Samstag , 26. September 2020
Vonmählen
Ein Bild aus helleren Tagen: Vonmählen-Geschäftsführer Julian Thormählen im Showroom seines Start-ups. (Foto: t&w)

Start-up in Turbulenzen

Lüneburg. Eigentlich sind die Wolken, die über dem Lüneburger Start-up Vonmählen hängen, schon dunkel genug. Die Firma ist zahlungsunfähig, hat im August beim Amtsgericht einen Insolvenzantrag in Eigenverwaltung gestellt. Das Unternehmen, das eigentlich Tech-Lifestyle-Accessoires verkauft, war in der Corona-Krise in die Maskenproduktion eingestiegen. Ein Großauftraggeber nahm die in China gefertigten Masken als „mangelhaft“ nicht ab, nun klafft ein Loch in der Kasse. Nun lassen es aktive und ehemalige Mitarbeiter des Unternehmens aus den dunklen Wolken regnen. Sie zeichnen das Bild eines Unternehmens, das schon länger unter Produktionsmängeln in China leidet, das ohne Rücksicht auf soziale Härten entlässt und in dem sich die Mitarbeiter „wie Leibeigene der Geschäftsführung“ fühlen.

Fünf–Sterne-Bewertung mit Geschmäckle

Auf seiner Website lobt sich Vonmählen selbst: „Wir leben eine offene und transparente Unternehmenskultur.“ Dazu passt schlecht, dass die Zeitschrift „Computerbild“ Ende 2019 die Lüneburger Firma dafür geißelte, dass sie ihre Fünf-Sterne-Bewertungen bei Amazon für Bluetooth-Kopfhörer selbst gekauft haben soll. Die Zeitschrift verweist auf Agenturen, die Herstellern Produktbewertungen gegen Cash bieten.

Der vorläufige Sachwalter des Unternehmens im Insolvenzverfahren, Prof. Klaus Pannen, hatte sich vor einer Woche optimistisch über die Zukunft Vonmählens geäußert: „Das Unternehmen ist gesund, hat gute Produkte, die vom Markt sehr gut angenommen werden.“

Zwei Frauen und zwei Männer, die in der Lüneburger Firma gearbeitet haben bzw. arbeiten, haben dagegen mehr Sorgen. Zum einen um die Firma. Es habe schon öfter Probleme mit der Qualität der aus China gelieferten Produkte gegeben. So ging der Gummiring des „Backflips“, eines Smartphonehalters, in der ersten Version schon nach ein paar Monaten kaputt. Aber sie sorgen sich auch um sich, weswegen sie ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen. 2017 kürte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte den Newcomer zum „Rising Star“ unter den deutschen Technologieunternehmen. 2019 reichte es zum vierten Platz unter den schnellstwachsenden Unternehmen. Um letzteren Preis ergattern zu können, habe es zuvor Einstellungen gegeben, sagen drei Mitarbeiter. Kaum waren die Jubelfanfaren verklungen, habe es Entlassungen gegeben.

Für Ende 2018, also lange vor den Corona-Turbulenzen, weist das Internetportal Northdata.de für Vonmählen eine tiefrote Bilanz aus. Ein Minus von mehr als einer Million Euro wurde verzeichnet. Allein die Verbindlichkeiten wurden mit 2,7 Millionen beziffert.

An der Motivation der Mitarbeiter läge das nicht. „Alle machen Überstunden“, sagt ein Vonmählen-Mann. „Das Problem ist aber: Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Und man wird schief angeguckt, wenn man mal nicht am Sonnabend arbeiten will.“ Auf der Firmen-Website könnte diese Textzeile auf diese Unternehmenskultur hindeuten: Wir ermöglichen, „dass du dich voll und ganz einbringen darfst“. Zum Leitbild der Firma gehöre auch, dass man „offen und ehrlich“ miteinander kommunziere. Mitarbeiter, die ihre Kündigung im Briefkasten fanden, während sie krankgeschrieben oder in Kurzarbeit waren, versehen dies wohl mit einem Fragezeichen.

„Propaganda“ in Meetings

Zwar gebe es immer wieder „Qualitymeetings“, auf denen Firmen-internes besprochen werde, aber das seien „reine Propagandaveranstaltungen“, sagt das Quartett unisono. Negatives, wie etwa geplatzte Aufträge, sei tabu gewesen. Kritik sei persönlich genommen worden. Entlassenen Mitarbeitern sei dann schon mal nachgesagt worden: „Wir sind die Besten der Besten. Wenn sie nicht mehr gut genug für Vonmählen sind, müssen sie auf die Auswechselbank, vielmehr das Team wechseln.“

Schon im November, also noch vor dem Insolvenzantrag, sei eine Entlassungswelle durch das Unternehmen gefegt. „Aus betrieblichen Gründen“, habe es geheißen. Auf die Frage, ob eine Sozialauswahl vorgenommen wurde, antworten zwei der Vier: „Jetzt sind alle Mütter raus.“

Wie in der Gesundheitsbranche verlautet, soll der Auftraggeber, der die über die Plattform „Younity“ vertriebenen FFP II-Masken wegen Mängeln nicht abnehmen will, das Bundesgesundheitsministerium sein. Auf Nachfrage antwortete das Ministerium: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir aus Gründen der Vertraulichkeit zum Sachstand mit Lieferanten keine Stellung nehmen können. Sollten Sie weitergehende Fragen haben so wenden Sie sich bitte direkt an die jeweilige Firma.“

Das erwies sich als nicht so einfach. Auf den Anruf am Morgen sicherte ein Mitarbeiter zu, die Gesprächsbitte an den Geschäftsführer Julian Thormählen weiterzuleiten. Stunden später rief dessen Assistent, Jonas Lübbers, zurück und notierte sich die Reporterfragen. Auf die zugesicherten Antworten wartete der Autor dann aber bis Redaktionsschluss vergeblich.

Von Joachim Zießler

Dazu passt: Fünf Millionen Masken