Montag , 19. Oktober 2020
Prinz Asfa-Wossen Asserate ist ein Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und war jetzt zu Gast im Gymnasium Lüneburger Heide. Foto: t&w

Quo Vadis, Afrika?

Melbeck. Kriege, Krisen, Katastrophen, Korruption, Krankheit und Kriminalität: Das Bild, das Europa von seinem südlichen Kontinent vermittelt wird, ist nicht das beste und muss sich ändern, sagt Prinz Asfa-Wossen Asserate. „Afrika wird immer wichtiger, sowohl aus wirtschaftlicher, kultureller, aber auch ökologischer Sicht“, so die Meinung des gebürtigen Äthiopiers, der einen Beitrag zu dieser Zielsetzung dann auch gleich selber leistete: Unter dem Titel „Quo vadis, Afrika? Politik, Wirtschaft und Migration“ gab er den Oberstufenschülern des Gymnasiums Lüneburger Heide (GLH) einen Einblick in die Strukturen seiner Heimat.

Als Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie im Jahr 1948 in Addis Abeba geboren, besuchte Asfa-Wossen Asserate die Deutsche Schule seiner Geburtsstadt und studierte später in Tübingen und Cambridge Rechtswissen-, Volkswirtschaft und Geschichte. Mit Beginn der kommunistischen Revolution und der Machtüber-­ 29nahme durch die Militärjunta im Jahr 1974 musste seine Familie eine Vielfalt an Repressionen erleiden, was ihn dazu bewog, 1976 die erste Menschenrechtsorganisation für Äthiopien, den Council for Civil Liberties in Ethiopia, zu gründen. Asserate selbst besitzt seit 1981 die deutsche Staatsbürgerschaft – setzt sich aber kontinuierlich für die Belange seiner Heimat ein. So auch jetzt in Melbeck.

Auch Hintergründe der Migrationsproblematik beleuchtet

Schülerinnen und Schüler des elften und zwölften Jahrgangs hatten die Möglichkeit, seinen Ausführungen über Afrika zu folgen, später auch Fragen zu stellen, wovon sie regen Gebrauch machten, denn die Vielzahl an Informationen, die sie in dem 45-minütigen Vortrag erhielten, gab Anlass zum Nachdenken: Ob Klimawandel, Bevölkerungswachstum oder wirtschaftliche Entwicklung – zahlreiche Aspekte beleuchtete der politische Analyst während seines Exkurses, erläuterte dabei auch die Hintergründe der Migrationsproblematik.

Rund 70 Millionen Menschen seien weltweit auf der Flucht, erklärte Asfa-Wossen Asserate, damit sei jeder 113. Bewohner betroffen, mehr als die Hälfte davon Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Zwei Drittel von diesen würden sich dabei innerhalb des eigenen Staates bewegen, 21,3 Millionen in andere Länder. „Wir haben es hier mit einer neuen Art der Völkerwanderung zu tun.“

Und die habe zahlreiche Ursachen: Wesentlich verantwortlich sei die nicht abnehmende Geburtenrate. Familien bekämen immer wieder Kinder, um für sich im Alter die Versorgung zu sichern. So wachse die Bevölkerung derart schnell, dass sie sich bis zum Jahr 2050 von jetzt 1,2 Milliarden Menschen auf dann 2,4 verdoppeln werde. „Und so lange es keine Minimumrente gibt, wird sich daran wohl auch nichts ändern“, so der Experte. Aber auch der nicht ausgeglichene Handel trage seinen Anteil zur Migration bei: Zwar hätten sich die Vereinten Nationen mit der Agenda 2030 verpflichtet, im wirtschaftlichen Austausch fair miteinander umzugehen, die Realität sei aber eine ganz andere.

„Entwicklungsländer werden mit billigen Produkten überflutet“

„Durch die hohen Subventionen der europäischen Agrarpolitik werden die Entwicklungsländer mit konkurrenzlos billigen Produkten überflutet“, sagt der Unternehmensberater. So würden beispielsweise Hähnchenschenkel in Massen als Geflügelreste nach Afrika importiert, wodurch sie den einheimischen Bauern die Lebensgrundlage entzögen. Selbiges gelte für Tomaten aus Italien, die den Markt in Ghana zu Fall gebracht und die dortigen Produzenten außer Landes getrieben hätten.

Letztlich lasse sich eine notwendige wirtschaftliche Entwicklung aber nur durch eine politische Veränderung vollziehen, und da seien Bevölkerung und Regierungen gleichermaßen gefordert – genauso wie das Ausland: „Europa muss endlich Schluss machen mit der fatalen Appeasement-Politik, bei der es im Kern nur darum geht, Afrikas Machthaber zu beschwichtigen.“ Ziel sei es dabei nicht, den Staaten auf dem südlichen Kontinent das Modell westlicher Demokratien zu oktroyieren, sondern sie als gleichberechtigt anzuerkennen. „Und dazu gehört auch, dass man Kritik zulässt. Denn Regierungen, die Menschenrechte mit Füßen treten, verdienen keine Unterstützung.“

Die erhofft sich der gebürtige Äthiopier indes von der Jugend, auch von seinen Zuhörern im GLH: „Wenn Sie einen Job haben und gutes Gehalt verdienen, schreiben Sie einen Brief an Ihren Bundestagsabgeordneten und sagen ihm, dass sie nicht möchten, dass Ihr hart verdientes Geld ausgegeben wird, um afrikanische Potentaten an der Macht zu halten.“ Denn nur eine gute Regierung, die ihr Land entwickelt und Hilfe an die Bevölkerung weitergibt, verhindere letztlich Elend und Flucht.

Von Ute Lühr