Montag , 26. Oktober 2020
Solja Kaltenbach
Gärtnerin Solja Kaltenbach zeigt eine Auswahl ihrer Bohnensorten. (Foto: phs)

Die Herrin der Bohnen

Steddorf. Solja Kaltenbach öffnet die Tür zu einem Raum, wie er einfacher nicht ausgestattet sein könnte: mit einem schlichten Metallregal. Sonst nichts. Trotzdem sind diese drei Quadratmeter ihre Schatzkammer. Denn auf den Regalböden stehen Schraubgläser, viele Dutzend neben- und übereinander gestapelt. Sie sind gefüllt mit Bohnen, braunen, schwarzen, weißen, roten und gescheckten. Wie viele es sind, weiß sie nicht genau, irgendetwas zwischen 150 und 200.

Die Gärtnerin baut die Bohnen auf ihrem eigenen Hof im Bienenbütteler Ortsteil Steddorf an. Sechs Reihen à sechs Sorten wachsen auf ihrem Feld, außerdem gibt es eine Reihe voller Neulinge, die Solja Kaltenbach auf mögliche Anfälligkeiten für Krankheiten und auf den Ertrag hin testet.

Da stehen Ostfriesische Hartschielen neben Spaghettibohnen, Zuckerwachtelbohnen und diversen Käferbohnen, da wachsen Forellenbohne, Rebhuhnauge und Purple Prince, Calypso und Candy, Floreta und Frauenbohne – letztere übrigens mit sehr hohem Ertrag.

„Ich finde es faszinierend, wie viele verschiedene Sorten es gibt.“ – Solja Kaltenbach

„Während bei Filetbohnen die Fäden weggezüchtet werden, sind sie bei Körnerbohnen erwünscht“, erklärt die 55-Jährige. „Denn: So lassen sich die Kerne besser ausdreschen.“ Beziehungsweise austreten: Denn Solja Kaltenbach tritt die bunten Schätze mit dem Fuß aus ihren Hülsen heraus. „Ich finde es faszinierend, wie viele verschiedene Sorten es gibt“, sagt sie, und die Bewunderung für die Vielfalt der Natur ist ihr anzusehen. „Außerdem sind Bohnen super nachhaltig und bodenfreundlich. Ich finde es wichtig, diesen Reichtum zu erhalten. Damit der Genpool für die kommenden Generationen möglichst groß bleibt.“

Die Realität ist eine andere. Die Gesamtheit der Gene wird immer kleiner. Etwa 75 Prozent aller Kulturpflanzensorten sind seit 1900 verloren gegangen. Und die Saaten sind zu einem Wirtschaftsgut geworden: Drei Konzerne kontrollieren etwa zwei Drittel des weltweiten Marktes.

Denn Saatgut ist schon lange kein Gemeingut mehr. Es ist ein Wirtschaftsgut. Nur wenn eine Sorte zugelassen ist, dürfen ihre Früchte als Nahrungsmittel verkauft werden. Und nur wer die Rechte an einer Sorte hält, darf sie gewerblich verkaufen und vermehren. Solja Kaltenbach isst die meisten ihrer Bohnen daher selbst. Oder sie macht Schmuck aus ihnen, zieht sie wie Perlen auf Ketten und Armbänder – und verkauft dann eben Zierrat statt Zutaten für einen Salat.

Nur eine Handvoll der Sorten darf vertrieben werden

Als Nahrungsmittel vertreiben darf die Geschäftsführerin des seit 40 Jahren biologisch-vegan wirtschaftenden Gärtnerhofs Bienenbüttel nur eine Handvoll ihrer Sorten. Die übrigen besitzen keine Zulassung durch das Bundessortenamt. Sie baut sie trotzdem weiter an, zu groß ist ihre Faszination für die Verschiedenheit.

Es gibt aber noch etwas anderes, das Solja Kaltenbach an den Bohnen fasziniert. Körnerbohnen nämlich sträuben sich gegen etwas, mit dem der Mensch viel Geld verdient: Er züchtet Hybride. Das sind Kreuzungen verschiedener Linien, die über Jahre hinweg nur mit sich selbst befruchtet worden sind. Kreuzt man diese Inzuchtlinien, entstehen sehr ertragreiche Sorten.

Das Problem für die Bauern: Sie können Hybride nicht selbst vermehren, also mehrfach anbauen. Denn Hybride sind nicht samenfest. Das bedeutet, dass Gärtner das Gemüse nicht aus dem Samen der Pflanzen nachbauen können. Sondern sie müssen immer wieder neues Saatgut kaufen.

Körnerbohnen werden in Deutschland kaum angebaut

Für Körnerbohnen gilt das allerdings nicht. „Die Hybride sind kaum besser als das Original“, sagt Solja Kaltenbach und lächelt mit einem Zwinkern in den Augen. Deswegen kann die Gärtnerin die Kerne aus ihren eigenen Bohnen immer wieder in die Erde setzen. Doch es gibt wohl noch einen anderen Grund, warum Körnerbohnen in Deutschland kaum angebaut werden: Sie bedürfen viel Handarbeit.

Die Ausstellung „Hopespots – Räume der Vielfalt“ ist ab Sonntag in der KulturBäckerei zu sehen, siehe auch Seite 15

Tipp

„Hope Spots – Räume der Vielfalt“

Wer die Bohnen von Solja Kaltenbach im Original betrachten möchte, kann dies ab Sonntag, 13. September, in der Lüneburger KulturBäckerei tun. Für eine Gemeinschaftsausstellung der Ateliers und der Kunstschule Ikarus zum Thema „Hope Spots – Räume der Vielfalt“ hat die Gärtnerin das Regal in ihrer Bohnenkammer abge-baut und baut es in der KulturBäckerei originalgetreu wieder auf. Die Ausstellung läuft bis zum 4. Oktober, der Eintritt ist frei.

Von Carolin George