Susanne Pöss (l.) und Anke Frommann kümmern sich um die Belange der Sportvereine in der Corona-Krise. (Foto: t&w)

Frische Ideen sind mehr denn je gefragt

Lüneburg. Die Corona-Pandemie ist eine große Herausforderung – für alle. In einer Interviewreihe kommen verschiedene Gruppen zu Wort. Unter den Einschränkungen litt auch der hiesige Sport, der von Mitte März bis in den Mai hinein praktisch komplett ruhte. Das trifft nicht nur die Spitzenteams wie SVG, LSK oder AEC, sondern auch die Basis. Susanne Pöss, Geschäftsführerin des Kreissportbunds Lüneburg (KSB), und Sportreferentin Anke Frommann erfahren praktisch täglich, wo in den Vereinen mit ihren fast 45000 Mitgliedern der Schuh drückt. LZ-Redakteur Andreas Safft hat mit den KSB-Mitarbeiterinnen über aktuelle Probleme und Perspektiven gesprochen.

Wie geht es den Vereinen gut ein halbes Jahr, nachdem Corona praktisch den gesamten Sportbetrieb lahmgelegt hat?

Anke Frommann: Es herrscht eine große Unsicherheit.

Susanne Pöss: Viele Vereine leben ansonsten von Veranstaltungen. Diese Einnahmen fehlen jetzt und werden auch durch kein Förderprogramm ersetzt.

Frommann: Das sorgt für finanzielle Probleme, schlägt aber auch negativ aufs Vereinsleben durch. Lange konnten sich die Mitglieder nicht auf ein Bierchen beim Vereinswirt treffen. Da brechen wichtige Kontakte weg.

Die Umsetzung der diversen Corona-Verordnungen war sicher auch nicht so leicht für viele Clubs.

Frommann: Wir sehen, dass unsere Vereine das Thema sehr ernst nehmen und alle Verordnungen gewissenhaft umsetzen. Sie tun wirklich alles, um dieses Virus einzudämmen.

Pöss: Flächendeckend haben alle innerhalb von wenigen Tagen ihren Betrieb eingestellt, weil die Sicherheit vorging. Seitdem stecken die Vereine viel Arbeit in dieses Thema rein. Jeder muss für sich Lösungen finden, da es nur wenige Vorgaben vom Land gibt. Auch aus den unterschiedlichen Sportverbänden kommen oft nur Empfehlungen. Jeder muss die Regeln bei sich zu Hause anders umsetzen.

Allmählich sorgen sich die ersten Vereine schon darum, dass ihnen die Leute massiv weglaufen. Wird es den großen Schock geben, wenn der Kreissportbund Anfang 2021 wieder seine Mitgliedererhebung durchführt?

Pöss: Noch haben wir keine konkreten Zahlen vorliegen, aber wir führen viele Gespräche. Gerade zu Beginn der Pandemie stand das Telefon nicht still. Die Vorgaben von oben waren sehr kurz, da ließ sich viel hineininterpretieren.

Frommann: Wir alle blicken bange auf den Herbst und Winter, wenn es richtig eng werden könnte in den Hallen. Da ist es denkbar, dass einige keine Lust mehr auf den Verein haben.

Pöss: Bisher hörten wir von vielen Seiten, dass die allermeisten Mitglieder ihrem Verein treu geblieben sind. Aber die Krise kann sich natürlich noch zuspitzen und sich noch stärker bemerkbar machen, die Zahlen sind auch vor Corona schon gesunken. 2021 wird schwierig für alle.

Frommann: Wenn du deinen Status quo halten kannst, dann darfst du dich schon glücklich schätzen. Und wir dürfen nicht die Übungsleiterinnen und Übungsleiter vergessen. Einigen sind da Einnahmen weggebrochen, die fest für den Familien­etat eingeplant war. Einige Vereine haben sie weiter bezahlt, obwohl ihre Stunden ausfallen mussten, andere nicht.

Corona beschleunigt vielleicht nur eine Entwicklung, die es ohnehin schon gab. Aber wohin sollten sich die Vereine entwickeln?

Pöss: Sie sollten sich von der einen oder anderen Tradition lösen, vorausschauend denken und den Mitgliedern auch mal etwas anderes bieten. Beim TuS Reppenstedt hat man zum Beispiel aus der Not eine Tugend gemacht und Gesundheitssport-Stunden aus der Halle ins Freie verlegt. Die Teilnehmerinnen fanden das so gut und wollten jetzt am liebsten immer draußen Sport treiben. Kooperationen mit anderen Vereinen können auch gewinnbringend sein. Alle sollten sich jedenfalls fragen, wie sie ihr Angebot noch attraktiver gestalten können.

Frommann: Wir beide sind für eine Vereinsberatung ausgebildet. Dazu gehört immer erst einmal eine Angebotsprüfung, ehe man neue Angebote vorschlagen und erarbeiten kann. Einige schaffen das mit eigenen Mitteln, anderen bieten wir gern unsere Moderation an.

Welche Rolle spielen Online-Formate?

Pöss: Wer auf diesen Zug aufgesprungen ist, hatte bessere Chancen, wahrgenommen zu werden, auch außerhalb der Gruppen im eigenen Verein. So hat der TSV Gellersen seine Trainingsvideos für alle öffentlich gemacht. Viele andere Vereine haben sich in kurzer Zeit etwas ausgedacht.

Frommann: Wir selbst haben gemerkt, dass nach unserem ersten Corona-Webmeeting im Mai ein Knoten aufgegangen ist. Wir richteten später eins speziell zum Thema Kinderturnen aus, da hatten sich anfangs die wenigsten drangetraut. Oder eins mit den Big Five der hiesigen Sportvereine. Das lief immer konstruktiv ab, wurde nie eine reine Meckerveranstaltung. Die neuen Medien sind auch wie ein Turbo in die Fortbildung geschossen. Eine Übungsleiter-Ausbildung hatten wir als Präsenzveranstaltung begonnen und im Frühling online weitergeführt. Zur Prüfung konnten wir wieder alle treffen. Hier war die Digitalisierung schon angedacht...

Pöss: Aber nicht in diesem Tempo.