Opfer einer Wolfsattacke. Dem Wolf gelang es, in das Gatter einzudringen.

Dass die Naturschutzbehörden überhaupt einen Zaun um die fünf Hektar große Teilfläche der ehemaligen Bodenabbaugrube gezogen hatten, begründeten Bartscht und Kutter damit, dass die Beweidung mit Schafen in diesem Bereich nötig sei, um den Lebensraum für seltene und vom Aussterben bedrohte Arten zu erhalten. Wie etwa für Kreuzkröte und Zauneidechse. Der Zaun soll die Schafe vor Wölfen schützen.

„Es darf keine Denkverbote geben. Ein Abbau muss auch möglich sein.“
Teilnehmer der Infoveranstaltung

Die Beweidung verhindere, dass nach ein paar Jahren Kiefernwald den sandigen Boden und Magerrasen überwuchert und damit das Habitat für die gefährdeten Arten zerstört, erklärte Bartscht. „Hier ist einer der letzten Lebensräume weit und breit für die Kreuzkröte“, verdeutlichte der Biologe Jann Wübbenhorst aus Bleckede.

Wolfsberaterin Ulrike Kressel hätte sich gewünscht, dass die fachliche Beratung für den Zaunbau von ihr und ihren Kollegen aus dem Landkreis Lüneburg eingeholt worden wäre, um Baufehler von vornherein zu verhindern. Ein Wolfsberater aus Hannover vom NLWKN hatte diese Aufgabe übernommen.

Kressel räumte ein, dass es weitaus schlechtere Zäune zum Schutz vor Wölfen gebe als den in Breetze. Dennoch: „Ein Zaun muss immer individuell an die jeweilige Situation und Umgebung angepasst werden, um den bestmöglichen Schutz zu erreichen.“ Das sei nicht geschehen. Denn einen allgemeingültigen Entwurf für einen sicheren Zaun gebe es nicht.

Zudem sei sie überzeugt, dass sich mit der fachlichen Kompetenz von vor Ort auch wolfsabweisende Zäune bauen ließen, die gleichzeitig wilddurchlässig seien, betonte die Wolfsberaterin.

Absage an Einsatz mobiler Zäune

Im Verlauf der Diskussion wurde deutlich, dass eine zeitlich begrenzte Beweidung mit Schafen auf mehr Akzeptanz stoßen würde. Denn so könnte auf die stationäre Einfriedung, in der viele eine Gefahr für Wildtiere sehen, verzichtet und stattdessen mit mobilen Zäunen gearbeitet werden.

Eine Idee, die aber nach Gesprächen mit mehreren Schäfern verworfen worden sei, berichtete Kristina Weist vom Fachdienst Umwelt. Der Einsatz mobiler Zäune sei durch die natürlichen Gegebenheiten auf der Fläche nicht machbar, meinte Schäferin Andrea Funke, deren Tiere auf der Fläche grasen.

Stefan Bartscht und Tom Kutter kündigten an, dass als eine erste Maßnahme am Zaun nachgebessert werde, indem dieser an weiteren Stellen geöffnet wird für den Wildwechsel. „Aber wir werden den Zaun nicht komplett abbauen“, sagte er. Das stieß auf Widerspruch: „Es darf keine Denkverbote geben. Ein Abbau muss auch möglich sein.“

Von Stefan Bohlmann